Home arrow - Kleinkind











Hauptmenü
Home
- Vorwort
- Kleinkind
- Schulkind
- Lehrzeit
- Exerzieren
- Soldat
- Gefangen
- Polarkreis
- Polarnacht
- Kohleabbau
- Westwärts
- Geschichts-Chronik
Kontakt
Impressum
Administrator








Der Dreikäsehoch Drucken E-Mail

Zur Zeit des einsetzenden Altweibersommers ist das Wetter sehr freundlich. Das ist ein guter Grund, diese Zeit in angenehmer Erinnerung zu behalten. Der Hauptgrund aber ist es nicht, denn der 24. September 1925 ist bei mir ein ganz besonderer Tag. Kaum war ich aufgetaucht, da stellte man schon Anforderungen an mich. In einer Gegend, die man in seiner Kurzform so nennt wie einen großen norditalienischen Wasserlauf, bekam ich handgreiflich die Anweisung, mich bemerkbar zu machen. Vor Schreck ließ ich einen Schrei los. Das wurde von beiden freudig aufgenommen, von meiner Mutter und auch von der Hebamme.

 

Vor einigen Jahren war der 1. Weltkrieg zu Ende gegangen. Wir, die besiegten Deutschen, waren an den Verhandlungen des Friedensvertrages nicht beteiligt. Den Vorsitz hatte Clemenceau, der Regierungschef der Franzosen. Hier wurde nicht verhandelt, sondern einseitig festgelegt. Deshalb sprach man von einem einseitigen Diktat. So nannte es jedenfalls einer der Siegerstaaten. Die Bedingungen waren geradezu unmenschlich. Als Reparationen wurden 269 Milliarden Goldmark auferlegt. Aber unser Staat hatte auch noch andere Verpflichtungen. Kriegsopfer, Rentner und Arbeitslose waren in bisher ungekannter Zahl zu versorgen. So wurde der Staat in den finanziellen Ruin getrieben. Die Folge war eine noch nie so da gewesene Inflation. Zuerst schleichend, dann rasant und am Ende radikal. Bereits 3 Monate vor dem totalen Zusammenbruch kostete ein Telefonat im Ortsbereich 500.000 Reichsmark. Das Volk war total verarmt und hungerte. Die Arbeitslosigkeit war so hoch wie nirgends auf der ganzen Welt. Nicht wenige Menschen waren dem nicht mehr gewachsen. Sie zogen daraus die Konsequenzen.

 

Derartige Sorgen hatte ich nicht. Wenn sich bei mir Unzufriedenheit einstellte, meldete ich mich lautstark. Ursachen waren meist eine volle Windel und ein leerer Magen. Die Mutter wechselte die Windel und stillte meinen Hunger an der Brust. Diese Versorgungsart war jedoch nicht von langer Dauer. Deshalb bekam ich ein Zubrot. Eine Flasche mit Schnuller und reichlich Milch wurde auf Temperatur gebracht. So wurde es mir serviert. Nun war ich Flaschenkind. Als ich dann sitzen konnte, erfolgte eine weitere Umstellung. Meine Brust wurde mittels Latz abgesichert. Brei wurde vom Teller zum Mund geschafft. Solange die Mutter am Werk war, lief alles glatt. Als ich dann aber auf die Selbstbedienung umgestellt wurde, ist mir ein Denkfehler unterlaufen. Ich glaubte, nun sei die Zeit des Spielens gekommen und dekorierte die Umgebung mit Brei. Dieser Irrtum gefiel meiner Mutter aber nicht. Ungern kam ich der Weisung der Mutter nach. Aber einen Mangel an Ausdauer konnte man mir nicht vorwerfen. Die Waage hat das bald eindeutig unter Beweis gestellt. Deswegen hatte ich auch bald meinen ersten Spitznamen weg. „Nudel“ wurde ich genannt. Beleidigt war ich deswegen aber nicht. Ganz im Gegenteil, ich fand das sogar recht lustig. Wenn ich damals nach meinem Namen gefragt wurde, soll meine Antwort stets gewesen sein: Franz Xaver Nudelmeier.

 

Meine Mutter

 

Als ich laufen lernte, durfte ich die Mutter bei ihrem Einkauf begleiten. Dabei entging mir wohl, wie der Einkauf legalisiert wird. Geld spielt da eine Rolle. Aber wer hatte in dieser Zeit schon genug davon? Deshalb gab es auch nur wenig Spielzeug. Eines Tages sah ich vor einem Laden einen kleinen Leiterwagen. Der war mir auf der Stelle sympathisch. Im Vorbeigehen nahm ich ihn an der Deichsel und zog ihn hinter mir her. Damit war aber meine Mutter nicht einverstanden. Unter Hinweis auf die Regularien des Eigentumswechsels forderte sie mich auf, den Wagen wieder an seinen Platz zu bringen. Damit war ich jedoch nicht einverstanden und zeigte lautstark meinen Unmut. Es war aber umsonst. Traurig brachte ich den Wagen wieder an seinen Platz.

 

Bald danach kam ich in den Kindergarten. Dort gab es Spielzeug. Nur bei der Verteilung gab es Meinungsverschiedenheiten. Jeder wollte das, was der andere auch wollte. Es kam zu Handgreiflichkeiten. Die Tante konnte das zwar schnell unterbinden, doch da sie die Verteilungsfrage nicht geregelt hatte, kam es zu einer Neuauflage. Jetzt wurde sie resolut und brachte jeden in ein separates Domizil. Eigentlich hatte dieses einen anderen Verwendungszweck, was an den beiden Nullen an der Vorderseite ersichtlich war. Nun waren wir beide uns schnell einig und zeigten unseren Unmut lautstark. Aber es war vergebens, denn erst die Ankunft der Mutter befreite mich.

 

In der Politik war man inzwischen auch klug geworden, man unterzeichnete den Kelloggpakt: den moralischen Verzicht auf den Angriffskrieg.

 

Bis jetzt waren wir zwei Kinder, Bruder Paul und ich. Nachdem im Vorjahr unsere kleine Schwester Edith schon nach kurzer Zeit gestorben war, meldete sich nun ein neuer Zugang an. Die Wohnung war nun zu klein. Eine andere Wohnung zu finden, war nicht leicht. Unser Vater fand einen anderen Weg. Oberhalb der Stadt sollte eine Siedlung gebaut werden. Sozialwohnungen sollten da entstehen. Auch Kriegsversehrte waren eingeplant. Darunter fiel auch unser Vater, denn er war im Weltkrieg mehrfach verwundet worden und bekam eine Rente. Diese wurde nun kapitalisiert und als Darlehen ausgezahlt. Dazu kam noch eine Hypothek. Die Wohnung hatte 4 ½ Zimmer. Nun brauchte er zwar keine Miete mehr zahlen, aber die Rente war ja durch das Darlehen in Wegfall gekommen. Da war Sparen angesagt. Dabei blieb auch das Haushaltsgeld nicht ungeschoren. Aber der Garten am Haus konnte etwas Erleichterung bringen.

 

Nun wohnten wir in der freien Natur oben auf dem Berg (Keesburg). Das fand ich wundervoll. Bis der Winter kam. Der hatte es in sich, denn er war sehr kalt. Unten im Tal war der Main in seiner ganzen Breite zugefroren. Das war auch von Vorteil, denn Rutschbahnen waren ein kostenloser Zeitvertreib. Auf den wollte auch mein sechs Jahre alter Bruder Paul nicht verzichten. Da gab es aber ein Hindernis. Er hatte auf mich, den gerade drei Jahre alten Knirps, aufzupassen. Ich war von seinem Vorschlag begeistert und ging mit. Am Main fand er bald gleichaltrige Jungen. Ich wollte es ihnen nachmachen und schnell fand meine Nase den direkten Weg zum Eis. Das gefiel mir nicht. Darum blieb ich gleich unten. Abwechselnd auf den Knien und dem Hosenboden. So verbrachten wir den Nachmittag. Bei anbrechender Dunkelheit machten wir uns auf den Heimweg. Daheim, bei der Mutter angekommen, zitterte ich sehr. Sie bugsierte mich sofort ins Bett und versorgte mich mit allem. Mein Bruder Paul bekam eine Standpauke von der Mutter. Als der Vater abends von der Arbeit kam, erteilte er ihm auch noch eine Abreibung. Das sind meine Erinnerungen an den Winter  1928 / 29. Bis zur Einschulung 1932 lief alles seinen geregelten Gang. Aber nur soweit es mich und meine nahe Umgebung betraf.

 

Andere dagegen hatten reichlich Grund zur Klage. Die Zahl der Arbeitslosen stieg an. Waren es 1929 nur 2,85 Millionen, so waren es 1930 schon 4 Millionen und 1932 sogar 6 Millionen. Das Arbeitslosengeld, das es erst seit 1927 gab, wurde in der Summe und in der Zahlungsdauer gemindert. Zu dieser Zeit wurde auch das Winterhilfswerk (Unterstützung Minderbemittelter) geschaffen. Damit konnte wenigstens den am schwersten Betroffenen etwas Erleichterung gebracht werden. Aber es gab 1929 noch in New York eine Misere, die eine Weltwirtschaftskrise zu Folge hatte (Börsenkrach). Kurze Zeit danach wurden mit dem Youngplan die Reparationszahlungen neu geordnet. Die bisherige Forderung von 269 Milliarden wurde nun auf 34,56 Milliarden gesenkt. Als Ende der Zahlungen wurde das Jahr 1988 festgesetzt. Das waren noch 6 Jahrzehnte! Österreich, das nach der Ermordung des Thronfolgers durch einen Serben in Sarajewo Serbien angriff und so den 1. Weltkrieg begann, konnte die Streichung aller Reparationsforderungen erwirken. Im Jahr 1932 wurden dann auch Deutschland die restlichen Forderungen erlassen. Sofort waren jedoch noch 3 Milliarden Goldmark zu zahlen. Bei der schon 10 Jahre andauernden wirtschaftlichen Notlage in Deutschland ist es zu verstehen, wenn  die Wahlen dort Stimmen bringen, wo man eine Besserung verspricht. Genau das hat Hitler getan. Die unmenschlichen Bedingungen des Versailler Vertrages gaben ihm die Handhabe dazu.

 

Die Siedlung, auf der wir wohnten, war von Feldern umgeben. Ein kinderlieber Bauer machte uns dort eine Freude. Er setzte uns abwechselnd auf seine Ackerpferde. Das machte uns Stadtkindern Freude. Auch mir. Als jedoch das andere Pferd seinen Kopf zu mir drehte und an meinem Bein schnupperte, da fiel mir Knirps das Herz in die Hose. Der Bauer wollte mich beruhigen. Ich jedoch traute der Sache nicht. Erst als ich wieder auf dem Boden war und nicht mehr in Reichweite des Pferdes konnte ich mich wieder beruhigen.

 

Unter der Kellertreppe befand sich eine dunkle Ecke. Als mich die Mutter einmal in den Keller schickte, um Kartoffeln zu holen, bekam ich einen Schreck. In der dunklen Ecke sah ich eine Schlange liegen. Ich rannte entsetzt zur Mutter. Sie wollte mir nicht glauben. Mit dem Stock bewaffnet ging sie in den Keller. Ich hinter ihr her. Als sie die Schlange sah, fing sie an, laut zu lachen, denn die vermeintliche Schlange war der lange Keim einer Kartoffel.

 

Am Wochenende war Familienbadetag. Da wurde unser Gasbadeofen in Betrieb genommen. Das war nicht einfach. Deshalb durften wir Kinder da nicht ran. Zuerst badete der Vater ausgiebig. Dann wurde ein Teil des Wassers abgelassen und warmes eingelassen. Baden machte uns Kindern Freude. Die Waschaktion unserer Mutter aber weniger.

 

Die Sieger des 1. Weltkrieges hatten sich im Friedensvertrag viele Einspruchsrechte gesichert. Sie untersagten sogar die 1931 geplante Zollunion mit Österreich.