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Ich war nun schon 6 Jahre alt und wurde eingeschult. Da unsere Siedlung noch klein war, hatte sie noch keine eigene Schule. Ich hatte zur Schule in der Stadt einen langen Weg. Unser Lehrer, ein alter Herr mit grauen Haaren, gefiel uns allen gut. Wenn er in das Klassenzimmer kam, riefen wir im Chor: “Guten Morgen, Herr Lehrer!“ Wir hatten noch eine Schiefertafel. Und gerechnet wurde noch mit den Fingern. Rechnen konnte ich gut. Schreiben war da schon schwieriger. Ich durfte nicht, wie gewohnt, links schreiben. Rechts schreiben war damals Pflicht. Aber der Lehrer war bei der Bewertung nachsichtig. Wir hatten ihn auch in der zweiten Klasse. Dann aber wurde er pensioniert. Januar 1933 wurde Adolf Hitler von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Er wurde in Österreich geboren. Dort wollte er ein Kunststudium beginnen. Er wurde jedoch nicht zugelassen. Daraufhin ging er nach Bayern. Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges meldete er sich dort freiwillig. Auch nach dem verlorenen Krieg blieb er in Bayern. Hier wurde er dann Mitglied der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei). Im Herbst 1923 putschte er gegen die Bayerische Regierung. Sein Vorbild war Mussolini in Italien. Mussolini kam an die Regierung. Hitlers Putsch scheiterte jedoch. Er wurde daraufhin zu 5 Jahren Festungshaft verurteilt, aber nach nur einem Jahr entlassen. Der bisher Staatenlose wurde 1932 Deutscher. Er kandidierte dann gegen Hindenburg um das Amt des Reichsoberhauptes. Er unterlag jedoch bei der Wahl. Doch Hindenburg ernannte ihn am 31.01.1933 zum Reichskanzler. Es war keine Wahlentscheidung des Volkes! Vor unserem Haus war der Stolz unseres Vaters. Ein Blumengarten mit Natursteineinfassung. In der Mitte ein Fels mit Grotten und einem Springbrunnen. Im Wasser schwammen zwischen den Wasserpflanzen Goldfische. Sonntagnachmittags wurde der Brunnen eingeschaltet. So etwas gab es nur ein Mal in der ganzen Siedlung. Die Leute blieben stehen und bestaunten unseren Garten. Wenn es im Winter kalt war, wurden die Fische in die Badewanne gesetzt. Am Badetag wurden sie in eine Blechwanne umgesetzt. Das Wasser des Springbrunnens wurde im Winter abgelassen und die Pflanzen mit Reisig abgedeckt. In der 3. Klasse bekamen wir einen neuen Lehrer. Er war stramm, so wie er es als Soldat gelernt hatte. Seine Laufbahn als Soldat beendete er im Rang eines Feldwebels. Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages durften wir nur ein Berufsheer mit 100 000 Soldaten haben. Nach den Bestimmungen des Beamtengesetzes stand ihnen nach ihrer Dienstzeit eine Weiterverwendung als Beamter zu. Der Lehrer legte gesteigerten Wert auf Ordnung und Disziplin. Widerspruch war nicht ratsam. Er hatte, wie andere auch, seine Lieblinge. Und es gab auch andere, die nicht seinen Vorstellungen entsprachen. Letztere hatten es nicht leicht bei ihm. Zu dieser Zeit wurde auch von oben her manches neu geregelt. Wenn jetzt der Lehrer zum Unterrichtsbeginn kam, waren stramme Haltung und „Heil Hitler, Herr Lehrer!“ angesagt. Die Turnstunde begann im soldatischen Marschtritt und mit einem schneidigen Lied. Meine Schrift, nun Pfote genannt, entsprach auch seinen Vorstellungen nicht. Aber ich wagte es nicht, auf mein Problem, ein „Linkser“ zu sein, hinzuweisen. Das war wohl ein dummer Fehler. Meine Eltern hatten eine geradezu klassische Schrift. Besonders die meines Vaters. Sie war gestochen und energisch. Darauf war sogar ich neidisch. Mein Linkserproblem war ihm bekannt. Aber er meinte „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.“ Dagegen war jeder Einwand zwecklos, denn der Vater war wegen einer Schulterverletzung gezwungen, manche Arbeiten links zu machen. Nicht zuletzt deswegen war ich gewillt, den Anforderungen gerecht zu werden. Was ich machte, war nicht geschrieben, es war gemalt. Aber das Ergebnis war unbefriedigend, auch in meinen Augen. Eines Tages hatte ich davon die Nase gestrichen voll. Ich war total entmutigt und schrieb nun schneller. Bei der abendlichen Kontrolle war wohl ein Donnerwetter zu erwarten. Aber es blieb aus. Nun blieb ich bei dieser Schreibweise. Bei der Kontrolle der Hausaufgaben sah der Lehrer zuerst mich und dann die vorherigen Seiten des Heftes an. Dann sagte er: “Na also, es geht doch“. Er schrieb sogar ein „sehr gut“ in das Heft. Stolz zeigte ich es der Mutter. Auch sie lobte mich. Sie nahm mich dann in den Arm, denn ihr war bekannt, wie sehr mich das alles belastete. Nun war bei mir die Welt wieder in Ordnung. Und bei mir kam neuer Mut auf. Wegen des knappen Haushaltsgeldes bekam ich nicht selten ein Pausenbrot mit Marmelade. Das sah man meinem Mund auch an. Das brachte mir einen Tadel des Lehrers ein. Als mit diese Unachtsamkeit nach kurzer Zeit erneut unterlief, war ihm ein Tadel zu gering. Er platzierte mich mit dem Bauch auf seinen Stuhl und gab mir mit dem Stock eine ordentliche Abreibung. Diese Bestrafung erschien mir unangemessen hart. Als ich heulend auf meinen Platz ging, entfuhr mir „Das sag’ ich aber meinem Vater“. Das war eine Dummheit. Der Lehrer quittierte sie mit „Ich strafe Dich mit Verachtung“. Als ich meiner Mutter den Vorfall berichtete, fand sie die Strafe auch hart. Aber sie meinte auch, bei einer Klasse von 50 Kindern hat es ein Lehrer eben schwer. Sie gab mir den Rat, in Zukunft eben mehr auf mich zu achten. Im Gegensatz zu den Problemen mit der Schrift lief es bei den Rechenarbeiten glatt. Auch Kopfrechnen klappte gut. Obwohl ich mich seit der „Marmeladeschnurre“ aus Trotz am Unterricht kaum noch aktiv beteiligte, wollte ich hier zeigen, was ich kann. Da meldete ich mich. Ich wurde auch nach dem Ergebnis gefragt. Es war richtig. Der Lehrer meinte aber „Wer hat das eingesagt?“. Da war mein Selbstvertrauen wieder angeschlagen. Die Mutter meines Vaters war schon in jungen Jahren Witwe geworden. Sie bekam nur eine geringe Pension. Darum wohnte sie abwechselnd bei ihren Kindern. Sie war zwar kein Dragoner, aber ihre Schwabenart war schon recht resolut. Jedes Fehlverhalten wurde abends dem Vater vorgetragen. Das hatte dann Folgen. Als nun das 5. Kind unterwegs war, reichte die Wohnung nicht mehr aus. Sie ging in ein Altersheim. Der Vater hatte von den Kosten einen Teil zu tragen. Aus dem Krieg hatte der Vater einige „Andenken“ mitgebracht. Einen englischen Trommelrevolver, eine kleine Granate und eine Minenwerfergranate. Zwar alles ohne Pulver, also ohne Gefahr. Es war uns aber streng verboten, damit zu spielen. An dieses Verbot hielten wir uns auch. Adolf Hitler war nun seit zwei Jahren Reichskanzler. Er hatte dem Volk versprochen, die Schmach des Versailler Vertrages zu tilgen und mit einem wirtschaftlichen Aufschwung die sozialen Bedingungen anzuheben. Seit 15 Jahren stand das Saarland unter fremder Treuhandverwaltung. Nun sollte das Saarland bei einer Wahl entscheiden, ob es weiterhin der Treuhandverwaltung unterstehen wollte oder ob es zu Frankreich oder Deutschland kommen wollte. Das Ergebnis der Abstimmung war eindeutig. Es wollten 90 Prozent wieder zu Deutschland. Die Kohlengruben der Saar kamen nach dem verlorenen Krieg in den Besitz Frankreichs. Durch Kauf wurden sie nun wieder erworben. Frankreich weitete nun die Dienstzeit seiner Soldaten auf zwei Jahr aus. Im Gegenzug ordnete Hitler die allgemeine Wehrpflicht in Deutschland an. Dies war jedoch nach dem Versailler Vertrag nicht erlaubt. England und Deutschland vereinbaren einen Flottenvertrag. Dies kommt einer Anerkennung der allgemeinen Wehrpflicht gleich. In der Schule wurde nun schon eine dritte Schriftart gelehrt (Südderlin nach Altdeutsch und Latein). Ein Mann der Sparkasse kam zu uns in die Schule und brachte uns Spardosen. Ein Vierteljahr danach leerte er die Spardosen. Ich hatte 64 Pfennig gespart, alles Kupfergeld. Nun war ich im Besitz eines eigenen Sparbuches. Das machte mich stolz. Die allgemeinen Lebensbedingungen hatten sich inzwischen gebessert. Am Wochenende machte die Mutter einen Hefezopf. Den brachten wir in die Backstube. Nach 2 Stunden konnten wir ihn wieder holen. Zum Zopf gab es Malzkaffee. Bohnenkaffee gab es nur an hohen Feiertagen. Taschengeld war bei uns ein Wunschtraum. Geld bekamen wir nur, wenn ein besonderer Grund vorlag. Mein Bruder Paul konnte sich da helfen. Er sammelte im Wald Veilchen und verkaufte sie dann. Der Erfolg war bescheiden, aber immer noch besser als nichts. Wenn wir Volksfest hatten, gab uns der Vater etwas Geld. Es war nicht viel, je nachdem 10 bis 20 Pfennig. Je nachdem bedeutete hier: entsprechendes Betragen vorher. Der erste Weg auf dem Volksfest war der zum Kasperltheater. Dort konnten wir auch ohne Eintritt zusehen. Mehr als 10 Pfennig wurden da nicht ausgegeben. Der Rest wurde gespart. Es dauerte lange, bis mir die Mutter sagte, warum der Vater so sparsam mit dem Geld umging. Seinem erlernten Beruf Schmied konnte er wegen seiner Kriegsverletzung nur schwer nachgehen. Deshalb wurde er umgeschult. Zu dieser Zeit gab es nur wenig Geld. Von Reizlohn sprach er einmal. Als Geselle gab es in den ersten Jahren auch nur einen geringen Lohn. Als er, zusammen mit einem Meister, einen Betrieb erwarb, ging es besser. In dieser Zeit machte er eine Erfindung. Diese meldete er als Patent an und konnte sie verwerten. Als die Zahl der kriegsversehrten Kunden abnahm, wurde auch das Einkommen weniger. Das Auto wurde durch ein Motorrad ersetzt. Beim Kauf des Motorrads erhielt der Vater ein Thermometer als Geschenk. Das machte mich neugierig. Gerne wollte ich wissen, was passiert, wenn das Quecksilber oben ankommt. Mein Forschungsdrang hatte Erfolg: unten platzte der Kolben ab. Und beim Vater der Kragen. Weihnachten erhielt jeder ein Buch. Wir 3 Buben bekamen auch gemeinsam eine Eisenbahn. Immer der Reihe nach durfte jeder die Feder aufziehen und die Bahn fahren lassen. Das ging gut, bis die Feder den Geist aufgab. Nun blieb mir nur noch mein Buch. Das kannte ich zwar schon bald auswendig, aber die Geschichten der Grimms begeisterten mich immer wieder. Einmal hatten wir ein besonderes Erlebnis. Als wir Weihnachten in das Zimmer kamen, sahen wir gerade noch das Christkind durch das offene Fenster hinaussteigen. Es hatte ein langes helles Kleid an. Die Mutter verriet mir einmal, was ich gesehen hatte. Es war eine junge Frau, die so ihr Hochzeitskleid nutzte. Jetzt, im Jahre 1936, begannen die so genannten Jahre des Aufschwungs. Der linksrheinische Teil des Rheinlandes, der nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages entmilitarisiert war, wurde durch die Wehrmacht besetzt. Gleichzeitig wurde der Locarnovertrag, durch den die Westgrenzen Deutschlands festgeschrieben waren, von Hitler beendet. Eine im Rahmen der Reichstagswahl vorgenommene Volksbefragung, welche die Meinung des Volkes zur Politik der Regierung erkunden sollte, ergab eine Zustimmung von 99 Prozent. Wir Kinder hatten damals eine einfache Frisur: Glatze mit kurzen Haaren zur Stirn. Andere sagten dazu „Glatze mit Vorhof“. In den Zigarettenschachteln gab es Bilderschecks mit den Nummern 1 bis 50. Die sammelten wir Kinder und gaben sie dem Vater. Der tauschte die kompletten Serien gegen Bilder. Dazu kaufte er das Album. Davon hatten wir schon eine ganze Reihe. Auf dem Heimweg von der Schule fand ich einmal einen Groschen. Das waren 10 Pfennig. Damit wollte ich der Mutter eine Freude machen. Sie kannte meine empfindliche Natur und gab mir oft Zuspruch. Bei einem Metzger kaufte ich ihr eine Scheibe Rotwurst. Sie gab mir einen kleinen Bierkrug und 13 Pfennig. In der Wirtschaft kaufte ich ¼ Liter Bier. Mit Senf gab das eine echte bayerische Brotzeit. In den Sommerferien durfte ich zu einem Schwimmkurs. So recht klappte das noch nicht. Im Riedinsel-Schwimmbad kam ich dann aber noch zur Reife. Die Sprungbretter 3 – 5 Meter beherrschte ich. Auch im offenen Main war ich schon geschwommen. Nun fehlte nur noch der hohe Turm mit seinen 10 Metern. Vor dem hatte ich einen Heidenrespekt. Eines Tages wagte ich es aber doch. Ich stieg die hohe Leiter hinauf. Unterwegs wurde mir dann aber etwas mulmig. Aber umkehren wollte ich doch nicht. Ich sprang sofort. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich in das Wasser eintauchte. Dann noch einmal, bis ich wieder an die Luft kam. Ich hatte in der Aufregung vergessen, Luft zu holen. Wasser hatte ich zwar nicht geschluckt, aber die Lust auf eine Wiederholung war mir vergangen. Unser Lehrer machte mit uns eine weite Wanderung. Ein Steinbruch war das Ziel. Auf dem Heimweg machten wir in Randersacker am Dorfbrunnen eine Rast. Als ich daheim ankam, fragte mich die Mutter, wo ich meine Jacke gelassen habe. Ich hatte sie irgendwo vergessen. Am Abend gab es ein Donnerwetter. Morgens um 5 Uhr weckte der Vater meinen Bruder Paul und mich. Wir sollten die Jacke suchen. Mein Bruder war sehr sauer. Als wir am Brunnen ankamen, war es mit meiner Beherrschung vorbei. Ich heulte laut los. Ein vorbeikommender Mann sprach mich an. Als ich ihm mein Leid klagte, schickte er mich zum Haus Nr. 100. Die Frau dort habe gestern am Brunnen eine Jacke gefunden. Wir gingen schnell hin. Es war meine Jacke. Ich nahm sie freudig in Empfang und bedankte mich sehr. Nun machten wir uns schnell auf den Heimweg. Noch hungrig machte ich mich im Laufschritt auf zur Schule. Die Olympischen Spiele fanden in diesem Jahr in Deutschland statt. Die Winterspiele in Garmisch Partenkirchen waren erfolgreich gewesen. Nun hofften wir, auch bei den Sommerspielen in Berlin erfolgreich zu sein. Eine ganz besondere Sache waren die erstmals eingesetzten Fernsehkameras. Auch in Berlin waren unsere Athleten erfolgreich. Am Ende der Spiele war Deutschland die beste Nation. Darauf waren wir Kinder sehr stolz. Auch die Erwachsenen bekamen nach den Jahren der Diskriminierung und der sozialen Not wieder moralischen Aufwind. Italien hatte Abessinien im Krieg besiegt und annektiert. In Spanien rang General Franco um die Macht im Lande. In Ostasien standen Japan und China im Krieg. In Deutschland wurden Kinder sozial benachteiligter Familien auf das Land verschickt. Auch zu Verwandten gab es so etwas. Ich konnte zu meinem Patenonkel nach Pasing kommen. Meine Mutter brachte mich zur Bahn und setzte mich in den Zug. Zum Schaffner sagte sie, ich werde am Zielbahnhof von einem Bahnbeamten abgeholt. So war es auch, denn mein Patenonkel war Bahnbeamter. Ihn hatte ich noch nicht gekannt. Das hatte einen besonderen Grund. Meine Mutter war die Tochter eines katholischen Messners. Mein Vater aber war evangelisch. Das war damals noch ein Hindernis. Letztlich heirateten sie aber doch. Das wurde meiner Mutter nicht verziehen. Der Kontakt zur Familie brach ab. Ihre Geschwister waren nicht so engstirnig. Onkel Franz wurde mein Patenonkel. Vom Hauptbahnhof fuhren wir mit der Trambahn nach Pasing zu seiner Familie. Dort wurde ich herzlich aufgenommen. Die Frau meines Onkels war eine herzensgute Frau. Der Onkel hatte ein Hobby. Er war Taubenhalter. Bei meiner Ankunft gab es gebratene Tauben. Am Wochenende erlebte ich etwas Besonderes. Ich sollte mich um 14 Uhr an die Bahnschranke stellen. Dort holt man mich dann ab. Als ich dort stand und wartete, kam eine Lokomotive angefahren und hielt bei mir. Ich wurde nach meinem Namen gefragt und dann auf die Lok geholt. Nach einer kurzen Strecke wurde ich nahe der Wohnung des Onkels abgesetzt. Das war eine tolle Sache. Die 3 Wochen waren viel zu schnell um und ich fuhr wieder heim. Nun kam auf unsere Familie ein wenig erfreuliches Ereignis zu. Wir Kinder hatten am Abend unsere Hausaufgaben dem Vater vorzulegen. Aber wir warteten vergebens. Als ich die Mutter nach dem Vater fragte, da weinte sie bitterlich. Dann sagte sie, er sei beruflich in Schweinfurt. Auch am folgenden Tag kam er nicht. Am dritten Tag kam er dann. Meine Eltern fielen sich weinend um den Hals. Nach einiger Zeit sprach ich die Mutter darauf an. Sie sagte, die Polizei hatte den Vater verhaftet und staatsfeindliches Handeln vorgeworfen. Flugschriften der verbotenen SPD sollte er verbreitet haben. Das hatte er jedoch bestritten. Da man keine Beweise hatte, wurde er wieder freigelassen. Wer da an die Gestapo falsche Beschuldigungen gegeben hatte, war nicht in Erfahrung zu bringen. Hier stand die Existenz auf dem Spiel, denn der Vater versorgte ja Kriegsversehrte auf Staatskosten. Kurze Zeit danach hatte der Vater eine SA-Uniform an. Aufgrund seiner soldatischen Laufbahn als Infanterist im 1. Weltkrieg wurde er als Ausbilder eingesetzt. Man habe ihm dazu „geraten“, sagte er einmal. Bald war mein Bruder Paul beim Jungvolk, den 10 bis 14 Jahre alten Jungen. Da wollte ich auch sein. Das wurde mir zugestanden. Ich bekam sogar eine Uniform. Am Mittwoch und Samstag war nachmittags keine Schule. Da hatte das Jungvolk Dienst. Wir wurden im Heim unterrichtet und lernten auch Lieder. Wenn wir dann durch die Stadt marschierten, sangen wir die Lieder. Bei einem Lied sangen wir einen falschen Text. Statt „....da hört uns Deutschland“ sangen wir „....gehört uns Deutschland“. Das wurde aber bald erkannt und berichtigt. Sehr beliebt waren bei uns Jungen die Spiele in der freien Natur. Bei den Raufereien gab es manche Beule. Aber es hat und doch mehr Freude gemacht als der Unterricht im Heim. Im Sommer gingen wir zeitweise ohne Schuhe in die Schule. Als wir auf dem Heimweg recht wild waren, hatte ich mich unvorsichtig verhalten. Ich sprang auf die Fahrbahn und brachte dadurch einen Radfahrer zu Fall. Es ging glimpflich ab. Er humpelte zwar, aber sonst war ihm kein ernsthafter Schaden entstanden. Wenn im Herbst die Bauern ihre Kartoffelfelder abgeerntet hatten, gingen wir Kinder zum „nachstufpeln“. Da machte auch meine noch kleine Schwester Ilse mit. Wenn sie eine Kartoffel gefunden hatte, rief sie: „Franz – ich hab’ eine Babuffel!“ Reichskanzler Hitler und seine Partei waren bestrebt, beim Volk gutes Ansehen zu haben. Die Regierungen davor konnten dies nicht, denn alleine die Zahlungsverpflichtungen durch die Reparationen schluckten das Geld, das soziale Verbesserungen bringen konnte. Nun aber, nach der Streichung der Reparationen, war eine Entlastung eingetreten. Man hatte auch eine Idee, wie man ohne Geld sein Ansehen steigern konnte. Kinderreichtum wurde mit dem Mutterehrenkreuz geehrt. Da meine Mutter 5 Kinder hatte, bekam sie die Auszeichnung in Gold. Das fand in einem feierlichen Rahmen statt. Eines Tages kamen zwei Jungen mit dem Fahrrad zu uns und wollten den Vater sprechen. So erfuhr ich nun von einem Halbbruder. Er war ein uneheliches Kind aus der Kriegszeit. Bis zur Ankunft des Vaters vertrieben sie sich mit dem Bruder Paul die Zeit recht lebhaft. Auch wir freundeten uns schnell an. Nach kurzer Zeit sind sie wieder heimgefahren nach Lichtenfels. In der folgenden Zeit konnte sich der Vater mit uns Kindern weniger abgeben. Am Abend war absolute Ruhe angesagt. Der Vater wollte nun einen Meisterbrief erwerben. Warum das so wichtig war, erfuhr ich im Jahr danach. Am Sonntag schickte uns die Mutter in die Kirche. Da unsere Siedlung noch keine eigene Kirche hatte, gingen wir hinunter in die Stadt. Als Klingelbeutelspende bekamen wir von der Mutter immer etwas Geld. Wenn wir den Sohn des Ortsgruppenleiters trafen, so gebot uns der Anstand mit „Grüß Gott“ unseren Respekt zu zollen. Das entsprach aber nicht seinen Vorstellungen, denn er belehrte uns mit „Man sagt jetzt Heil Hitler!“ Mein Bruder Paul ging jede Woche ein Mal zum christlichen Verein „CVJM“. Als es die Mutter erlaubte, nahm er mich mit. Hier wurde nicht nur gebetet. Ein Mann, der schon weit in der Welt herumgekommen war, berichtete von seinen vielen Erlebnissen. Er war auch schon in Amerika gewesen und konnte die Aussprache der Amerikaner gut vortragen. Das war sehr spaßig. Nachdem Bruder Paul die Volksschule abgeschlossen hatte, sollte er einen Beruf erlernen. Er bewarb sich bei der Reichspost. Da 130 Bewerbungen eingegangen waren, wurde eine Auswahl vorgenommen. Nach dem dritten Test wurden nur 8 Bewerber von der Post eingestellt. Beim letzten Test schaffte er es nicht. Er begann dann eine Lehre als Drogist. Seine bisherigen Pflichten daheim gab er an mich ab. Gut 2 Kilometer hinter unserer Siedlung befand sich der Flugplatz. Dort war auch eine neue Flugzeugart, der Hubschrauber, zu sehen. An einem Sportflugzeug wurden die Tragflächen durch Rohrgitterarme ersetzt. An deren Enden wurden in waagrechter Stellung Propeller angebracht. Diese Art Flugzeuge hatte ich bisher noch nicht gesehen. Aber es gab noch etwas sensationelleres, den Zeppelin. Der sollte auf dem Flugplatz landen. Das wollte ich unbedingt sehen. Aber da gab es ein unerwartetes Problem. Der Flugplatz war im weiten Umkreis abgesperrt. Nur gegen Zahlung eines Eintrittsgeldes durfte man passieren. Aber ich hatte kein Geld. Nun kam mir das zugute, was ich beim Jungvolk gelernt hatte (Geländespiele). So konnte ich mein Ziel doch noch erreichen. Es war ein tolles Erlebnis, wie der Zeppelin da so lautlos ankam und landete. Wenn es um die Gesundheit ging, wurde nicht gleich der Arzt in Anspruch genommen. Als ich ein Furunkel hatte, wurde das mit Zugsalbe behandelt. Als es aufging, half der Vater etwas nach. Das war zwar nicht ganz schmerzlos, doch der Vater meinte, ich soll doch nicht so wehleidig sein. Nachdem ich beim Patenonkel war, wurde ich nun zur Kinderlandverschickung ausgesucht. Mit der Bahn ging es auf das Land in die Gegend von Bruchsal. Eine Gastwirtsfamilie in Kirrlach nahm mich recht freundlich auf. Sie hatte neben der Gastwirtschaft auch noch eine Landwirtschaft. Im ersten Stock des Hauses war der Saal. An der Stirnfront befanden sich einige Gastzimmer. Eines wurde mir zugewiesen. Am Wochenende hatte im Saal eine Veranstaltung stattgefunden. Die Tische waren noch nicht abgedeckt. Das zu erledigen, war auch daheim meine Aufgabe. Gleich morgens machte ich mich an die Arbeit. Bis Mittag stand das Geschirr vorne auf dem Tisch. Der Boden war sauber ausgekehrt und die Bestuhlung ordentlich aufgestellt. Das brachte mir ein dickes Lob ein. In der Scheune bereitete der Knecht das Futter der Stalltiere zu. Es machte mir Freude, an der Futterschneidmaschine den Motor zu spielen. Auch auf dem Hopfenfeld war ich dabei. Allerdings wurde der Weg zum Feld mit dem Fahrrad gefahren. Radfahren hatte ich aber noch nicht gelernt. Ich bekam ein Damenfahrrad und bald konnte ich damit fahren. Am Samstag wurde vor dem Haus gekehrt. Am Sonntag bekam ich Geld und konnte in das Dorfkino gehen. Das war mir neu, denn in einem Kino war ich noch nie. Besonders beeindruckt hat mich ein Film vom Erdbeben in San Francisco. Nach drei Wochen war diese wunderbare Zeit um und es ging wieder nach Hause. Zur Zeit des Regierungsantritts Hitlers gab es 6 Millionen Arbeitslose in Deutschland. Nach 5 Jahren waren es weniger als einen Million. Wie kam das? Konnte Hitler zaubern? Nein! Der bisher freiwillige Arbeitsdienst war nun eine allgemeine Pflicht. Und zwar bei beiden Geschlechtern. An Stelle der bisher auf 100 000 Mann begrenzten Reichswehr gab es jetzt die allgemeine Wehrpflicht. Zur Bewaffnung der Wehrmacht wurde eine eigene Industrie aufgebaut. Die Autobahnen wurden nun begonnen. Der Westwall ebenfalls. So wurden die Arbeitslosen eingegliedert. War es da ein Wunder, wenn die einfachen Leute im Vergleich zu den Jahren vorher eine Besserung sahen? Woher das Geld hierzu kam, wurde aber nicht bedacht. Heute gibt es etwas Vergleichbares. Man nennt es Neuverschuldung. Nun wurde das Volk „Volksgemeinschaft“ genannt und gegenseitige Hilfe propagiert. Das Winterhilfswerk wurde erweitert. Wir Schulkinder bekamen in der Schule so genannte „Pfundtüten“. Unsere Eltern sollten Lebensmittel spenden. Statt der verbotenen Gewerkschaften wurde nun die Arbeitsfront geschaffen. KDF (Kraft durch Freude) bot Urlaubsreisen an. Wer sich gegen diese Neuerungen aussprach, wurde als Meckerer gebrandmarkt. Die Hausarbeiten, die ich seit dem Beginn der Lehre von Bruder Paul zu erledigen hatte, wurden im Sommer auch noch durch Gartenarbeit erweitert. Am Sonntag, nach dem Mittagessen, kam im Radio das Kasperle. Das war immer lustig. Einmal hatte das Kasperle bei einem Preisausschreiben ein Ti-Ra-Gu gewonnen. Es war sehr erfreut. Leider war das Ti-Ra-Gu nur ein Tinten-Radiergummi. Zu jener Zeit kamen auch die ersten Farbfilme auf. Das Persilwerk brachte einen Werbefilm in Farbe. Der Eintritt war kostenlos. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich kam jedoch nur bis zum Eingang, denn der Film war den Erwachsenen vorbehalten. Ich blieb traurig am Eingang stehen. Als der Film schon angefangen hatte, kam der Platzanweiser und brachte mich in die erste Reihe. Dort war der Eckplatz noch frei. Von hier aus hatten die Menschen auf der Leinwand alle einen Eierkopf. Aber das machte mir nichts aus. Eines Tages hatten wir schulfrei. Aber nun war Jungvolkdienst angesetzt. Wir marschierten zum Residenzplatz. Er war voll von Menschen. Lauter Kolonnen von Uniformierten. Uns wurde ganz am Rand ein Platz zugewiesen. Wir standen lange. Es war sehr warm. Das Rote Kreuz hatte sehr viel zu tun. Da kam auf einmal vom Hauptbahnhof her ein ungeheurer Jubel. Er wurde immer lauter. Eine Autokolonne fuhr vor. Adolf Hitler stieg aus und ging zum Rednerpult. Er hielt eine lange Rede. Immer wieder wurde er vom brausenden Jubel unterbrochen. Das hat mich sehr beeindruckt. Von dem, was er sagte, verstand ich mit 12 Jahren aber nur wenig. Vor einer Wahl wurden wir Jungvolkjungen zur Wahlwerbung eingesetzt. Wir marschierten von Wohnblock zu Wohnblock und sagten laut unseren Text auf. An einen Satz kann ich mich noch gut erinnern: „Jeden Mann und jede Frau wir holen aus dem Bau“. Eine meiner Pflichten war auch der Einkauf der Lebensmittel. Die Mutter hatte mir alles auf einen Zettel geschrieben. Obwohl die Preise stabil waren, kam es manchmal doch zu Verteuerungen. Da langte dann das Geld nicht. Das brachte mir einmal den Vorwurf „Pfennigfuchser“ ein. Aber einmal hatte ich scheinbar zu viel Geld dabei. In der Schule lernten wir nun nicht mehr mit Pfund, sondern mit Kilogramm zu rechnen. Das sagte ich der Mutter. Sie ist darauf eingegangen. Ich gab der Frau den Zettel. Sie gab mir die Ware. Dann bekam ich noch Geld heraus. Wieso? Die Mutter kam da bald dahinter. Die Frau hatte die Bezeichnung Kilo nicht beachtet. Am Samstag wurde am Nachmittag im Radio immer ein „Bunter Nachmittag“ gebracht. Diese Sendung war sehr beliebt. Damals wurden noch 48 Stunden in der Woche gearbeitet. Erst Samstag Mittag war frei. Da kam diese Sendung gerade recht. Freizeit war bei mir Mangelware. Der Garten brauchte sehr viel Wasser. Wenn ich hier meiner Pflicht nachkam, spielten die anderen Jungen auf dem Rasenplatz hinter dem Haus mit dem Ball. Eigentlich war das streng verboten. Das wurde auch durch ein Verbotsschild angezeigt. Aber der Pfahl des Schildes diente nur als Torpfosten. In den Sommerferien hatte ich an den Werktagen noch eine weitere Aufgabe. Der Garten brauchte viel Dung. Den hatte ich beizubringen. Mit dem Handwagen und einer Schaufel zog ich los. Auf den Feldwegen zum nahen Dorf Gerbrunn sammelte ich ein, was die Zugtiere so hinterlassen hatten. Das brachte mir etwas ein. Die volle Fuhre wurde mit 5 Pfennig belohnt, manchmal auch etwas mehr. War das Sammelergebnis schlecht, dann gab es auch kein Geld. An einem wenig ergiebigen Tag wollte ich meine Fuhre etwas aufbessern. Ein Misthaufen am Feldrand kam mir da ganz gelegen. Nicht aber der Feldaufseher, der meinen Weg kreuzte. Er stellte mich zur Rede und gebot mir, den ganzen Wagen abzuladen. Da ich daheim gelernt hatte, allen Anweisungen zu gehorchen, kam ich der Aufforderung ohne Widerrede nach. Mit dem leeren Wagen fuhr ich dann heim. Am Abend legte ich dann beim Vater ziemlich zerknirscht eine Beichte ab. Ich kam zwar ungeschoren davon, aber Geld gab es auch nicht. Da jedoch Bescheidenheit eines der mir anerzogenen Ideale ist, konnte mich das nicht umwerfen. Bei den Menschen unterscheidet man zwei Geschlechter. Das war mir bekannt. Aber von besonderem Interesse war das bisher nicht bei mir. Nun aber wandelte sich das. Da gab es in unserer Nachbarschaft eine Annemarie. Die hatte zwar X-Beine, aber das war in meinen Augen und in diesem Falle kein Grund zur Ablehnung. Ganz im Gegenteil. Dort, wo sie war, da tauchte auch ich auf. Das war einem anderen Jungen aufgefallen. Er war wohl der Meinung, seine Entdeckung sollte nicht verheimlicht werden. Das reizte meinen Schwarm zu der Bemerkung, sie wolle von mir gar nichts wissen. Das hat mich, bei der mir eigenen Empfindlichkeit, schon getroffen. Aber als mir zu Ohren kam, was der Grund war, da war es nur noch halb so schlimm. Mit dem flotten Walter konnte ich nicht mithalten. Walter hatte einen kleinen Bruder. Seine Eltern hatten ihm den Namen Hermann gegeben. Aber aufgrund eines Sprachfehlers war er nur das „Lösle“. Auch ich hatte einen Spitznamen. Ich war der Moses. Von wem dieser Geistesblitz kam, habe ich nie erfahren. Es gab aber auch wichtigeres auf der Welt. Bis jetzt hatte sich die Politik der Regierung wesentlich auf das Gebiet des eigenen Staates begrenzt. Italien hatte Abessinien annektiert. In Spanien tobte ein Krieg um die Macht im Lande. Die spanische Regierung erhielt von internationalen Brigaden Beistand. Die Gegenseite unter General Franco erhielt von Italien Hilfe. Auch Deutschland schickte mit den Freiwilligen der „Legion Condor“ Waffenhilfe. Das war mir bekannt. Von Interesse war das aber bei mir noch nicht. Beim Jungvolk hatten wir anfangs nur an schulfreien Nachmittagen Dienst. Dann aber wurde der Samstag Staatsjugendtag. Der Jungvolksdienst begann schon am Vormittag. Als wir einmal durch ein Vorortviertel marschierten, hatte der Junge hinter mir die glanzvolle Idee, mir auf den Schuh zu treten. Dadurch verlor ich meinen Halbschuh. Den griff er sich und warf ihn in einen Garten. Ich lief schnell hin, um den Schuh zu holen. Das fand unser „Befehlshaber“ aber nicht in Ordnung. Er gab mir Befehl, sofort an meinen Platz zu gehen. Aber nur mit einem Schuh heimzukommen, schien mir nicht ratsam. Deshalb kam ich der Aufforderung nicht nach. Das wurde mir, ohne nach dem Grund meines Verhaltens zu fragen, als Befehlsverweigerung angerechnet. Mir wurde der Lederknoten des Halstuches abgenommen. Mich machte das nach der damaligen Denkart ehrlos. Das beichtete ich abends dem Vater. Er sagte mir, meine Verhaltensweise sei richtig gewesen. Am folgenden Tag zog er seine SA-Uniform an und kaufte sich den Kerl. Das hat wohl seine Wirkung nicht verfehlt. Jedenfalls brachte er den Lederknoten wieder mit. Ich ging nun nicht mehr in den Jungvolkdienst. Die hier obligatorische Aufforderung, wieder zum Dienst zu gehen, blieb aber aus. Unsere Siedlung wurde stetig durch Neubauten erweitert. Sie schien einem Handelsmann eine lohnende Gegend zu sein. Mit seinem Pferdewagen und einer Glocke kam er zu uns und bot seine Waren an. Danach suchte er die Wirtschaft auf. Ein Mal wohl zu ausgiebig, denn auf dem Heimweg wurde er unaufmerksam. Auf dem abfallenden Weg zog er die Bremse am Wagen nicht an. Das Pferd konnte den Wagen nicht mehr halten. Er kam immer mehr in Fahrt. Ein beherzter Mann stellte sich, wild mit den Armen fuchtelnd, in den Weg. Das Pferd wich aus, der Wagen fuhr an einen Alleebaum und kam zum stehen. Nahe dem Unfallort standen moderne Wohnbauten mit Flachdach. Eines bewohnte Herr Silbermann, ein Jude. Der hatte einen etwa 10 Jahre alten Sohn. Dieser hatte eine elektrische Eisenbahn. Da er alleine war, nahm er sich einen anderen Jungen zum spielen mit. Juden waren zu dieser Zeit schlecht angesehen. Die Propaganda stellte sie als schlechte Menschen dar. In unserer Nachbarschaft befand sich ein Schaukasten des „Stürmers“. Diese Zeitung diente genau diesem Propagandazweck. Nach den Sommerferien gab es im Schulbereich etwas Neues. Die bisherigen Konfessionsschulen wurden abgeschafft. Ein Klassenkamerad aus der Nachbarschaft kam in die nahe gelegene Schillerschule. Ich dagegen wurde in eine andere Schule geschickt. Sie hatte die Bezeichnung „Taubstummenanstalt“. Aber was wollte ich dort? Ich war weder taub noch stumm. War das eine Schikane des ungeliebten Lehrers? Bald zeigte sich das jedoch von einer anderen Seite. Eine neue Schule war schon im Bau. Einige Klassenzimmer der Taubstummenschule waren frei. Deswegen wurden wir dort zeitweise untergebracht. Hier waren wir nicht mehr so viele Kinder, statt bisher 50 nur noch 23. Der Lehrer hatte einen Doktortitel und war sehr beliebt. Er wurde unter den Schulkindern „Logger“ genannt. Bei diesem Lehrer fand ich bald wieder mein Selbstvertrauen. Nun beteiligte ich mich wieder aktiv am Unterricht. In den Pausen spielten wir mit den Taubstummen. Sie waren nicht wirklich taubstumm, sondern sie hatten nur Schwierigkeiten bei der Aussprache. In seinen Reden hat Hitler immer wieder auf das Unrecht des Versailler Vertrages hingewiesen und Revision gefordert. Besonders das Nationalstaatenpostulat (Selbstbestimmungsrecht der Völker), das nur einseitig angewendet wurde, hob er hervor. Bei der Ausgliederung der Minderheiten aus der österreichisch-ungarischen Monarchie hatten die Sieger des 1. Weltkrieges den Tschechen und Slowaken einen eigenen Staat geschaffen. In diesen Staat wurden aber auch Minderheiten anderer Völker gegen ihren Willen eingebunden. Es waren Polen, Karpato-Ukrainer, Ungarn und auch 3 Millionen Sudetendeutsche. Die deutsche Minderheit war zahlreicher als die Slowaken. Die Deutschen wollten zu Österreich. Das wurde abgelehnt. Die Österreicher, die ja eigentlich Deutsche sind und bis 1870 zum Deutschen Reich gehörten, wollten wieder zu Deutschland. Aber sie wurden durch ein Anschlussverbot im Friedensvertrag daran gehindert. Diese dem Postulat klar entgegenstehende Zwangshandlung hat es Hitler leicht gemacht, immer wieder Forderungen zu stellen. Dann hat man im „Münchner Abkommen“ 1938 die Sudetenfrage doch in diesem Sinne geregelt. Vorher allerdings besetzte er im Handstreich Österreich und gliederte es als Ostmark ein. Gegen den Willen der österreichischen Regierung und trotz des Anschlussverbotes. Zu dieser Zeit begann sich bei mir das Interesse an der Politik zu entwickeln. Dieser Akt wurde in der Schule lang und breit behandelt. Die Österreicher stimmten in einer Volksabstimmung mit 99,7 Prozent dem Anschluss an Deutschland im März 1938 zu. Im Sommer brachte der Postbote Geld. Es waren 2 000 Reichsmark, eine damals bedeutende Summe. Das Trinkgeld entsprach wohl nicht seinen Erwartungen. Und das gab er auch zu verstehen. Dieses Verhalten machte mich neugierig. Ich fragte die Mutter deshalb. Sie sagte, das Geld sei ein Darlehen vom Staat zum Aufbau einer Filiale in Bad Mergentheim. Nach den damaligen Bestimmungen war eine Filiale von einem Meister zu leiten. Deshalb hatte der Vater auch den Meisterbrief erworben. Am Sonntag machte der Vater mit uns Kindern gerne Wanderungen. Dabei waren oft weite Strecken zu wandern. Ziel war meist eine Gastwirtschaft. Der Vater trank Frankenwein, wir Kinder bekamen Limonade. Wenn wir nur eine kurze Strecke unterwegs waren, dann war das Ziel oft der „Engel“ in Gerbrunn. Diese Wirtschaft hatte einen netten Garten. Dort wurde auch Musik gemacht. Mir fiel da ein Junge mit seiner Ziehharmonika auf. Er spielte flott und regte bei mir den Wunsch an, auch so ein Instrument zu besitzen. Bald bot sich mir eine Gelegenheit, an eine kleine Ziehharmonika zu kommen. In unserer Nachbarschaft wohnte eine Kriegerwitwe mit ihren beiden Kindern. Wegen ihrer geringen Witwenrente vermietete sie ein Zimmer an einen Studenten. Der Sohn der Witwe hatte eine Ziehharmonika. Diese sollte verkauft werden. Meine Mutter fand meine Idee gut. Sie ermunterte mich zum Kauf. Der Preis von 20 Reichsmark war nicht zu hoch, aber wie sollte ich das Geld aufbringen? Jede Woche eine Mark, das war kaum machbar. Da konnte ich mich nicht auf den Zufall verlassen. Noch hatte ich das Geld von den Sammelaktionen in den Ferien. Auch die Mutter wollte im Notfall etwas beisteuern. Aber nach den Ferien sah es schlecht aus. Ich brachte aus Garten und Küche alles, was als Federviehfutter verwertbar war, zu einer Nachbarin. Da gab es dann ein paar Pfennige. Als der Herbst anfing, bot sich eine weitere Gelegenheit. Ein etwa 20 Minuten entfernt wohnender Professor suchte einen Jungen, der die Kohlen vom Keller hoch holte und andere kleine Verrichtungen machte. Diese Arbeit bekam ich und erledigte sie auch bei Regen und Schnee. So kam ich zurecht. Nachdem Österreich in das Reich „heimgekehrt“ war, verlangte Hitler auch die Abtretung des Sudetenlandes von der Tschechoslowakei. Dies bezeichnete er als die letzte Forderung zur Revision des Versailler Vertrages. Die Tschechoslowakei lehnte dies ab. Damit wollten sich die Sudetendeutschen nicht abfinden. Das machten sie deutlich. Auf Anregung Englands setzte sich der italienische Staatschef Mussolini für eine Konferenz ein. Hier sollten die territorialen Fragen geregelt werden. Die Konferenz wurde nach München einberufen. Teilnehmer waren Italien, England, Frankreich und Deutschland. Die Tschechoslowakei wurde nicht eingeladen. Ein Ergebnis war die Abtretung des Sudetenlandes an Deutschland. Dies war gegen den Willen der Tschechoslowakei. Da ihre Bundesgenossen gegen sie entschieden hatten, war ein Widerstand zwecklos. Die in das Sudetenland einmarschierten Soldaten wurden mit viel Jubel empfangen. Auch Polen bekam das umstrittene Olsa-Gebiet zugesprochen. Hitler beteuerte noch einmal, nun keine Forderungen mehr zu stellen. Das wurde mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Im Herbst wurde Wintervorrat eingekauft. Ein Bauer aus Versbach brachte eine Fuhre Kartoffeln zu uns. Es waren 20 Zentner. Das war der Jahresbedarf. Wenn er vorzeitig aufgebraucht war, wurde im Einzelhandel zugekauft. Auf Kosten des Haushaltsgeldes. Das Pfund (500 g) kostete 4 Pfennig, neue Ernte 10 Pfennig. Auch bei den Kohlen wurde im Herbst eingekellert. Die Briketts wurden ordentlich aufgestapelt. War der Vorrat aufgebraucht, dann holten wir Kinder in der Stadt welche mit dem Handwagen. Da wir den ganzen Berg hochzufahren hatten, war das anstrengend. Als die Schwester Ilse 7 Jahre alt war, bekam sie ein eigenes Zimmer. Es war das, in dem Grußmutter wohnte. Der Vater kaufte ein gebrauchtes Zimmer. Es kostete 100 Reichsmark. Am Samstag Abend wurde auf unserer Siedlung etwas Besonderes geboten. Da zog nach alter Tradition ein Nachtwächter auf. Mit Laterne und Hellebarde ging er durch die Siedlung und sang sein Lied: „Hört ihr Leut’, und lasst euch sagen...“. Ein engstirniger Mensch rebellierte dagegen. Er sah die Nachtruhe seiner Kinder gestört. Im Herbst, wenn die Felder abgeerntet waren, zogen die Soldaten ins Manöver. Unsere Siedlung lag zwischen zwei Objekten, die gegen Fliegerangriffe zu sichern waren. Das waren der Flugplatz und die Eisenbahnbrücke unten am Main. Deswegen waren Fliegerabwehrkanonen (FLAK) und Scheinwerfer in Stellung gegangen. Da waren wir Kinder immer dabei. Am Abend allerdings, wenn die Scheinwerfer zum Einsatz kamen, hatten wir ein striktes Ausgangsverbot. Wir standen dann am Fenster und bestaunten die Lichtkegel der Scheinwerfer. Als ich am 10. November 1938 morgens in die Schule kam, gab es viel Aufregung. Die Kinder, die in der Stadt wohnten, hatten Erstaunliches zu berichten. Am Abend des Vortages wurden Wohnungen, Geschäfte und Synagogen heimgesucht. Es handelte sich um Eigentum von Juden. Wir auf der Siedlung hatten das nicht bemerkt, denn bei uns wohnten keine Juden. In den Radionachrichten wurde dann berichtet, was die Ursache war. In Paris wurde ein deutscher Botschaftsangestellter von einem Juden erschossen. Am Abend wurden dann an vielen Stellen des Landes Einrichtungen von Juden zerstört. Das wurde als spontaner Volkszorn bezeichnet. Am Nachmittag bin ich dann in die Stadt gegangen und habe mir den angerichteten Schaden angesehen. Im Garten einer Villa lag die Schlafzimmereinrichtung. Aus dem Keller der Weinhandlung wurde der Fasswein in die Gosse geleitet. Aus einer nachfolgenden Statistik ist zu entnehmen: Von den ehemals 600 000 Juden in Deutschland waren vor dieser Aktion 170 000 emigriert. Demnach waren noch 430 000 in Deutschland. Historiker sind Geschichtsforscher. Sie gelangen nach Ablauf der Ereignisse an die Quellen der Geschichte. Dazu steht ihnen Material von allen Seiten zur Verfügung. Ihre Aufgabe ist es, als neutrale Beobachter die ungeschminkte Wahrheit zu erkunden und davon zu berichten. Wenn sie das Verhalten des Volkes bewerten, so haben sie den Wissensstand zur Zeit des aktuellen Geschehens einzubeziehen. Es ist falsch, den Kenntnisstand der Nachfolgezeit an Stelle des aktuellen zu setzen. Sie haben auch zu bewerten, in welchen politischen Gegebenheiten das Volk lebte. Was konnte das Volk wissen, wenn die Presse gleichgeschaltet war und der Empfang feindlicher Sender unter Strafe stand? Hat ein Familienvater nicht auch an seine Familie zu denken? Waren Volksgerichtshof und KZ (Konzentrationslager) keine Tatsachen? War die Verhaftung meines Vaters nicht Beispiel genug? Die neue Schule, die an das Lehrerseminar angebaut wurde, war nun fertiggestellt. Dort bekamen wir wieder einen neuen Lehrer. Die in der Ausbildung befindlichen Junglehrer hatten an zwei Vormittagen Probeunterricht zu erteilen. Die Unterrichtszeit wurde neu geregelt. Jetzt hatten wir am Vormittag 5 Stunden zu je 45 Minuten. Politik wurde gezielt einbezogen. Im März 1939 wurde die Filiale Bad Mergentheim eröffnet. Der Vater fuhr am Montag morgens mit der Bahn hin und kam am Samstag nachmittags wieder heim. Geschlafen hatte er in der Anprobekabine und gegessen im Gasthaus. Bald zeigte es sich, die Filiale war ein Volltreffer. Zu jener Zeit erklärte die Slowakei ihre Unabhängigkeit. Sie trat die Karpato-Ukraine an die Sowjetunion und das Gebiet der ungarischen Minderheit an Ungarn ab. Am folgenden Tag brach Hitler das gegebene Versprechen, keine weiteren Gebietsforderungen mehr zu stellen. Der tschechische Restteil der Tschechoslowakei wurde nun als Protektorat Böhmen und Mähren an Deutschland angegliedert. Damit verlor Hitler jede Glaubwürdigkeit. Das hatte Folgen: Frankreich erweiterte seine Truppen und England führte die allgemeine Wehrpflicht ein. Auch wurden verschiedene Bündnisse gegen Deutschland geschlossen. Italien besetzte nun Albanien. In Spanien ging der Bürgerkrieg zu Ende. Hitler kündigte Abkommen mit England und Polen. Er verlangte nun Danzig und den polnischen Korridor. Nun bekamen wir schon wieder einen neuen Lehrer. Er war sehr beliebt. Politisch trat er nicht in Erscheinung. Er berichtete von einer Motorradreise nach Ungarn. Dort kannte er eine volksdeutsche Frau, die er bald heiraten wollte. Er berichtete von der manchmal nicht gerade freundlichen Behandlung der Volksdeutschen durch die Ungarn. Im Sommer wurde mit der Sowjetunion ein Vertrag geschlossen. Er enthielt einen Nichtangriffspakt und ein Wirtschaftsabkommen. Ein Geheimabkommen, Polen betreffend, wurde geschlossen. Hitler verlangte von Polen einen Unterhändler. Er sollte der Abtretung der nach dem 1. Weltkrieg an Polen abgetretenen Gebiete zustimmen. Polen, das Beistandspakte mit England und Frankreich geschlossen hatte, lehnte jedoch ab. Es schickte den von Hitler geforderten Unterhändler nicht. Da Polen auf sein Verlangen nicht einging, wollte er dies mit Gewalt erzwingen. Polen wurde nun der Krieg erklärt. Als Grund wurde angegeben: Seit 5:45 Uhr wird zurückgeschossen. Das sollte die Reaktion auf einen angeblichen polnischen Angriff gegen den deutschen Sender Gleiwitz sein. Die Verbündeten Polens forderten den Rückzug der deutschen Truppen. Als darauf nicht eingegangen wurde, erklärten sie Deutschland den Krieg. Aktive Hilfe wurde jedoch nicht geleistet. Nach drei Wochen war Polen besiegt. Nun besetzte die Sowjetunion den Ostteil Polens, den es sich 1920 unfriedlich genommen hatte. Dieses Gebiet hatte vorwiegend weißrussische und ukrainische Bewohner. Die Volkstumsgrenze wurde von dem Engländer Curzon 1919 gezogen. Deutschland nahm sich die durch den Versailler Vertrag verlorenen Gebiete und noch etwas mehr. Der restliche Teil Polens wurde als Generalgouvernement ebenfalls eingegliedert. Hitler richtete nun ein Friedensangebot an England und Frankreich. Dieses lehnten sie mangels Vertrauen ab. In Deutschland wurden nach Kriegsbeginn sofort Maßnahmen ergriffen, welche die Fehler des 1. Weltkrieges vermeiden sollten. Strenge Rationierung von Lebensmitteln, Kleidung, Tabakwaren und Benzin wurden eingeleitet. Der Lebensmittelhandel legte Kundenlisten auf. Eine totale Verdunkelung sowie Tarnscheinwerfer an Fahrzeugen wurden angeordnet. Sie sollten feindlichen Flugzeugen kein Ziel bieten. Luftschutzkeller wurden eingerichtet und Volksgasmasken zum Preis von 5 Mark angeboten. Als Hitler im November in München seine alljährliche Parteirede hielt, wurde in Attentat auf ihn geplant. Da er aber nach ungewohnt kurzer Zeit seine Rede beendete und den Saal verließ, schlug es fehl. Die Jugendorganisationen der 14-18-jährigen Jungen und Mädchen HJ und BDM wurden nun Pflicht. Meine bisherige passive Haltung konnte nicht beanstandet werden. Ich war noch keine 14 Jahre. Im Nordatlantik begann der U-Boot-Krieg. Um die Feindgebiete wurde eine Sperrzone festgelegt. Hierdurch sollten die Zufuhren abgeschnitten werden. Die Gegner versuchten ihrerseits, die deutschen Zufuhren zu unterbinden. Seit der Krieg begonnen hatte, wurde in der Schule mehr von Politik gesprochen.
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