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Lehre und Politik Drucken E-Mail

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Ende Februar 1940 ging meine Volksschulzeit mit der 8. Klasse und Notendurchschnitt 3,0 zu Ende. Unerwartet sollte ich nun meinen Berufswunsch nennen. Einen Traumberuf hatte ich nicht. Ich kam zum Vater in die Lehre als Orthopädiemechaniker. Das bedeutete: Noch vor 5 Uhr aufstehen. Ein schnelles Frühstück und ab zum Südbahnhof. In der Hand den Koffer mit dem Mittagessen für uns beide. Vor 6 Uhr Abfahrt. Gegen 8 Uhr Ankunft in Bad Mergentheim. Die Öfen anheizen und die Werkstatt aufräumen. Dann Arbeitsbeginn. Mittagspause eine Stunde. Rückfahrt um 17 Uhr. Unterwegs das Anatomie-Lehrbuch lesen. Gegen 19 Uhr Ankunft in Würzburg. Manchmal noch in das Hauptgeschäft in der Sanderau. Dann heim zur Mutter zum Abendessen und bald in die Falle, denn es blieben nur 8 Stunden, bis der Wecker wieder klingelte. Samstags war schon um 14 Uhr Feierabend. Da war der Sonntag der einzige Lichtblick. Politik war da für mich kaum von Interesse. Hitlerjugenddienst auch nicht. Die Zeitung wurde nur kurz durchgeblättert. So ging das ganze 6 Monate lang. Dann sind wir umgezogen nach Bad Mergentheim.

Seit Oktober lautete der tägliche Wehrmachtsbericht: „Im Westen nichts Neues“. Im Verborgenen jedoch schwelte etwas. Die Seeverbindung ging über die Nordsee, vorbei an der Küste von Norwegen. Hier wollten die Gegner sperren. Wir aber brauchten sie. Schon alleine für die U-Boote. Aber auch für die Erzlieferungen Schwedens. Sie liefen über den norwegischen Nordseehafen Narvik. Am 7. April liefen alliierte Einheiten der Marine nach Norwegen aus. Zwei Tage später besetzten bereitstehende deutsche Truppen Dänemark und setzten nach Norwegen über. Nach wechselvollen und schweren Kämpfen traten die Alliierten den Rückzug an, denn inzwischen lief auch der deutsche Angriff im Westen gegen Frankreich.

Das alles geschah in den ersten beiden Monaten meiner Lehre. Die Erfolge unserer Soldaten waren erfreulich. Bei mir selbst sah es anders aus. Schon alleine das Tagespensum machte mir zu schaffen. Aber nun kam auch wieder mein altes Problem hinzu: Linkshänder. Nun galt: Hammer rechts, Meißel links. Da traf der Hammer manchmal statt des Meißels auch die linke Hand.

Frankreich, dessen Präsident Clemenceau die Verhandlungen für den Versailler Vertrag geleitet hatte, errichtete zu seinem Schutz die Maginot-Linie als Schutzwall. Nun stand es wieder im Krieg mit Deutschland. Hitler hatte vor dem Polenkrieg den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und Schweden ein Garantieversprechen für die Neutralität gegeben. Obwohl Belgien den Alliierten einen Durchmarsch nicht zugestanden hatte, ließ Hitler zur Umgehung der Maginot-Linie einen umfassenden Angriff über die BENELUX-Staaten vornehmen. Dieser war erfolgreich. Schon nach drei Wochen zog England seine Truppen über Dünkirchen ab. Nach weiteren drei Wochen sah sich Frankreich gezwungen, einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Kurz zuvor hatte Italien noch England und Frankreich den Krieg erklärt. Hier erhebt sich die Frage, ob dieser Krieg ohne die harten Bedingungen des Versailler Vertrages und die nur einseitige Anwendung des Nationalstaatenpostulats eine Begründung gehabt hätte. Die Sowjetunion besetzte aufgrund der geheimen Abmachungen die Baltenstaaten. Rumänien gab Bessarabien (Moldawien) an die Sowjetunion, Nordsiebenbürgen an Ungarn und die Dobrudscha an Bulgarien ab. Über England entbrannte eine Schlacht um die Luftherrschaft. Sie war eine Voraussetzung für eine Landung deutscher Truppen in England. Auch wurden von beiden Seiten Luftangriffe auf Städte geflogen. Ziele waren Portsmouth, Berlin, London, Essen, Birmingham, Liverpool, Köln, Glasgow und Wilhelmshaven. Im Atlantik wurde der U-Boot-Krieg fortgesetzt.

Nachdem wir in Bad Mergentheim wohnten, war die leidige Bahnfahrerei vorbei. Das Arbeitspensum nahm zu, denn nun waren auch die ersten Kriegsversehrten zu versorgen.

Bald lernte ich ein nettes Mädchen kennen. Aber nach den Erfahrungen mit Annemarie hielt ich mich noch zurück.

Nun kam es auch zu einem Krieg Italiens gegen Griechenland. Das hatte die Landung englischer Truppen auf der griechischen Insel Kreta zur Folge. Italien kam in eine militärische Notlage und erwartete Waffenhilfe von Deutschland.

Nun traten die Folgen des Krieges auch in der Heimat auf. Kuranstalten wurden Reserve-Lazarette. Die Kaserne war voll belegt. Frauen übernahmen die Arbeiten der zur Wehrmacht eingezogenen Männer. Aufgrund der Verdunkelungsmaßnahmen verunglückte ein Kurgast. Er rannte sich an einer Bahnunterführung den Kopf ein. So endete das Jahr 1940.

Nun ging das erste Lehrjahr seinem Ende entgegen. Der Arbeitsumfang stieg weiter an. Die Arbeitszeit richtete sich danach.

Eines Tages kam ein im Rollstuhl sitzender Schwerversehrter vorgefahren. An der Kleidung trug er den Judenstern. Im 1. Weltkrieg war er als deutscher Soldat schwer verwundet worden. Nun brauchte er Hilfe. Als der Vater mit ihm redete, kam ein Mann vorbei. Er machte eine unpassende Bemerkung. „Das ist ein Kriegskamerad“ antwortete der Vater. Dann zog der Mann wortlos ab.

Italien hatte 1939 Albanien besetzt und im Oktober 1940 Griechenland angegriffen. Nun war der Balkan Kriegsgebiet. Im März 1941 trat Jugoslawien dem Dreimächtepakt bei. Durch einen Staatsstreich wurde die Regierung gestürzt und der Beitritt aufgehoben. Die Sowjetunion traf nun mit der neuen Regierung ein Abkommen. Deutschland, Italien und Ungarn griffen nun Jugoslawien an. Die Sowjetunion griff nicht ein. Sie hatte mit Deutschland einen Nichtangriffspakt abgeschlossen. Ihre Interessen am Seeweg durch die Dardanellen waren nicht in Gefahr. In Griechenland waren englische Truppen eingetroffen. Nun marschierten auch deutsche Truppen ein. England zog nun seine Truppen vom griechischen Festland wieder ab. Dann mussten sie auch die Insel Kreta wieder verlassen. Nun sagte sich Kroatien von Jugoslawien los. Nach 2 Monaten war der Krieg auf dem Balkan zu Ende. Teile der jugoslawischen Armee hatten sich in die Berge zurückgezogen. Der Stellvertreter Hitlers, Rudolf Heß, flog nun nach England, um einen Frieden zu erreichen. Es gelang jedoch nicht.

Mit der Länge des Krieges wurde daheim das Leben immer spartanischer. Öffentliche Vergnügungen waren verboten. Seit dem Beginn der Lehre bekam ich Taschengeld. Eine Mark pro Woche. Das halbe Taschengeld ging schon beim Kinobesuch am Wochenende weg. Abends um 20 Uhr hatte ich daheim zu sein. Urlaub gab es nicht. Abends brachte der Soldatensender Belgrad „Lilli Marlen“. Diese Melodie war auch bei den Soldaten der andere Seite beliebt.

Unsere U-Boote um England und im Atlantik waren erfolgreich. Im Sperrgebiet wurden alle Schiffe angegriffen. Im Atlantik jedoch nur die des Gegners. Die USA, obwohl sie nicht im Krieg standen, beschlagnahmten in ihren Häfen deutsche Schiffe. Sie beschlossen ein Pacht- und Leihgesetz, das es ihnen erlaubte, Handelsschiffe, Kriegsmaterial und kriegswichtige Rohstoffe an England zu liefern. Darunter auch 50 Zerstörer zur Bekämpfung unserer U-Boote. Im westlichen Atlantik setzten sie Kriegsschiffe als Patrouillenboote ein.

An einem Sonntag fuhr ich in die alte Heimat, um einen Bekannten zu besuchen. Hier begegnete mir ein Nachbarjunge, mit dem ich wegen seiner Aufschneiderei einmal eine Rauferei hatte. Er sagte mir voller Stolz, er sei nun bei der Waffen-SS. Bisher war mir diese Truppe als tapfere Kampfeinheit bekannt. Es irritierte mich, weshalb dort so ein Maulheld genommen wurde.

Als ich einmal einem Kunden eine Prothese zu schicken hatte, war mir ein Irrtum passiert. Ich hatte den Baier mit dem Beier verwechselt. Der Kunde meldete dies telefonisch. Am Wochenende holte ich die Prothese dort mit dem Fahrrad ab und brachte sie dem richtigen Kunden. Die ganze Angelegenheit dauerte 4 Stunden. Auf dem Heimweg geriet ich in ein Gewitter und kam total nass zu Hause an.

In Ostafrika verlor Italien seine Kolonien und auch das eroberte Abessinien an die Gegner. Von Ägypten her stießen gegnerische Truppen weit in das italienische Libyen vor. Dieses Gebiet war von strategischer Wichtigkeit. Deshalb wurde das deutsche Afrika-Korps unter General Rommel dort eingesetzt. Es gelang im Gegenstoß in kurzer Zeit, das verlorene Gebiet wieder zu erobern.

Auf die Leistungen unserer Soldaten war ich stolz. Ich kaufte mir eine Landkarte von Europa und dem Mittelmeer und steckte die Fronten ab.

Weniger begeistert war ich allerdings, als ich zum ersten Mal eine Metall-Einlage treiben sollte und diese im letzten Moment einen Riss bekam. Jetzt war sie wertlos und ich konnte noch einmal von vorne anfangen. Mit der Zeit ging es dann aber besser. Auch die vom Vater geschmiedeten Schienen konnte ich nun schon mit der Feile bearbeiten. Für Kriegsgefangene aus den westlichen Staaten brachte ich Bruchbänder zur Lazarett-Apotheke.

Auf dem europäischen Festland war wieder Ruhe eingekehrt. Auf See waren die U-Boote und die Überwasser-Flotte im Einsatz. Japan unterzeichnete mit der Sowjetunion einen Neutralitätspakt auf 5 Jahre und einen Handelsvertrag. Unerwartet wurde eine Rede Hitlers im Radio angekündigt. Er teilte mit: “Wir befinden uns im Krieg mit der Sowjetunion. Sie hat an unserer Grenze 180 Divisionen aufmarschieren lassen. Deshalb habe ich mich entschlossen, nicht auf den Angriff zu waren, sondern selbst anzugreifen. Unsere Verbündeten Italien, Ungarn, Rumänien, Slowakei und Albanien haben sich angeschlossen. Auch Finnland, das ein Jahr vorher von der Sowjetunion angegriffen wurde und der Übermacht unterlag, hat sich angeschlossen“.

Was da einer vom Zweifrontenkrieg geunkt haben sollte, verstand ich aber nicht. Ich hielt es für pure Schwarzmalerei. Im Westen war doch Ruhe, denn die englischen Truppen hatten sich doch von Dünkirchen auf ihre Inseln zurückgezogen. Auf dem Balkan war auch Ruhe. Im nordafrikanischen Libyen hatte Rommel den Gegner wieder auf seine Ausgangsstellung zurückgeworfen. Wo war denn da die zweite Front?

Nun begann wieder ein blitzartiger Vorstoß. Bis vor Leningrad, westlich Moskau und Rostow. Kaum vorstellbar viele Soldaten der Roten Armee gerieten in deutsche Gefangenschaft.

Im Kursaalkino brachte die Wochenschau die Erfolge. Ich fragte mich: Warum gehen denn so viele Soldaten in Gefangenschaft? Sind sie froh, der kommunistischen Herrschaft entkommen zu sein?

Morgens rief mich der Vater und sagte, Post sei gekommen. Das wunderte mich doch sehr. Post für mich? Das gab es bisher noch nicht. Wer sollte mir schon schreiben? Der Bannführer der Hitlerjugend bestellte mich auf seine Dienststelle. Als ich zu ihm kam, war er sehr ungehalten. Warum ich denn nicht zum H J-Dienst komme, wollte er wissen. Das ist doch Pflicht! Ich berichtete von meiner Erfahrung beim Jungvolk und von der immer umfangreicheren Arbeit im Betrieb. Nicht einmal Urlaub würde ich bekommen. Das hörte er sich an und sagte, das sei kein Grund. Ich sagte zu, nun zum Dienst zu kommen. Damit gab er sich zufrieden.

Im Osten begann ein besonders harter Winter. Der Vormarsch stoppte nun überall. Da die Sowjetunion mit Japan einen Neutralitätsvertrag abgeschlossen hatte, konnte sie aus Sibirien wintererprobte Armeeeinheiten nach Westen bringen. Fronteinbrüche waren die Folge. Unsere Soldaten waren schlecht auf den Winter vorbereitet. Unsere Verbündeten noch weniger. Hitlers Aussage, der Krieg im Osten sei entschieden, erwies sich als falsch. In der Heimat wurden hektisch Winterkleidung und andere Ausrüstung gesammelt. Aber das kam zu spät an die Front. Viele Soldaten erlitten Erfrierungen.

Ich ging nun zum Hitlerjugend-Dienst. Neben dem Gefolgschaftsführer gab auch ein SA-Führer Unterricht. Er war im 1. Weltkrieg als Gebirgsjäger in der Kompanie Rommels. Stolz berichtete er aus dieser Zeit.

Ich wollte aber auch etwas für mich tun. Wegen meiner ungenügenden Schrift befasste ich mich im Büro mit der Schreibmaschine. Der Vater fand das gut. Aber er frotzelte mich deswegen auch. „Du arbeitest nach dem System Geier“. Und gleich kam auch die Erklärung: Der Finger kreist oben und sucht die Taste. Wenn er sie gefunden hat, stürzt er schnell herunter. Ja, so war er eben. Auf der einen Seite streng und auf der anderen witzig. Das Witzige hätte aber ruhig etwas mehr sein können.

Taschengeld nun 2 Mark pro Woche.

Nun fing es auch im Fernen Osten an, zu kriseln. Japan befand sich schon im Krieg mit China. Nun mischten sich auch die USA ein. Japans Bankguthaben wurden eingefroren. Ein Embargo über Rohstoffe und Erdöl wurde verhängt. Welcher Grund? War es der Dreimächtepakt, den Deutschland, Italien und Japan im Vorjahr abgeschlossen hatten? Der Vertrag sah die gegenseitige Hilfe im Falle eines gegnerischen Angriffes vor. Japan war durch das Embargo hart getroffen. Es reagierte darauf mit einem Angriff auf die in Hawaii liegenden Kriegsschiffe der USA. So kam es zum Krieg zwischen Japan und den USA. Die Bündnispartner erklärten nun den Krieg. Wer wem? THE TIMES und Readers Digest widersprechen sich da: THE TIMES: 11.12.1941 Kriegserklärung der USA an Deutschland und Italien. (3019 F). Readers Digest: 11.12.1941Italien und Deutschland erklären den USA den Krieg. (8020). Japan setzte nun zur Eroberung der indonesischen Inselwelt an.

So endete das Jahr 1941.

In Libyen gab es einen gegnerischen Vormarsch. Rommels Truppe machte einen erfolgreichen Gegenstoß. Statt der einzeln fahrenden Schiffe fuhren nun geschützte Geleitzüge nach England. Die Verluste blieben aber trotzdem hoch. In Prag wurde der Reichsprotektor Heydrich ermordet. Als Vergeltung wurde das Dorf Lidice vernichtet und alle Männer erschossen.

Bei der Versorgung der Bevölkerung traten erhebliche Schwierigkeiten auf. Auf die Lebensmittelkarten wurden oft Ersatzwaren ausgegeben. Gelegentlich war von der Freibank Fleisch ohne Marken zu haben. Dazu mussten wir uns schon morgens um 5 Uhr anstellen. Auch beim Bäcker gab es Probleme. Der Geselle war Soldat. Der Lehrling machte nun seine Arbeit. Beim Brot vergaß er manchmal das Salz. Wir mussten es trotzdem essen.

Der Bäcker Katzenberger konnte unter Umgehung der Vorschriften Mehl beschaffen. Uns Gewerbeschülern gab er etwa ohne Brotmarken ab. Seine Meinung: „Ihr jungen Kerle braucht doch etwas“. Aber das war für ihn sehr riskant.

Mit der Direktive zum Flächenbombardement wechselten nun die feindlichen Bomber zu großflächigen Zielen in den Städten. Am 30. Mai griffen 1 000 Großbomber Köln an. Nun wurden Teile der Zivilbevölkerung in weniger gefährdete Gebiete evakuiert.

Inzwischen hatte bei mir das 3. Lehrjahr begonnen. Die Arbeit nahm weiter zu. Auf den Rat des Vaters ging ich zur Ausgabestelle der Lebensmittelkarten und beantragte eine Zusatzkarte. Als Schwerarbeiter war mein Beruf nicht in der Liste enthalten. Ich wurde nach der Tagesarbeitszeit gefragt. Da ich 10 Stunden angab, erhielt ich eine Zusatzkarte für Langarbeiter. Urlaub gab es auch dieses Jahr nicht.
Die Soldaten in unserer Kaserne erhielten eine Infanterieausbildung. Sie waren alle gesundheitlich belastet. Deshalb wurde ihre Einheit das Magenbataillon genannt.

An der Ostfront ging die Schlammperiode, die alle Verkehrswege kaum passierbar machte, dem Ende entgegen. Nun begannen wieder unsere Angriffe. Ziel im Süden war das Erdölgebiet am Kaspischen Meer. Deshalb stießen unsere Truppen zum Kaukasus vor. Auch Stalingrad an der Wolga war ein wichtiges Ziel.

Ich wollte einmal am Bahnhof in das kleine Kino gehen. Andere Jugendliche auch. Aber der Film war für Jugendliche nicht freigegeben. Die Einhaltung dieser Vorschrift wurde kontrolliert. Da kam uns ein alter Mann zu Hilfe: „Wenn die zum totschießen alt genug sind, dann wohl auch für das Kino!“ Das hatte gewirkt.

Der Dienst bei der HJ war – von einigen Themen abgesehen – nicht gerade beliebt. Als im Kursaalkino  einmal ein Film von besonderem Interesse kam, da wollten einige von uns hingehen. Unser HJ-Gefolgschaftsführer stand am Eingang und forderte uns auf, zum Dienst zu gehen. Wir gingen aber trotzdem ins Kino. Wir wurden bei der Polizei angezeigt und jeder bekam einen Strafzettel über 5 Mark. Das hat die Polizei nicht gerade beliebt gemacht.

Die vom Indischen Ozean nach England fahrenden Geleitzüge fuhren entweder um Südafrika herum oder durch den Suezkanal und das Mittelmeer nach England. Im Mittelmeer mussten sie unmittelbar an Italien vorbei. Das war riskant. Für den Geleitzug war die englische Insel Malta ein Vorteil, denn von dort konnten ihm Flugzeuge gegen feindliche Angriffe Schutz geben. Dieses Inselchen zu erobern wurde von Italien nicht versucht. Es wurde of bombardiert und konnte darum nicht immer seine Kriegsfunktion ausüben. Der Nachschub war oft unterbrochen. Ab Mitte 1942 wurde die Insel wieder versorgt.

Unser Halbbruder Rudolf kam nun zu uns auf Heimaturlaub. Das war ein toller Kerl. Unteroffizier bei der Wehrmacht und viele Auszeichnungen. Auch das „Deutsche Kreuz in Gold“, das nur bei ganz besonderer Tapferkeit verliehen wurde. Er erzählte viel von seinen Erlebnissen an der Ostfront. Da war manches dabei, was wir in der Heimat nicht wussten. Auch berichtete er von seinen Erfahrungen mit dem neuen MG 42. Es konnte in der Minute   1 000 Schuss abgeben und war deswegen bei den Feinden gefürchtet. Es gab hier aber auch ein Problem. Der Lauf wurde bei Dauerfeuer sehr heiß. Die Patronenhülsen waren früher aus Messing. Nun waren sie wegen Materialmangel aus Stahl. Dieser war zum Schutz gegen Rost mit einem farblosen Lack überzogen. Der heiße Lauf des MG 42 weichte den Lack auf. Die Patrone klebte im Lauf fest, das MG 42 war nicht mehr einsatzfähig. Dieser Mangel ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Am Ende des Urlaubs packte Rudolf seine Sachen. Er sah noch einmal auf den Urlaubsschein und merkte, dass er einen Tag früher abreisen musste. Der Zug ging schon in wenigen Minuten. Der Vater rief den Fahrdienstleiter an und bat, den Zug noch etwas zurückzuhalten. Das wurde zugesagt. Rudolf kam noch zum Zug.

Einige Zeit danach saßen die Mutter und ich mittags im Wohnzimmer. Es läutete an der Wohnungstüre. Die Mutter öffnete. Ich sah durch die offene Tür die Frau Rothschild von der Synagoge. Beide redeten kurz miteinander. Dann kam die Mutter wieder in das Zimmer. Sie war sichtlich schockiert. In der Hand hielt sie einen Fünfzigmarkschein. Sie sagte, Frau Rothschild habe sich verabschiedet. Alle Juden würden nun abtransportiert. Geld und Wertsachen dürften sie nicht mitnehmen. Am nächsten Tag erfolgte dann auch der Abtransport. Damals ging ein Gerücht durch die Stadt, die Juden sollten in das Generalgouvernement Polen umgesiedelt werden. Ein anderes Gerücht besagte, eine Hebamme hätte die Frauen nach verstecktem Schmuck untersuchen müssen.

Im Herbst wurde der Jahrgang 1925 öffentlich aufgerufen, sich um 20 Uhr auf der Polizeiwache zu melden. Dort teilte der Polizeioffizier mit, er solle für die Waffen-SS Freiwillige werben. Zuerst nannte er die Bedingungen. Eine davon war Mindestgröße 1,75 m. Nach meinen damaligen Erkenntnissen war diese Truppe gut und tapfer. Aber sie hatte auch das Großmaul von Würzburg in ihren Reihen. Deswegen lehnte ich bei der Befragung ab. Die Frage nach dem Grund beantwortete ich mit meiner Größe von nur 1,73 m. Damit war die Angelegenheit erledigt.

Seit dem Herbst befanden sich die japanischen Truppen in der Defensive. Ende 1942 traten die Gegner zum Gegenstoß an.

Mit dem Vater hatte ich einmal ein Gespräch wegen meiner Zukunft. Er meinte, es sei üblich, die Lehrlinge sofort nach der Lehrzeit einzuziehen. Sie würden nach kurzer Ausbildung mit ungenügender Bewaffnung an die Front geschickt. Das könnte ich umgehen, wenn ich mich zu einer besonderen Truppe der Wehrmacht freiwillig melden würde. Hier seien die Ausbildung und die Bewaffnung besser. Das leuchtete mir ein. Ich meldete mich dann zur Division „Feldherrnhalle“ freiwillig. Dazu brauchte ich als Jugendlicher die Unterschrift des Vaters. Doch das war ja klar.

Die nordafrikanische Küste nahe der Meerenge Gibraltar bis zum italienischen Libyen war französisch und seit dem Waffenstillstand 1940 nicht Kampfgebiet. Nun landeten dort alliierte Kampftruppen. Gleichzeitig wurde von der anderen Seite Libyens her angegriffen. Der Nachschub für Rommels Afrika-Korps stockte. Unsere Truppen besetzten nun auch Teile Tunesiens und den bisher noch nicht besetzten Teil Frankreichs.

Ein Soldat der Kaserne wurde vom Vater mit Einlagen versorgt. Er klagte dem Vater, nun sei der Befehl zum Abtransport an die Front gekommen. Er wolle deswegen noch einmal seine Frau treffen, bekomme aber keinen Ausgang. Er bekam eine Bescheinigung, dass er am nächsten Tag wegen seiner Einlagen kommen müsse. Die Frau wurde telefonisch verständigt. Am folgenden Tage trafen sich dann beide über Mittag im Geschäft.

Gegen Jahresende wurden unsere nach Stalingrad eingedrungenen Truppen eingeschlossen. Befreiungsversuche scheiterten. Auch südlich davon wurden unsere Verbündeten zurückgeschlagen. Damit bestand die Gefahr, dass unsere zum Kaukasus vorgedrungenen Truppen ebenfalls eingeschlossen würden. Deshalb wurde der Rückzug angeordnet. Damit war das Ziel, die Ölquellen, aufgegeben worden. Unsere nun in großer Zahl operierenden U-Boote waren weiterhin erfolgreich. THE TIMES berichtete später: „1942: 7 990 000 BRT Gesamtverlust, die bis auf 1 Mio. BRT ersetzt wurden“. Das zu Ende gegangene Jahr hatte deutliche Rückschläge gebracht. Aber die musste man halt schlucken. Die Engländer hatten in Norwegen, Frankreich, Griechenland und Libyen doch auch schwere Schlappen hinzunehmen. Sie hatten ihren überstürzten Truppenabzug aus Dünkirchen sogar einen siegreichen Rückzug genannt.

Da wird es auch bei uns weitergehen, dachte ich.
So endete das schwierige Jahr 1942.

Japan verlor Neuguinea wieder. In Tunesien waren von Westen die Alliierten angekommen. Das Afrika-Korps musste vor den überlegenen Truppen aus Osten das libysche Gebiet aufgeben und sich in unseren Brückenkopf in Tunesien zurückziehen. Die 6. Armee in Stalingrad konnte nicht mehr versorgt werden. Sie musste kapitulieren. 90 000 unserer Soldaten kamen in russische Gefangenschaft. Der Rückzug aus dem Kaukasus wurde abgeschlossen. Im ganzen südlichen Bereich konnte der Feind vordringen. Im Hinterland wurden die Transportwege durch Partisanen verunsichert und gestört.

Nun kam auch noch die Nachricht, dass Bruder Paul an der Ostfront gefallen sei. Diese Nachricht enthielt die nun üblichen Redewendungen: Als tapferer Soldat – in treuer Pflichterfüllung – für Führer, Volk und Vaterland – auf dem Felde der Ehre gefallen.

Ende Februar war meine Lehrzeit zu Ende. Das Zeugnis der Gewerbeschule hatte einen Notendurchschnitt von 2,83. Zur Gesellenprüfung hatte ich noch keine Benachrichtigung erhalten. Wenn der Vater Recht hatte, dann kam in Kürze die Einberufung zum Wehrdienst.

Unsere U-Boote setzten nun eine neue Taktik ein. Sie operierten nicht mehr einzeln. Die Rudeltaktik war sehr erfolgreich. 2 400 000 BRT wurden in nur 3 Monaten versenkt. Im Osten wurden in der winterlichen Zeit Gegenangriffe durchgeführt. Bei wechselvollen Erfolgen.