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Der Vater hatte es richtig vorausgesagt. Keine 8 Tage nach dem Ende der Lehrzeit kam schon der Einberufungsbefehl. Allerdings nicht zur Wehrmacht, sondern zur vormilitärischen Ausbildung. Die Eltern brachten mich zum Bahnhof. Unter Tränen verabschiedeten sie mich. Sicher dachten sie an den kurz vorher gefallenen Bruder Paul. In Würzburg musste ich umsteigen. Da stand auch schon Tante Julie auf dem Bahnsteig und wartete auf mich. Wir konnten nicht viel miteinander sprechen, denn der Aufenthalt war nur kurz. Sie hatte ihren Mann schon vor 7 Jahren wegen einer zu spät erkannten Blinddarmentzündung verloren. Auch sie konnte ihre Tränen nur schwer zurückhalten. Nach 19 Stunden Bahnfahrt traf ich im Wiener Vorort Kaltenleutgeben ein. Eine ehemalige Kuranstalt diente nun als Kaserne. Nach dem Empfang gab es erst einmal einen Eintopf. Es blieb aber nicht bei einem Teller. Dann wurden wir in unsere Unterkunft eingewiesen. Ein hoher Raum, mit dreistöckigen Betten, Spinden und einem langen Tisch vollgestopft, war nun unser Quartier. Die Waschgelegenheit bestand aus einem Wasserhahn im freien Hof. Dann wurden wir eingekleidet. Braune SA-Uniform mit Stiefeln, Stahlhelm und Gewehr. Die zivilen Kleider wurden in einen Karton gepackt und heimgeschickt. Ich schrieb noch einen Brief an die Eltern. Kaum war ich damit fertig, da ging es schon los. Eine schrille Trillerpfeife und der Befehl „Raustreten zur Befehlsausgabe!“ Da bekam ich den ersten Eindruck von dem, was mich hier erwartete. Anschließend fiel ich todmüde ins Bett. Ganz oben in der dritten Etage. Nun hatte ich das, was ich wollte: Endlich weg von der ewigen Mühle bei der Arbeit. Am Morgen wurde früh geweckt. Es gab ein tolles Gedränge um den Wasserhahn im Hof. Nach dem Frühstück Antreten. Immer schrie irgendwo einer „Beeilung, Beeilung!“, „Zack, zack!“ oder „Los, los!“ Na, das kann ja heiter werden, dachte ich da. Nun wurden wir in Gruppen eingeteilt und bekamen Gruppenführer zugewiesen. Sofort ging es auf den großen Hof zum exerzieren. Aber „Volle Pulle“. Und dazwischen: Im Laufschritt, marsch, marsch – hinlegen – aufstehen – weiterlaufen – kehrt – marsch, marsch. Mit unserem Gruppenführer konnten wir noch zufrieden sein. So ging es ein paar Tage. Abends waren wir hundemüde. Plötzlich, mitten in der Nacht, wurden wir durch wildes Trillerpfeifen geweckt. Wir bekamen den Befehl, sofort aufzustehen, uns feldmarschmäßig anzukleiden und auf dem Hof anzutreten. Das war leicht gesagt, denn das Licht war ausgefallen, es war stockdunkel. Das war ein tolles Durcheinander. Und immer schrie da einer „Beeilung, Beeilung!“ Noch waren nicht alle auf dem Hof, da kam schon der Befehl zum Abmarsch. Wir marschierten durch ein enges bewaldetes Tal. Es war stockdunkel, man konnte den Vordermann nur erahnen. Schon schrie wieder einer „Vordermann Seitenrichtung!“ Nach mehr als drei Stunden kamen wir im Morgengrauen wieder zur Unterkunft. Und dort sagte uns der Gruppenführer: „Das war eine Nachtübung“. Er meinte, das sei sicher nicht die einzige. Wir brachten unsere Sachen wieder in Ordnung und wollten uns gerade hinlegen, da kam schon der Befehl „Aufstehen!“ Und gleich ging es weiter. Wir waren meist junge Kerle von 17 bis 18 Jahren. Einer von uns war sehr lang, aber schmal wie eine Bohnenstange. Der hatte schon den Spitznamen „Hungerturm“. Für ihn hatte man keine passenden SA-Stiefel. Stattdessen hatte er ein paar kurze, aber dafür weitschäftige Knopelbecher von der Infanterie. Das sah schon lustig aus. So sah es jedenfalls unser Gruppenführer, denn er meinte „Das sieht ja aus wie eine Ziege, die im Melkeimer steht“. Da lachten wir alle. Auch der Hungerturm. Wir hatten keinen Grund, auf unseren Ausbilder sauer zu sein. Er war keiner von der wilden Sorte. Er schikanierte uns nicht. Aber er verlangte Disziplin. Und er gab uns einen guten Rat: Nur nicht auffallen. Und gleich bekamen wir eine Kostprobe. Einer der „Oberen“ kam auf den Hof und beobachtete uns. Plötzlich brüllte er: „Ihr wollt Soldaten werden? Euch werde ich’s schon beibringen!“ Und schon schnappte er sich eine Gruppe und jagte sie gnadenlos kreuz und quer auf dem Hof herum. Den armen Kerlen ging beinahe die Luft aus. Als wir nach dem Dienst vom Ausbilder eine Stellungnahme haben wollten, da sagte er nur: „Es ist so schön, Soldat zu sein“. Nach einer Woche gab es wieder einen Nachtalarm. Nun klappte es schon besser. Aber mit 3 Stunden kamen wir nicht mehr davon. Und nun wurden auch noch die inzwischen gelernten Lieder gesungen. Ausgang am Abend gab es noch nicht. Aber wir hatten ja eine Kantine. Der Kantinenwirt war ein komischer Kauz. Kam da einer von uns und wollte Streichhölzer, so waren nur welche da, wenn nicht mit „Heil Hitler“, sondern mit „Grüß Gott“ gegrüßt wurde. Gelegentlich wurden wir auch im Wald zur Arbeit eingesetzt. Im Drillich, der Kleidung für schmutzige „Tätigkeiten“ , hatten wir gefällte Bäume zu zersägen. Aber der Umgang mit der Säge hatte seine Tücken. Die Säge klemmte und wir schwitzten ganz schön. Wieder war eine Woche um und ein neuer Nachtalarm war ausgerufen worden. Mit kurzen Pausen marschierten wir bis zur Mittagszeit. Dann erhielten wir scharfe Munition. Zum ersten Mal. Wir wurden zum vorsichtigen Umgang ermahnt. Wieder marschierten wir weiter. Nun erfuhren wir, was wir hier sollten. Wir sollten ausgebrochene russische Kriegsgefangene aufstöbern. Den ganzen Nachmittag durchkämmten wir den Wald. Von den Kriegsgefangenen jedoch keine Spur. Dann wurde die Suche abgebrochen. Nun ging es wieder zurück in die Kaserne. Müde und hungrig kamen wir an. Als wir auf unsere Stube kamen, sah es aus, als ob hier ein Erdbeben stattgefunden hätte. Alle Spinde waren umgekippt. Die Betten waren eingerissen. Sofort sei alles in Ordnung zu bringen. In einer halben Stunde sei Befehlsausgabe und dann Stubenappell. Mein Bett oben war nicht eingerissen. Aber ich hatte Blasen an den Füßen. Als zur Befehlsausgabe gerufen wurde, wollte ich die Stiefel anziehen. Das schmerzte aber stark. Ich behielt die Hausschuhe an und stellte mich in das hintere Glied. Das hatte niemand bemerkt. Uns wurde klar gemacht, was der Unterschied zwischen einer Kaserne und einem Zigeunerlager sei. Dann wurde noch Post ausgeteilt. Die hatte jeder vorne selbst abzuholen. Als ich da vorne mit meinen Hausschuhen ankam, war die Hölle los. Am liebsten wäre ich in ein Mauseloch gekrochen. Zum Ende wurde noch mein Name aufgeschrieben. Warum? Am folgenden Tag war wieder „normaler“ Dienst. Exerzieren auf dem Hof. Nach gut einer Stunde hatte ich starken Druck auf der Blase. Meine Bitte, austreten zu dürfen, wurde vom Zugführer abgelehnt mit der Begründung „Um zehn ist Pause, solange wird es das Fünfpfennigbläschen noch aushalten“. Aber kurz vor der Pause hatte einer der „Oberen“ wieder etwas an uns auszusetzen. Er meinte: „Den Sauhaufen bringe ich schon auf Vordermann!“ Und er meinte es wirklich ernst. So ausdauernd war meine Nase noch nie in Bodennähe gekommen. Nachdem die Pause schon eine Weile vorbei war, gab er das Kommando wieder ab. Meine Blase machte sich noch mehr bemerkbar. Aber ich fand nicht mehr den Mut, noch einmal meine Bitte vorzutragen. Der Druck war so stark, dass es mir kaum noch gelang, mich auf die Befehle zu konzentrieren. Als ich kapitulierte, ging es wieder besser. Die nasse Hose war dann der Grund für belustigende Bemerkungen der Kameraden. Am folgenden Sonntag sollten wir den ersten Ausgang bekommen. Man wollte uns Gelegenheit geben, Wien zu besuchen. Nach dem Mittagessen waren wir angetreten. Wir wurden einer eingehenden Kontrolle unterzogen: Gesicht, Hals, Haarschnitt, Hände, Uniform, Stiefel und Taschentuch. Bei mir gab es keine Beanstandungen. Ich war schon ganz im Gedanken in Wien. Aber dann wurde das Notizbuch gezogen und einige „Halbsoldaten“ aufgerufen. Ich hatte auch die Ehre, dieser Gruppe anzugehören. Die anderen fuhren nach Wien. Wir bekamen Gelegenheit, bis nachts halb elf Kartoffeln zu schälen. Ob mit Stiefeln oder Hausschuhen, das war jetzt ohne Bedeutung. Zu dieser Zeit wurden in Katyn in der Sowjetunion die Gräber von tausenden ermordeten polnischen Offizieren gefunden. Das war das Werk der Helfer Stalins. Aber die feindliche Propaganda wollte es uns in die Schuhe schieben. Fliegerangriffe gegen das Ruhrgebiet. Zerstörung der Talsperren von Möhne und Eder. Am Tag nach der Kartoffelschälaktion wurde die ganze Ausrüstung abgegeben. Wir wurden zur Bahn gebracht und fuhren mit unbekanntem Ziel los. Erst Richtung Westen bis Regensburg, dann immer nach Norden. Bei Berlin dann in Richtung Hamburg. Ich war froh, diese Art der „Wehrertüchtigung“ hinter mir zu haben. Aber was dann? War das etwa nur das Vorspiel? In Tunesien war die Übermacht zu groß. Die Folge: Kapitulation. Der Gegner besaß nun die gesamte nordafrikanische Küste. Gegenüber liegt Italien. Von Berlin aus ging es in Richtung Hamburg weiter. Was sollten wir an der Nordsee? Die Division „Feldherrnhalle“ war doch eine Einheit des Heeres. Nachdem wir Wittenberge passiert hatten, kamen wir an den kleineren Bahnhof Karstädt. Hier waren wir nun am Ziel. Wir stiegen aus und marschierten dann von dort aus weiter. Aber nicht in die Ortschaft hinein, sondern in Gegenrichtung. In der freien Natur bogen wir dann nach rechts ab zu einem Barackenlager. Am Eingang stand eine Wache in RAD-Uniform. Wir kamen also zum Reichsarbeitsdienst. Wir wurden sofort mit RAD-Uniformen eingekleidet. Die SA-Uniformen wurden abgegeben. Darüber war wohl keiner von uns traurig. Statt des Gewehres bekamen wir einen Spaten. Die neuen Ausbilder machten einen guten Eindruck auf mich. Auch hier wurde auf Disziplin geachtet und wir wurden auch gedrillt. Aber es ging nicht schikanös zu und wir wurden auch manchmal gelobt. Exerziert wurde nun mit dem Spaten. Auch in Waffenkunde wurden wir ausgebildet. Das Gewehr (Karabiner 98k) war dabei. Einer der „Oberen“ wurde als Gasoffizier bezeichnet. Er belehrte uns über die Gasmaske. Er berichtete von einem neuen Kampfgas der Engländer und voll stolz die Auskundschaftung durch unsere Spionage. Den neuen Filter gegen dieses Gas hatten wir auch schon. 
Samstags kamen wir zum Arbeitsdiensteinsatz. An einem kleinen Wasserlauf bauten wir Erddämme zur Regulierung der Be- und Entwässerung. Unser Unterfeldmeister verstand es gut, mit uns umzugehen. Im Vergleich zur Schinderei vorher war das hier ein Sanatorium. Er erzählte, dass er beim Bau der Mainstaustufe in Randersacker dabei war. Und er lobte den Frankenwein. An der Ostfront konnte nun kein dauerhafter Erfolg mehr erzielt werden. Die Sowjetunion hatte durch die USA Waffenhilfe in Höhe von 1 Milliarde Dollar erhalten. Die Rote Armee war nun nicht nur in der Anzahl der Soldaten, sondern auch in der Menge des Materials überlegen. Unsere Propaganda stellte dem die ersten Düsenflugzeuge der Welt „ME 262 und AR 243“ gegenüber. Besonders wurde von den in der Entwicklung befindlichen geheimnisvollen „Wunderwaffen“ gesprochen (vermutlich die Atombombe). Zweck dieser Propaganda war wohl die Steigerung des Durchhaltewillens der Bevölkerung. Wer da etwas anderes sagte, der wurde als Volksschädling oder Wehrkraftzersetzer gebrandmarkt. Außerhalb des Lagers waren als Luftschutzanlage erdgedeckte Unterstände angelegt worden. Diese wurden, wenn feindliche Bomberverbände unseren Raum überflogen, von uns aufgesucht. Kurzzeitig wurden wir auch in der Landwirtschaft zum Jäten von Unkraut in Lupinenfeldern eingesetzt. Als Gegenleistung wurde unsere Küche mit Naturalien unterstützt. Die Verpflegung hier war sicher besser als die vorherige. Es war üblich, dass vor dem Essen immer ein Tischspruch gesprochen wurde. Die Auswahl war uns überlassen. Als sich der sicher lustige, aber unzutreffende Spruch „Und wenn sich Tische und Bänke biegen – wir werden den Fraß schon runterkriegen“ wiederholte, wurde darauf hingewiesen, es gäbe auch noch andere Themen. Das sollte wohl in die politische Richtung gehen. Aber bei uns stand das nun nicht mehr ganz so hoch im Kurs. Eines Tage wurden unsere Mützen eingesammelt, denn sie sollten ein neues Abzeichen erhalten. Es war uns bekannt, dass diese Arbeiten von den Mädchen des in einer Nachbarortschaft befindlichen weiblichen RAD-Lagers ausgeführt würden. Wohl nur zum Spaß schrieb ich ein kleines Briefchen und versteckte es in meiner Mütze. Als dann die Mützen wieder zurück kamen, war eine Antwort dabei. Sie enthielt eine Einladung zu einem Treff am kommenden Sonntag. Mit einem Kameraden ging ich auch hin. Wir hatten uns nett unterhalten und am Waldrand Beeren gepflückt. Dabei blieb es aber auch. Nach drei schönen Monaten war die Zeit des Arbeitsdienstes zu Ende. Es war wohl die schönste Zeit, die ich in Uniform verbracht hatte. Mit dem Zug fuhren wir in Richtung Berlin. Dort kamen wir im Vorort Güterfelde wieder in ein Ausbildungslager der „Feldherrnhalle“. Hier wurden wir wieder mit SA-Uniformen ausgestattet. Wir kamen also immer noch nicht zur Wehrmacht. Vier Monate waren nun vergangen. Nun bekamen wir für kurze Zeit Urlaub. Daheim hatte sich kaum etwas verändert. Nachdem ich seit der Einberufung kaum einmal eine Zeitung gelesen hatte und auch nicht Radio hörte, konnte ich mich nun wieder etwas informieren. Die italienischen Mittelmeerinseln Pantelleria und Lampedusia hatten sich dem Gegner ergeben. Schon 4 Wochen danach landeten die alliierten Truppen auf Sizilien. Die Faschisten setzten nun ihren eigenen Staatschef Mussolini ab und verhafteten ihn bald danach. An seine Stelle trat der 1940 von Mussolini entlassene Generalstabschef Badoglio. Einen Tag vor Urlaubsende fuhr ich wieder zurück nach Berlin und löste die Fahrkarte nach Karstädt. Dort stattete ich dem RAD-Lager einen kurzen Besuch ab. Die Neuen waren noch nicht da. Ich ging in die Führungsbaracke zum Unterfeldmeister und brachte einige Bocksbeutel des von ihm so gelobten Frankenweines. Da gab es ein großes Hallo. Nun fuhr ich nach Güterfelde zurück. Am Lagereingang stand ein kleines Schloss. Im Keller war unsere Kantine eingerichtet. Sie war mit alten Ritterrüstungen ausgestattet. Der Dienst bestand wieder aus Exerzieren. Von morgens bis zum Abend. Aber der Umgangston war besser. Schon bald wurde bei der Befehlsausgabe nach Radfahrern gefragt. Das fand ich merkwürdig. Zu was brauchte man denn Radfahrer? Aber ich meldete mich auch. Wir wurden in eine Liste eingetragen. Nun machten wir separaten Dienst. Wir wurden begutachtet. Einige wurden aussortiert. Schon am nächsten Tag gingen wir im Sportzeug zum Sportplatz. Obwohl es sehr warm war, wurde ein 3 000-m-Lauf angesetzt. Die Spitzengruppe hatte es nicht eilig. Ich hängte mich hinten an. Auf der Zielgeraden legte ich zu und überholte einige. Kaum war ich hinter der Ziellinie, da kam schon ein Ausbilder und fragte mich nach meinem Namen. Ich hatte sofort ein ungutes Gefühl und dachte an den Rat des ersten Ausbilders: Nur nicht auffallen! Aber nun war es zu spät. Wieder wurden einige von uns aussortiert. Ich war nicht dabei. Am Wochenende machten wir in Bernau bei einem Sportfest mit. Mit unseren Ergebnissen war man wohl zufrieden. Bald danach wurden wir neu eingekleidet und mit Tornistern ausgestattet. Dann fuhren wir mit der Bahn nach Dresden. Dort wurden wir in einer ehemaligen Pension untergebracht. Und gleich ging es wieder los. Exerzieren vom Morgen bis zum Abend auf einer Seitenstraße am Friedhof. Aber jetzt kam etwas Neues hinzu. Parademarsch im üblichen Tempo, 120 Schritte in der Minute, hatten wir schon gelernt. Nun aber wurde Tempo 94 geübt. Das war zwar schwieriger, aber es sollte mehr Eindruck machen. Das einzige, was mich da positiv beeindruckte, waren die Arbeiterinnen einer Zigarettenfabrik. Sie winkten uns aus den Fenstern zu. Am Samstag wurde mir auch klar, warum Radfahrer gesucht worden waren. Wir bekamen Fahrräder und machten eine Probefahrt in der Umgebung von Dresden. Am Sonntag war noch einmal Ruhetag. Am Montag ging es dann los. Mit Stahlhelm, Gewehr und Tornister. In Zweierreihen und Richtung Westen. Etwa zwei Wochen lang. In jedem größeren Ort war eine Veranstaltung angesetzt. Wir paradierten an einer Tribüne vorbei. Eine Musikkapelle spielte die Marschmusik dazu. Wir wurden also zur Propaganda eingesetzt. Man konnte es auch als Stimmungsmache bezeichnen. Aber gleich am Anfang gab es eine dumme Panne. Der Sturmführer marschierte mit Tempo 94 voran. Der erste Zug hielt sich eisern daran. Die beiden folgenden Züge konnten aber den Sturmführer nicht sehen. Sie marschierten nach der Musik und die spielte mit Tempo 120. Den Musikern der folgenden Orte wurde nun zur Auflage gemacht, Tempo 94 zu üben. Das klappte dann auch bald recht gut. In einem Ort hat man sich etwas Besonderes einfallen lassen. Wir wurden von der Bevölkerung mit Blumen beworfen wie eine siegreich zurückkommende Truppe. Wir aber waren doch meist junge Kerle von siebzehn bis achtzehn Jahren. 
Das ganze Unternehmen war für uns recht strapaziös, besonders als wir in die bergige Landschaft kamen. In der Gauhauptstadt Weimar wurden wir in ein „Hotel Elefant“ zu einem Empfang eingeladen. Ein Mann von der Parteiführung hielt eine feurige Rede und lobte unser Können. Er nannte uns die Elite der Nation. Nach der ganzen Schinderei hat uns das schon etwas stolz gemacht. Meine Sitzgelegenheit war durch die ungewohnte Fahrerei ganz schön ramponiert. Da kam es mir ganz recht, dass in Arnstadt ein Ruhetag eingelegt wurde. Aber schon am nächsten Tag wurden wir wieder voll gefordert, denn es war schon wieder ein Sportfest angesetzt worden. Aber nicht ein normales, sondern ein Wehrsportfest. Das wurde nicht im Sportzeug sondern in der vollen Uniform durchgezogen. Auch nicht auf dem Sportplatz, sondern im Gelände. Da konnten wir keinen Spitzenplatz erringen. Am Abend bekamen wir Ausgang. Mit einem älteren Kameraden wollte ich mir die Stadt ansehen. Dort kamen wir mit zwei Mädchen ins Gespräch. Die wollten uns die Stadt zeigen. Dazu gehörte auch der Park. Dort machten wir es uns auf dem Rasen gemütlich. Als meine Hand im oberen Bereich auf Erkundung ging, war es ihr nicht unangenehm. Aber sie ermunterte mich auch nicht. So blieb mir die Unschuld erhalten. Am nächsten Tag ging es gleich weiter. Nun aber auf einer weiter südlich gelegenen Route zurück in Richtung Dresden. Hier fand in einer sächsischen Stadt eine Abendveranstaltung statt. Da wurde wieder eine große Rede gehalten. Die Zuhörer verhielten sich jedoch so unruhig, dass die Rede abgebrochen wurde. Das fand ich ungehörig. Erst später wurde mir klar, warum das so gehandhabt wurde. Als wir wieder in Dresden ankamen, gab es noch einen Ruhetag. Dann fuhren wir wieder nach Güterfelde zurück. Die feindlichen Bombenangriffe wurden massiv ausgedehnt: Die wichtigen Ölfelder in Rumänien wurden bombardiert. Hamburg wurde mehrmals angegriffen. 70 % der Stadt zerstört und 30 000 Tote. Die Industriestadt Schweinfurt wurde erstmals angegriffen. Die Angreifer verloren dabei 60 B-17-Bomber. Japan verlor die große Insel Neuguinea. Italien verhandelte geheim über einen Waffenstillstand. Am Tag nach der Kapitulation landeten die Alliierten in Süditalien. Mussolini wurde befreit und bildete eine Gegenregierung. Dann erklärte Italien Deutschland den Krieg. Die in Güterfelde Zurückgebliebenen waren inzwischen zur Wehrmacht gekommen. Uns bot man nun etwas Besonderes. Man zeigte uns das Olympiastadion. Dort waren 1936 unsere Sportler die erfolgreichste Nation. Dann besuchten wir im „Großen Kuppelsaal“ eine Fernsehaufzeichnung. Hier wurden Unterhaltungssendungen produziert. Da die damaligen Fernsehkameras noch riesig waren, konnten wir die Künstler kaum sehen. Da Fernsehen damals noch im Anfangsstadium war, wurde es nur in ganz begrenzter Form gezeigt. An einem anderen Tag führte man uns in den Eingangsbereich der Reichskanzlei und anschließend in das Auswärtige Amt. Dort wurden wir für eine Nacht als Brandwache eingesetzt. Ich war im 2. Stock postiert. Die Nacht war jedoch ruhig. Am Wochenende bekamen wir Ausgang. Wir fuhren mit der S-Bahn in das Berliner Zentrum. Dort besuchten wir ein bekanntes Unterhaltungslokal. An unsere Tische kamen bald einige weibliche Großstadtpflanzen. Wir hatten eine angeregte Unterhaltung. Als ein Losverkäufer an unseren Tisch kam, kaufte ich ein paar Lose. Ein Mädchen suchte die Lose aus. Prompt war auch ein Gewinn von 50 Reichsmark dabei. Meiner Glücksfee gab ich 10 Mark ab. Einmal kamen wir an einer durch Luftangriff stark beschädigten Villa vorbei. An der Absperrung hing ein Schild „Plünderer werden erschossen“.
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