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Es ist so schön, Soldat zu sein Drucken E-Mail

Nun waren gut sechs Monate seit der Einberufung vergangen. Wir sollten jetzt zur Wehrmacht kommen. Man hatte uns versprochen, dass wir uns eine Waffengattung aussuchen könnten. Meine Wunschgattung Infanterie war jedoch schon besetzt. Bei der Panzertruppe hatte ich auch keinen Erfolg. Dann wählte ich die Panzerartillerie.

Mit der Festlegung der Waffengattung stand auch der Standort der Ausbildungseinheit der Wehrmacht fest. Mit der Bahn ging es an Danzig vorbei nach Elbing. Wir wurden eingekleidet. Unsere Uniform hatte am Ärmel auch die Aufschrift „Feldherrnhalle“. Die Einheit hatte den Namen „Artillerie-Ersatz- und Ausbildungsabteilung Feldherrnhalle“.

Unsere Ausbilder kamen von einer in Oppeln / Oberschlesien stationierten Einheit. Sie sollten aus uns gute Soldaten machen. Was das bedeutete, wurde uns gleich in der ersten Unterrichtsstunde gelehrt. Hauptdienstvorschrift (HDV) Paragraph 1: „Jeder Befehl ist heilig und sofort auszuführen“.

Auf dem Kasernenhof wurde noch einmal mit der Grundausbildung neu begonnen. Der uns zugeteilte Gruppenführer war Thüringer. Wieder einmal hatte ich Glück gehabt. Er war kein Kommisskopf. Aber er erwartete von uns den nötigen Gehorsam und Respekt: „Wer sich nicht an die Spielregeln hält, dem wird es beigebracht“. So geschah es auch, als einer mit seiner lockeren Art Anlass dazu gab. Das Gewehr mit ausgestreckten Armen vor die Brust halten und zehn Kniebeugen. Als er dann gefragt wurde, ob er genug habe, war die Antwort: „Herr Unteroffizier, das macht mir fast gar nichts aus“. Die Folge waren weitere zwanzig Kniebeugen. Die erneute Frage wurde mit „Jawohl, Herr Unteroffizier!“ beantwortet. Damit war die Angelegenheit erledigt. Nachgetragen wurde ihm nichts.

Es gab aber auch andere Vorgesetzte. So zum Beispiel einen Fahnenjunker. Von dieser Art wurde gesagt, sie wollte im Eiltempo Offizier werden. Er fand die Leistung einer Gruppe unzumutbar. Er übernahm das Kommando und jagte sie über den ganzen Exerzierplatz. Er fühlte sich scheinbar nicht ernst genommen und geriet außer Fassung. Deshalb gab er den Befehl „Auf die Bäume, ihr Affen!“ Laut Paragraph 1 der HDV war dieser Befehl bindend. Sie kletterten auf die Bäume am Rande des Exerzierplatzes. Als der Herr dann auch noch ein Lied hören wollte, war das Maß voll. Er bekam seine Quittung. Ein wütender Rekrut gab das Lied „Soldaten“ an.
Die gedemütigte Gruppe sang nun:
„Es ist so schön, Soldat zu sein – R o o semarie,
nicht jeder Tag bringt Sonnenschein – R o o semarie,
Soldaten sind Soldaten und keine Akrobaten“
Weiter kam sie nicht, denn der Herr fühlte sich in seiner Ehre getroffen, da am Zaun einige Zivilisten zuschauten. Nun wollte er dem Anstifter eine Lektion erteilen. Er gab ihm den Befehl, laut zu rufen: „Ich bin ein Idiot!“ Das fanden die Zaungäste aber nicht richtig. Das gaben sie ihm durch Zurufe deutlich zu verstehen. Nun kam er wohl wieder zur Vernunft. Er gab das Kommando wieder ab und rauschte wortlos davon. Dieses unbeherrschte Handeln kam bis zum „Führungsbereich unserer Batterie“ durch. Das war einer Aussage unseres Hauptwachtmeisters (auch Mutter der Kompanie oder auch Spieß genannt) am Tage danach eindeutig zu entnehmen: „Es ist nicht genug, ein Hirn zu haben. Man muss es auch gebrauchen“. Das Grinsen unseres Ausbilders sah ich als deutlichen Beweis für diese Annahme an.

Für derartige Vorfälle gab es in der HDV die Möglichkeit, sich beim Batteriechef zu beschweren. Aber man musste erst, zur Abregung, eine Nacht darüber geschlafen haben. Dann konnte man sich auf der Schreibstube zum Rapport beim Batteriechef anmelden. Das hätte in solchen Fällen aber nichts gebracht, denn der Fahnenjunker hätte die nach seiner Meinung zu lasche Ausführung der Befehle des Ausbilders als Befehlsverweigerung ausgelegt.

Neben unserer „liebsten Beschäftigung“ auf dem Kasernenhof wäre noch der Unterricht zu erwähnen. Doch darüber später.

Das tägliche Ritual – aufstehen, Betten bauen, Stube und Revier reinigen, Kaffee holen und frühstücken – bedarf keiner besonderen Erwähnung. Die Verpflegung war den Möglichkeiten angepasst. Mittwochs gab es immer Pellkartoffeln und Königsberger Klopse. Am Abend meist kalte Verpflegung. Die Jungen bis 19 Jahre bekamen an zwei Tagen der Woche etwas Brot und Wurst als Zusatzverpflegung. Bei der kalten Verpflegung waren Käse und Marmelade keine Seltenheit. Das war Anlass für eine spöttische Bemerkung: „Wir brauchen keine Marmelade, wir haben noch Käse im Spind“.

Nachdem wir 4 Wochen Formalausbildung (exerzieren) hinter uns gebracht hatten, wurde wir vereidigt. Jetzt waren wir keine Rekruten mehr, sondern Soldaten.

Das bedeutete auch, Wache schieben. Hierzu konnten wir den Dienst schon eine Stunde früher verlassen. Uniform und Gewehr wurden in Ordnung gebracht. Dann wurden wir vergattert. Nun konnten uns nur noch der Kommandeur und der Wachhabende, ein Unteroffizier, Befehle geben. Im Wachlokal wurde auf peinlichste Sauberkeit geachtet. Begründung: Die Wache ist das Aushängeschild der Kaserne. Wenn die Wache nicht in Ordnung ist, dann taugt der ganze Haufen nichts. Postendienst war immer zwei Stunden. Die Waffe war scharf geladen. Geschossen werden durfte nur, wenn der mit „Halt, wer da?“ Angerufene der Aufforderung nicht nachkam und Gefahr bestand.

Nun bekamen wir den ersten Ausgang. Aber unter Leitung des Ausbilders. Unser Thüringer machte nicht das Übliche, einen Rundgang durch das Stadtzentrum, sondern wir fuhren mit der Bahn an das Haff in ein herrlich gelegenes Ausflugslokal. Von dort hatten wir einen schönen Ausblick auf den Binnensee, das Haff. Danach durften wir solo ausgehen. Ausgang war nur bis zum Zapfenstreich, also 22 Uhr. Wer zu spät kam, der wurde hart bestraft. Ausgang erhielt immer nur die Hälfte. Die anderen hatten Bereitschaftsdienst in der Kaserne.

In den drei zur Ausbildung vorgesehenen Monaten waren wir sieben Mal auf dem Schießplatz. Je 5 Schuss auf die Scheibe mit 12 Ringen. Mein Ergebnis war nicht gut. Beim Zielen müssen Kimme, Korn und Ziel scharf zu sehen sein. Kimme und Korn konnte ich zwar gut sehen. Das Ziel war jedoch verschwommen. Mit nur sieben Ringen im Durchschnitt war ich kein Meisterschütze. Aber das erklärte man zu meiner Entlastung mit einem Augenfehler.

Zur Grundausstattung der Soldaten gehörte auch eine Gasmaske. Diese musste auf Dichtigkeit geprüft werden. Der Luft wurden Gase zugeführt, die Hustenreiz und Augentränen verursachten. Wenn das Gas eingelassen wurde, musste die Gasmaske im Eiltempo aufgesetzt werden. Nicht dichte Masken wurden auf ihren Sitz überprüft und angepasst. Bei der nächsten Probe wurde dann ein Lied befohlen. Im letzten Test wurde zusätzlich Dauerlauf auf der Stelle angeordnet. War dies alles ohne Husten und Tränen abgelaufen, dann war die Gasmaske dicht und gebrauchsfähig.

Nun kamen wir hinaus auf das Übungsgelände. Zunächst war das Verhalten eines Infanteristen im Gelände zu erlernen. Gelegentlich bekamen wir auch zwei oder drei Platzpatronen.

Da jeder Soldat vielfältig einsetzbar sein sollte, wurde ich auch als Fernsprecher ausgebildet. Jeder Fernsprechtrupp hatte zwei Feldfernsprechgeräte und eine Kabeltrommel. Die Kabeltrommel mit 1 000 m Kabel war auf einer Rückentrage verankert. Das Gesamtgewicht betrug 20 kg. Da ich von der Statur her dem Ausbilder als der geeignetste Mann erschien, wurde die Rückentrage mir „anvertraut“. Auf Befehl starteten drei Trupps und verlegten das Kabel. Dann wurde das zweite Gerät angeschlossen und Einsatzbereitschaft gemeldet. Die Zeit wurde gestoppt. Der langsamste Trupp bekam eine zweckdienliche Ermahnung.

Parallel zur Infanterieausbildung wurde auch unsere eigentliche Ausbildung als Artilleristen vorgenommen. Zuerst wurde im Lehrsaal eine Menge Theorie gepaukt. Unser Geschütz war die schwere Feldhaubitze 18, Kaliber 15 cm. Marschbereit wog sie 7 to. Eine Granate, ohne die Kartusche mit der Pulverladung, knapp 45 kg. Es gab verschiedene Granatentypen und mehrere Pulverladungen. Nachdem die Grundbegriffe bekannt waren, wurde ein Test durchgeführt. Jedem wurden einige Fragen gestellt und die Bewertung in eine Liste eingetragen. Eine der mir gestellten Fragen war mit einer richtigen Wortschlange zu beantworten. Über diese hatten wir uns auf unserer Stube schon lustig gemacht. Ich war deswegen sattelfest. Meine Antwort war: „Die schwere Feldhaubitze hat einen Schubkurbel-Flachkeil-Rollverschluss mit Wiederspannabzug und doppelter Sicherung.“ Die Antwort war richtig. Bei der nachfolgenden Zuordnung zu den Richtkanonieren, Kanonieren oder zur Munitionsstaffel wurde ich dem Richtkanonierzug zugeordnet. Nachdem man uns reichlich Theorie eingepaukt hatte, wurde zur Praxis übergegangen.

Zur Geschützbedienung gehörten acht Kanoniere. Sie wurden als K 1 bis K 8 benannt. Das 7 to schwere Geschütz SFH 18 (schwere Feldhaubitze Modell 1918) wurde aus der Fahrzeughalle über die gepflasterten Straßen zum Exerzierplatz gebracht. Dauerte das zu lang, dann wurde eine Ehrenrunde um den Platz befohlen. Natürlich mit Geschütz und im Laufschritt. Dann wurde das Geschütz feuerbereit gemacht.  Das Rohr wurde, aus der Transportstellung heraus, nach vorne gezogen. Dann wurde die Protze, die vorderen Räder, weggezogen und die Holme gespreizt. Nachdem die schweren Erdsporne umgesetzt waren, wurde noch der Richtaufsatz aufgesetzt. Nun war das Geschütz feuerbereit. Das dauerte 68 Sekunden. Der Geschützführer meinte, dass am Ende der Ausbildungszeit 35 Sekunden Richtzeit seien. Das Geschütz-Exerzieren war eine anstrengende Sache.

Am Wochenende wurde Putz- und Flickstunde angesetzt. Da wurde die Bekleidung in Ordnung gebracht. Da wir im Dienst statt der Socken nur Fußlappen trugen, war da nicht viel zu machen. Aber wenn auf der Bekleidungskammer etwas umgetauscht werden sollte, dann war der Kammerbulle oft recht knauserig. Das meist anschließende Waffenreinigen war penibel auszuführen. Wurde bei der anschließenden Kontrolle auch nur ein Fussel im Lauf gefunden, so konnte der Ausgang am Wochenende abgeschrieben werden.

Gesundheitlich hatte ich kaum Probleme. Nur ein Mal lag ich mit einer Angina 8 Tage im Krankenrevier. Die Angina war aber nicht weiblichen Geschlechts.

Nach knapp drei Monaten ging die Ausbildung ihrem Ende entgegen. Als Abschluss wurde ein Manöver durchgeführt. Es dauerte 2 Tage. Da wir ja nur 4 Geschütze hatten, wurde die Überzähligen als Infanterie eingesetzt. Zu diesen gehörte auch ich. Das Meisterstück der Infanterie war die Erstürmung eines Gefechtsstandes. Dank des Überraschungseffekts war uns das auch glanzvoll gelungen. Bei der anschließenden Manöverkritik wurde dies auch sehr gelobt. Einen Dämpfer bekamen wir jedoch, als wir gefragt wurden, warum wir dazu ausgerechnet unseren eigenen Gefechtsstand ausgesucht hätten. Das aber war nicht unser Fehler. Denn als uns der Paragraph 1 der HDV gelehrt wurde, fragte einer zweifelnd, ob denn jeder Befehl „heilig und sofort auszuführen“ sei. Ihm wurde gesagt, es könne doch nicht angehen, dass über jeden erteilten Befehl erst diskutiert würde. Daran hatten wir uns gehalten.

Nun warteten wir auf den ersten Fronteinsatz. Aber es kam wieder einmal anders, als wir uns das vorgestellt hatten. Wir wurden, um den neuen Rekruten Platz zu machen, auf den Dachboden verlegt. Dort waren auf engstem Raum dreistöckige Betten aufgestellt worden. Wir wurden dann noch weiter ausgebildet.

Im Osten wurde der Gegner immer stärker. Die Hälfte des eroberten Gebietes war schon wieder verloren gegangen. In Italien ging trotzt starkem Widerstand der ganze Süden bis Neapel verloren. Die Einsätze der U-Boote wurden bei geringeren Erfolgen verlustreicher. Die Taktik wurde mehrfach geändert, aber die verbesserte Kriegstechnik brachte große Verluste bei den U-Booten. Deshalb mussten sie aus dem Atlantik abgezogen werden. Inzwischen wurden die Bombenangriffe auf die Heimat weiter ausgedehnt. Schweinfurt, das wegen seiner Industrie von großer Wichtigkeit war, wurde erneut angegriffen. Wieder wurden 60 der Großbomber abgeschossen. Der Gegner setzte deshalb seine Tagesangriffe aus. Die Nachtangriffe auf die Städte, nun als Terrorangriffe gebrandmarkt, fügten der Zivilbevölkerung starke Verluste zu.

So endete das an Rückschlägen so reiche Jahr 1943.

Nun lagen wir auf dem Dachboden. Der Dienstbetrieb lief weiter. Exerzieren wurde eingeschränkt. Jetzt sollte ich noch eine Ausbildung als Kradfahrer erhalten. Aber warum gerade ich? Ein Motorrad hatte ich noch nie gefahren. War der Handwerksberuf der Grund? Theorie wurde hier nur nebenbei gelehrt. Schon am ersten Tag wurde mit der Praxis begonnen. Zunächst wurde mir der Rücksitz der Beiwagenmaschine zugewiesen. Im Beiwagen neben mir der Fahrlehrer. Er war ein wortgewaltiger Mann. Auf dem Kasernenhof machte ich meine ersten Fahrversuche. Dann ging es auf Nebenwegen in die Wildnis. Als Neuling war ich da erst einmal vorsichtig. Dem Fahrlehrer war das zu lahmarschig. Er wollte immer nur „Volle Pulle“. Und das machte er mit „Pfeffer, Pfeffer!“ deutlich. Er gab mir Weisung, einen hohen Erddamm hinaufzufahren. Auf halber Höhe würgte ich den Motor ab. Da tobte der Fahrlehrer wie ein Orkan. Ich ließ die Maschine zurückrollen und setzt neu an. Es ging nun gut. Als ich oben auf der Dammkrone ankam, hielt ich erst an, um den geeigneten Weg zwischen dem Buschwerk zu erkunden. Und gleich war wieder der Teufel los. Von „Präsentierteller“ und „Abknallen lassen wie ein Hase“ war da die Rede. Bald war ich sicherer geworden. Mein Tempo gab nun keinen Grund mehr zu neuen Schimpfkanonaden.

Nun fuhren wir in den Stadtkern hinein. Durch sehr enge Gassen. Auf Befehl bog ich links ab. Ich wurde aufgefordert, abzusteigen und das eben passierte Verkehrsschild anzusehen. Es war ein Verbot der Einfahrt. Das Schild hatte ich nicht gesehen. Zur Strafe musste ich, mit dem schweren Kradmantel und Stahlhelm bekleidet, hinter der Maschine herlaufen. Mein Mitschüler ging vom Gas, um mir die Sache nicht zu schwer zu machen. Da kam er beim Fahrlehrer aber schlecht an. Mitten in der Stadt, auf der Hauptverkehrsstraße, schrie er wieder „Pfeffer, Pfeffer!“ Ich japste, zum Gaudium der Passanten, hinterher.

Nachts hatte es ziemlich geschneit. Der Schnee war noch nicht geräumt. Wieder fuhren wir in den Stadtkern. Mir wurde die Solomaschine gegeben. Es war glatt und ich richtete mein Tempo entsprechend ein. Darauf schien unser „Herrgott“ schon gewartet zu haben. Im Beiwagen kniend brüllte er wieder los. Am liebsten hätte ich ihm den Hals umgedreht. Aber der Paragraph 1 verlangte etwas anderes.

Plötzlich hatte man es sehr eilig. Schnell wurde die Fahrprüfung abgelegt. Im praktischen Teil war man zufrieden. Auch in der Theorie lief es glatt. Bis auf eine Frage: Wie viel Öl wird dem Benzin beigemischt. Da gab es verschiedene Meinungen. Meine Antwort ein viertel Liter Öl auf 5 Liter Benzin war richtig. Ich bekam den Führerschein, der weitaus bessere Fahrer jedoch nicht. Etwa, weil seine selbstbewusste Art nicht gefallen hatte?

Nun waren wir schon ein halbes Jahr in der Kaserne. Von Fronteinsatz war keine Rede. Das war ungewöhnlich. Als der Gruppenführer einmal deswegen gefragt wurde, meinte er: „Du kommst bestimmt nicht zu spät!“

Seit die Truppen der Sowjetunion im Dezember die Winteroffensive angetreten hatten, konnte sie weiter vordringen. Nun stand die Rote Armee vor der Ostgrenze Polens. Den seit mehr als zwei Jahre bestehenden Einschließungsring um Leningrad konnte sie nun aufbrechen. Die U-Boote wurden nun mit Schnorcheln ausgerüstet. Damit war nun eine Unterwasserfahrt auf langen Strecken möglich. Trotzdem wurden die Erfolge immer geringer und die Verluste größer. Die unser Gebiet angreifenden Bomberverbände hatten nun eine noch größere Reichweite und einen besseren Schutz durch Jagdflugzeuge. Der Chef unserer Luftwaffe, Hermann Göring, der einmal großspurig sagte „wenn jemals ein feindliches Flugzeug unsere Grenze überfliegt, will ich Meier heißen“, schwieg nun. In Italien konnte die Front im Wesentlichen gehalten werden.

Ein Witzbold hatte den Sonntag zum Wehrmachtsreisetag erklärt. Genau so kam es bei uns. Im März wurden wir in Marsch gesetzt. Wir fuhren zum Güterbahnhof. Dort wurde alles verladen. Unsere, die siebte Batterie, bestand aus 145 Soldaten, 42 Fahrzeugen und 4 Geschützen. Es ging in Richtung Süden an die Grenze zur Slowakei. Dort wurden wir entladen. In der Nacht fuhren wir quer durch die Slowakei zur Industriestadt Kaschau. Sie war ehemals Teil der Tschechoslowakei, musste aber wegen der vorwiegend ungarischen Bevölkerung von der Slowakei an Ungarn abgetreten werden. Nun erfuhren wir den Grund unseres Hierseins. In Ungarn wurde schon seit einiger Zeit mit einem Umsturzversuch gerechnet. Das dürfte wohl der Grund gewesen sein, warum wir auf dem Dachboden in Bereitschaft gehalten wurden.

Die Zivilbevölkerung in der Stadt verhielt sich ruhig. Ungarn konnte ohne unsere direkte Hilfe in Kaschau den Umsturzversuch niederschlagen. Als wir am nächsten Morgen durch die Stadt marschierten, stand urplötzlich mitten auf dem Straßenbahngleis eine Lokomotive mit Güterwagen. Ich erkannte, dass die Straßenbahn dieselbe Spurweite wie die Eisenbahn hatte. So konnten beide Bahnen auf demselben Gleis fahren.

Wir wurden nun mit einem LKW in das Umland gebracht. Auf einer Anhöhe stand ein großes Gebäude mit einer hohen Umfassungsmauer. Durch ein offenes Tor konnte ich an der Innenseite der Mauer Männer in Zivilkleidung mit dem Gesicht zur Wand und erhobenen Händen stehen sehen. Sie wurden von ungarischen Honved-Soldaten bewacht. Da ging es recht rauh zu. Wir hatten die Aufgabe, das Projekt von außen her abzusichern. An uns wurden Eierhandgranaten ausgegeben. In unserer Ausbildung wurden diese nicht gebracht. Man erklärte uns, dass wir auf den aufgeschraubten Zünder achten müssten. Dieser würde sich leicht lösen und die Granate zur Explosion bringen. Nach einigen Stunden ohne Zwischenfälle wurden wir wieder abgezogen.

Nun wurden wir wieder auf die Bahn verladen und auf einen Karpatenpass gebracht. Von dort fuhren wir mit unseren Geschützen in die Berge. Dort lag noch Schnee. An einem besonders steilen Straßenstück rutschte die Zugmaschine. Auch mit einer weiteren vorgespannten Zugmaschine ging es nicht. Erst als wir Soldaten an langen Zugseilen zu Hilfe kamen, brachten wir das Geschütz in die Feuerstellung. Noch ehe wir das Geschütz feuerbereit machen konnten, wurde die Aktion abgebrochen. Die Partisanen, die wir bekämpfen sollten, waren schon ausgewichen.

Wir fuhren nun mit der Bahn wieder in die ungarische Tiefebene hinunter. Dort kam uns ein Schienen-LKW mit einem angehängten Personenzugwagen entgegen. Vermutlich war dort ein Stab von Offizieren untergebracht. Plötzlich wurde von hinten die Meldung durchgerufen, den Zug anzuhalten. Der Zug fuhr ein Stück zurück. Ein Kamerad war vom fahrenden Zug gefallen und unter die Räder gekommen. Beide Beine wurden ihm am Unterschenkel abgefahren.

Als wir auf rumänisches Gebiet kamen, wurde dort Ostern gefeiert. Die Ungarn hatten aber schon einige Tage vorher Ostern gehabt. Hier wurde also nach verschiedenen kirchlichen Kalendern gerechnet.

Nachdem wir wieder entladen waren, fuhren wir über einen Pass der Ostkarpaten. Zivilisten waren dort oben damit beschäftigt, auf der arg ramponierten Straße einen Knüppeldamm anzulegen. In einem Dorf sah ich Männer in ihrer Tracht. Sie hatten über ihren langen weißen Unterhosen knielange Trachtenhosen. Dazu hohe Schaftstiefel.

Als wir auf der anderen Seite wieder in das Tal kamen, waren wir schon in Frontnähe. Wir fuhren in die Feuerstellung. Aber noch ehe wir die Geschütze feuerbereit hatten, wurden wir von der feindlichen Artillerie beschossen. Unseren Standort konnte der Spion doch gar nicht einsehen. Das konnte er doch nur über Funk erfahren haben. Das war mein erster Fronteinsatz.

Seit der Einberufung waren 14 Monate vergangen. Es war doch gut gewesen, den Rat des Vaters anzunehmen. Nun schrieb ich die erste Feldpost heim. Meine Feldpostnummer war 17 34 5.

Die feindlichen Bomberverbände, die unsere Städte bombardierten, flogen nun in so großer Höhe, dass sie von der Flak nicht mehr erreicht werden konnten. Zur Abwehr der Bomber wurde nun das Raketenflugzeug ME 163 eingesetzt. Nun kam auch die erste als Vergeltungswaffe (V 1) eingesetzte Fernrakete zum Einsatz. Ziel war England. In Italien nahmen die gegnerischen Truppen Rom ein. In der Normandie landeten die Gegner und bildeten die zweite Front. Eine Zurückwerfung in das Meer gelang nicht. Die gegnerische Überlegenheit an Land und besonders in der Luft war zu groß.

Der Beschuss durch die feindliche Artillerie ebbte schnell ab. Wir machten unsere Geschütze feuerbereit. Die Kampftätigkeit in unserem Abschnitt war nicht besonders stark. Deshalb konnten wir die „Eingewöhnungsphase“ ohne besondere Hektik hinter uns bringen. Nach kurzer Zeit wurden wir wieder abgezogen und in Richtung Schwarzes Meer in Marsch gesetzt. Nachdem wir die Gebietshauptstadt Kischinew passiert hatten, wurden wir zum Artillerieregiment der 13. Panzerdivision beordert. Dort wurden wir eingegliedert. Eigentlich war es umgekehrt, denn die 13. PD wurde in unsere Gesamteinheit, das Panzercorps „Feldherrnhalle“ eingegliedert. Dies wurde nicht von allen Soldaten der 13. PD begrüßt. Das war schon daran zu erkennen, dass einige den Ärmelstreifen „Feldherrnhalle“ ablehnten.

Einige „Altgediente“ hatten einen Sprachgebrauch, der über den bei Landsern allgemein üblichen hinausging. Da waren die volksdeutschen Beutegermanen. Die Ostmedaille, die allen Soldaten, die den kalten Winter 1941 / 42 an der Ostfront durchstehen mussten, verliehen wurde, war für sie der „Gefrierfleischorden“. Der Reichsführer Heinrich Himmler wurde der „Reichsheini“ genannt. Und Minister Göbbels war der „Klumpfuß“. Der Gauleiter Saukel war der „Sauleiter Gaukel“. Der Ausspruch Hitlers „Der Dank des Vaterlandes ist euch gewiss“ wurde erweitert mit „Er wird euch ewig umschleichen, aber niemals erreichen“. Besonders einer fiel auf. Er sprach immer von einem geheimnisvollen „Gröfaz“. Diese Redensarten waren für mich schockierend. Zu einem späteren Zeitpunkt fragte ich einmal einen von mir als vertrauenswürdig angesehenen „Altgedienten der 13. PD“, was dieses „Gröfaz“ eigentlich bedeutet. Er sagte mir, dies sei eine Bezeichnung für Hitler. Göbbels habe ihn einmal den „größten Feldherrn aller Zeiten“ genannt. Daraus sei dann der „Gröfaz“ geworden. Das fand ich ungehörig. Erst die Begründung hatte mir das dann verständlicher gemacht. Der so abfällig Redende hatte durch einen Bombenangriff in der Heimat seine Familie verloren. Nun war mir dieses Verhalten erklärlich.

Die Verpflegung, die wir in Rumänien bekamen, war ausgesprochen schlecht. Ein Unteroffizier sagte uns einmal, für die Verpflegung sei der Bündnisstaat zuständig, auf dessen Gebiet wir uns aufhalten. Das war jetzt in Rumänien. Dieses lieferte oft Erbsen. Die einen waren steinhart. Die anderen waren von Käfern befallen und deshalb Käfererbsen genannt. Der Koch musste die Käfer immer erst abschöpfen. Der Kaffee war undefinierbar. Einer meinte, der wäre nur als Rasierwasser zu gebrauchen, weil er warm sei.

Von unserem Wehrsold bekamen wir 30 Prozent in der jeweiligen Landeswährung. Die restlichen 70 Prozent wurden in „Theatergeld“ ausgezahlt. Das waren deutsche Scheine auf einseitig bedrucktem Papier. Dieses Geld war nur intern verwendbar. Zum Beispiel für Körperpflege- und andere Bedarfsartikel.

Das Wetter war gut, es herrschte große Hitze. Deshalb begann der Dienst morgens früher und endete abends später. Dafür war die Mittagspause länger.

An einem Abend wurde ein Batteriefest organisiert. Es wurde reichlich billiger Rotwein beschafft. Auch eine Wehrmachtszuteilung Schnaps wurde ausgegeben. Es war eine tolle Veranstaltung. Dabei wurden entsprechende Lieder gesungen. Dann kam auch ein Mal das Fronttheater. Es war sehr unterhaltsam. Aber ohne weibliche Interpreten.

Nun hatten wir nicht nur den gefürchteten Zweifrontenkrieg. Jetzt war es ein Dreifrontenkrieg. Es mangelte an allen Ecken und Enden. Die Verbündeten, die kaum schwere Waffen hatten, waren kriegsmüde und hatten deshalb weniger Durchhaltewillen. Unsere Zivilbevölkerung war an der Grenze der Leidensfähigkeit angekommen. Den Versprechungen der Führung wurde nur noch wenig geglaubt. Die erfahrenen Soldaten sahen den Krieg verloren. Eine Redensart kam auf: „Ich lasse mir doch nicht im letzten Moment eine verplätten“. So sah es wirklich aus. Ich war von Zweifeln geplagt. Die Realität war: Im Süden standen unsere Truppen im Lande des ehemaligen Verbündeten und jetzigen Gegners im erbitterten Abwehrkampf. Im Westen konnte der weit überlegene Gegner vordringen. In Südfrankreich war er ebenfalls gelandet und auf dem Vormarsch. Im Osten stand der Gegner kurz vor Warschau und Ostpreußen. Nur im südlichen Abschnitt bei uns bestand zur Zeit keine Großkampftätigkeit.

Am 21. Juli nachmittags wurde bei der Befehlsausgabe bekannt gegeben, dass auf den Führer und Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Adolf Hitler, ein Attentat stattgefunden hatte. Es sei aber nicht gelungen, er sei nur leicht verletzt. Nun wurde angeordnet: statt des militärischen Grußes „Hand anlegen an die Kopfbedeckung“ wird nun der „Deutsche Gruß“ eingeführt. Später war zu erfahren, dass der Attentäter ein deutscher Offizier war. Das konnte ich kaum glauben.
Nun sollten alle Fahrzeuge, Geschütze und Geräte einer gründlichen Reinigung unterzogen werden. Der Schirrmeister ermahnte uns, gründlich vorzugehen. Man könnte andernfalls Beschädigungen sehr leicht übersehen. Das schien mir richtig, denn unser Geschütz war stark verschmutzt. Zur Reinigung wurde viel Wasser gebraucht. Das Wasser musste mit Eimern unten im Tal geholt werden. Die Strecke war 600 bis 700 m lang. So, wie bei Soldaten allgemein üblich, werden da zuerst die Rangniederen und Jungen eingeteilt. Dazu gehörte auch ich. Da es um diese Jahreszeit im Juli ja sehr warm war, artete dies als eine echte Schinderei aus. Wenn wir beide mit dem Wasser ankamen, lagen die anderen unter den Bäumen. Eine Ablösung schien hier nicht vorgesehen zu sein. Deshalb forderte ich sie nach 2 Stunden ein. Das wurde mir jedoch abgeschlagen mit der Begründung „Ihr seid doch die Freiwilligen!“ Damit ließ ich mich nicht abwimmeln. Mein Einwand, dass die Geschützbedienung nicht nur zwei, sondern acht Mann hätte, wurde geantwortet. „Riech du erst einmal da hin, wo wir schon hingeschissen haben“. Da verlor ich die Beherrschung und gab eine unüberlegte Antwort. Ich sagte: „Ihr seid einmal im Kaukasus gewesen. Jetzt seid ihr hier in Rumänien. Ihr seid doch bloß eine Rückzugsdivision“. Dann nahm ich die Eimer und zog wieder los zum Brunnen im Tal. Zu weiteren Streitigkeiten kam es nicht.

Am Abend nach Dienstschluss wurde ich zum Leutnant, unserem Zugführer, gerufen. Er fragte mich, was da vorgefallen sei. Ich beschrieb ihm wahrheitsgetreu die Auseinandersetzung und beklagte mich über dieses unkameradschaftliche Verhalten des Gefreiten. Der Offizier hörte mich in Ruhe an. Er äußerte sich nicht dazu. Ich dachte daher, dass er meinem Verhalten ein gewisses Verständnis entgegenbringen würde. Ich wurde nicht gemaßregelt und auch nicht bestraft. Doch ein Kamerad war da anderer Meinung. Er sagte zu mir: „Jetzt hast du verschissen bis in alle Ewigkeit“.
Denkfehler. Erst viel später war mir klar geworden, worin mein eigentlicher Fehler bestand. Was ich einer Einzelperson wegen des unkameradschaftlichen Verhaltens unter die Nase reiben wollte, hatte ich der ganzen Division angelastet. Als mir das klar wurde, war mir das eine Lehre für das ganze spätere Leben.

Nachdem die Division wieder aufgefrischt und einsatzfähig war, wurde auf einem Schießplatz ein Test durchgeführt. Unsere vier Geschütze standen in den normalen Abständen nebeneinander. Ein erfahrener Kamerad fragte mich, ob ich schon einmal eine Granate im Flug gesehen hätte. Das schien mir ein Witz zu sein. Aber ich konnte die vom Geschütz abgeschossene Granate in einiger Entfernung als schwarzen Punkt entschwinden sehen. Kurz danach wurde vom rechten Nachbargeschütz eine Granate abgefeuert. Schon kurz nach dem Verlassen des Rohres explodierte die Granate. Bei der Bedienung gab es einen Toten und mehrere Verletzte.

Unsere Batterie führte auch einmal ein MG-Schießen durch. Jeder Schütze bekam einen Schuss Einzelfeuer und drei Schuss Dauerfeuer. Es war das erste Mal, dass ich mit einem MG geschossen hatte. Danach fiel mir wieder diese Sache mit der Munition für das MG 42, die Rudolf während seines Urlaubs erzählt hatte, ein. Ich fing an, Munition mit Messinghülsen zu sammeln.

In einiger Entfernung schossen andere Soldaten zur Übung mit einer neuen Waffe, der Panzerfaust.

Nun wurden wir noch zu einer weiteren Übung kommandiert. Es war eine Gasübung. Ein Flugzeug simulierte einen Gasangriff. Nach dem Alarm „Gaaaas!“ mussten wir unsere Gasmaske aufsetzen und uns mit der Gasplane abdecken.

Im Westen war der Gegner in Mittel- und Südfrankreich auf dem Vormarsch. Paris wurde eingenommen. Die Bomber, die unsere Zivilbevölkerung terrorisierten, konnten nun von Frankreich aus starten. Im Süden wurde das italienische Florenz eingenommen. Im Osten gingen Wilna und Lemberg verloren. Die Partisanen wurden immer aktiver. Die am Attentat auf Hitler Beteiligten wurden vom Volksgerichtshof verurteilt und hingerichtet. Die Tagesberichte der Wehrmacht umschrieben die Gebietsverluste der Front mit „schweren Abwehrkämpfen“. Auch an der Front wurden wir Soldaten über die Durchbrüche des Gegners im eigenen Abschnitt zu spät oder gar nicht unterrichtet. Die Versorgung der Truppen wurde immer schwieriger. Auch der letzte Soldat erkannte nun die Aussichtslosigkeit der Lage. So war es auch bei den Verbündeten. Regierungen und Soldaten verhielten sich entsprechend. Das traf ganz besonders in den folgenden Monaten zu. Was unsere Soldaten besonders beunruhigte, war die Unkenntnis von der Lage in der Heimat. Im Westen und im Osten würde der Gegner bald die Grenzen Deutschlands überschreiten.

Unsere Einsatzfähigkeit stand fest. Schon kurze Zeit nach der Befehlsausgabe wurde der Abmarschbefehl gegeben. Wir bauten unsere Zelte ab und verluden alles Gepäck auf die Zugmaschine. Nach Beginn der Dämmerung wurden wir in Marsch gesetzt. Es ging zur Front. Am unteren Dnestr, einem Fluss zum Schwarzen Meer, hatte der Gegner einen Brückenkopf gebildet. Der konnte bei einem Angriff von Nutzen sein. Deshalb war es notwendig, ihn dem Gegner wieder zu entreißen. Nachdem unsere Artillerie den Brückenkopf beschossen hatte, griff die Infanterie an. Auf dem linken Flügel unsere Infanterie, auf dem rechten die rumänische. Der Angriff war anfangs auch erfolgreich. Dann aber mussten die Rumänen zurückgehen. Da für unsere Infanterie die Gefahr bestand, abgeschnitten zu werden, musste sie auch zurückgehen. Der Brückenkopf blieb bestehen. Gegnerische Schlachtflieger griffen nun weiträumig an. Auch unsere Feuerstellung wurde mit Bordkanonen beschossen. Da unsere Batterie nur ein Flieger-MG hatte, konnten wir ihnen nur wenig entgegensetzen. Die Angriffe waren jedoch schlecht ausgeführt. Wir hatten deshalb keine Verluste.

Nun musste umgruppiert werden. Wir wurden nach Eintritt der Dunkelheit in eine neue Feuerstellung beordert. Im Morgengrauen kamen wir an und machten unsere Geschütze feuerbereit. Dann wollten wir etwas essen. Unser Geschützführer kam von einer Besprechung zurück. Als er das sah, brüllte er laut los und forderte uns auf, sofort unsere Deckungslöcher zu graben. Dieses Verhalten von ihm war ungewöhnlich. Noch ehe wir fertig waren, setzte feindliches Artilleriefeuer ein. Es war wohl nicht so stark wie das vorne bei der Infanterie. Nach etwa 90 Minuten flaute das Feuer ab. Aus dem ganzen Geschehen schlossen wir, dass bei der Besprechung ein bevorstehender Angriff des Gegners angekündigt worden war. Als wir aus unseren Deckungslöchern herausstiegen, kam rumänische Infanterie bei uns an. Sie hatte ihre Stellung noch unter Artilleriebeschuss verlassen. Darin sahen wir eine Feigheit.

Rumänische Politik
Was die rumänischen Politiker damals bewegte, war uns Soldaten nur zum kleinen Teil bekannt. Rumänien stand vor dem 1. Weltkrieg unter türkischer Herrschaft. Nachdem es als kleiner Staat selbständig wurde, schlug es sich im 1. Weltkrieg auf die Seite der späteren Sieger. Grund war wohl der Zuerwerb rumänisch besiedelter Gebiete von Ungarn, Bulgarien und Russland. Die Rechnung ging auf. Die Gebietserwerbungen waren aber weitreichender. Der Wiener Schiedsspruch Hitlers nahm diese Gebiete wieder weg. Als erkannt wurde, dass der 2. Weltkrieg verloren war, wechselte man die Seite. Man schloss einen Waffenstillstand und erklärte uns den Krieg. So war das Handeln Rumäniens aus seiner Sicht verständlich. Das aber wussten wir Soldaten nicht. Wir sahen nur, dass uns ein Verbündeter im Stich ließ und auch noch in den Rücken fiel. Die rumänische Regierung wurde drei Tage nach diesem Angriff gestürzt. Es muss deshalb davon ausgegangen werden, dass die rumänische Infanterie nicht aus eigenem Ermessen ihre Stellung verlassen hatte, sondern von am Umsturz beteiligten hohen Offizieren Befehl dazu erhalten hatte. Der Umsturz war das Werk des rumänischen Königs. Zwei Tage danach erklärte dann Rumänien Deutschland den Krieg. Aber davon erfuhren wir unterwegs nichts. Sicher sahen sich auch die Rumänen von uns im Stich gelassen, weil unsere Artillerie nicht geschossen hatte. Aber so einfach ging das bei der schweren Feldartillerie nicht. Der Beschuss eines Zieles, das Kilometer von der Feuerstellung entfernt und nicht einzusehen war, wurde über einen Beobachter gelenkt. Dieser konnte uns aber nur aufgrund der Einschläge unserer Granaten Korrekturen geben. Wir waren eben erst angekommen. Eine Verbindung zum Beobachter war ja noch nicht gegeben. Und einfach blind schießen würde die eigene Infanterie gefährden. Es war auch noch keine Munition da. Wir selbst hatten pro Geschütz nur 10 Schuss bei uns. Der gegnerische Angriff kam um einen Tag zu früh.

Nun kam der Befehl, unsere Geschütze sofort wieder fahrbereit zu machen. Als die Zugmaschine des noch nicht fahrbereiten Nachbargeschützes kam, wurde sie zu uns befohlen. Wir konnten so noch im letzten Moment abrücken. Kurze Zeit später kamen schon feindliche Panzer an. Sie zerstörten das noch nicht fahrbereite Geschütz. Aber auch unser Geschütz hatte durch Artillerietreffer einen Schaden erlitten und war nicht mehr einsatzbereit. Der Geschützführer bekam deshalb den Befehl, das Geschütz zur Reparatur zum Waffenmeisterzug zu bringen.

Auf der Straße ging es nur mühsam voran. Wohl fuhren alle in der gleichen Richtung, aber von den Seiten kamen immer weitere Fahrzeuge hinzu. Deswegen ging es nur im Schritttempo voran. Das kostete viel Sprit. Und der war Mangelware. Gegen Mittag kamen wir an einer am Straßenrand stehenden Zugmaschine vorbei. Auf der hinteren Bank lag ein Schwerverwundeter in seinem Blut. Der Sani, der zufällig auf unserer Maschine mitfuhr, gab mir eine Binde zur Abschnürung der Blutzufuhr und forderte mich auf, den Oberschenkel abzubinden. Als ich die Binde anlegte, erkannte ich, dass hier jede Hilfe zu spät kam. Der Verwundete befand sich bereits im Zustand des Deliriums. Er stammelte „Mutter, hilf mir“. Ich legte die Binde an. Jetzt erkannte ich ihn. Er war in unserer Ausbildungseinheit in Elbing der rechte Flügelmann.

Als ich 17 Jahre später bei einer Spätheimkehrerbefragung eine Bilderliste der Vermissten durchsah, fand ich sein Bild. Ich gab eine Meldung ab. In der Antwort wurde mit mitgeteilt „Der Sterbefall des Verschollenen ... konnte schon der Beurkundung zugeführt werden“. Das Sterbedatum 20.08.1944 bestätigte auch die Richtigkeit meiner Annahme.

Als wir nun die Straße mit unserer geländegängigen Zugmaschine verlassen konnten, kamen wir wohl schneller voran, aber das Gelände war vollkommen deckungslos. Wir wurden mehrfach von Flugzeugen angegriffen. In einem Falle wurden Bomben geworfen. Ich konnte die direkt auf uns zufliegenden Bomben erkennen und versuchte, durch seitliches Weglaufen zu entkommen. Im letzten Moment warf ich mich auf den Boden. Die Bomben schlugen um mich ein. Es waren Splitterbomben kleineren Kalibers. Um mich herum gingen vom ausgetrockneten Boden Staubwolken hoch. Aber ich war noch einmal davongekommen. Unsere Zugmaschine wurde von Splittern getroffen. Aus dem Kühler lief das Wasser aus. Unser Fahrer schaltete jedoch schnell. Er weichte Brot ein und dichtete damit den Kühler notdürftig ab. Aber trotzdem lief noch etwas Wasser aus. Nun mussten wir Wasser beibringen. Aber das war in dieser trockenen Gegend ein Problem. Wir fuhren in eine Senke. Dort konnten wir aus einem kleinen Tümpel Wasser holen. Wir waren noch dabei, alle verfügbaren Behälter mit Wasser zu füllen, als wir erneut von einem Flugzeug mit Bordkanonen angegriffen wurden. Ich konnte mich gerade noch mit einem Sprung in den Tümpel retten. Der Schütze hatte wohl nicht seinen besten Tag.

Auch mit Verpflegung sah es sehr schlecht aus. Als wir an einem Weinberg vorbeikamen, deckten wir uns reichlich ein. Wir hatten nun massig Probleme. Der Kühler der Zugmaschine, Wasser, Verpflegung und das beschädigte Geschütz. Als wir endlich glaubten, den Waffenmeisterzug gefunden zu haben, war er schon wieder verlegt worden. Wir mussten erneut hinterherfahren. Da unsere Zugmaschine mit dem Geschütz höchstens 55 km/h fahren konnte, war das ein weiteres Problem. Aber mehr für mich. Mein Nebenmann jedenfalls meinte, das könnte er so bis in die Heimat ertragen. Dem zu widersprechen, kam mir nicht in den Sinn, denn ich hatte in der kurzen Zeit bei der 13. PD schon einiges gelernt.

Nun kamen wir am untersten Donauknie an. In der Stadt Galatz war es ruhig. In der nächsten Stadt Braila standen die kleinen Panzer der rumänischen Armee ordentlich aufgereiht. Merkwürdigerweise ohne jede Tarnung. Warum waren die so leichtsinnig? Sie mussten doch mit Fliegerangriffen rechnen! Nun zweigten wir nach Westen zu den Karpatenbergen ab. In einem engen Tal ging es hoch in die Berge. Auf der Straße ging es eng und recht chaotisch zu. Die langen Wartezeiten zwischen den kurzen Stücken des Weiterkommens zerrten an den Nerven. Ein Fahrzeug wurde zurück in die Ebene in ein Spritlager geschickt. Dort wollten sie auch die restlichen Kanister gefüllt haben. Das wurde jedoch abgelehnt. Der Einwurf, das Spritlager würde doch in Kürze gesprengt, wurde nur beantwortet: “Befehl ist Befehl“. Ohne Papiere kein Sprit. Kaum waren sie zurück, da stieg aus dem Spritlager schon eine große Sprengwolke auf.

Nachdem wir wieder eine kurze Strecke weiter waren, blieben wir an einem großen total überfüllten Platz stehen. Plötzlich schoss dort ein leichtes Flakgeschütz auf ein anfliegendes deutsches Jagdflugzeug. Das Flugzeug wurde getroffen und stürzte brennend ab. Der Pilot konnte sich mit dem Fallschirm retten. Er wurde von in der Nähe befindlichen deutschen Soldaten geborgen. Der Pilot, der eine deutsche Maschine mit deutschem Hoheitsabzeichen geflogen hatte, war ein rumänischer Offizier. Nun erfuhren wir, was sich in den letzten Tagen ereignet hatte. Die rumänische Armee hatte die Kampfhandlungen eingestellt. Zwei Tage später hat unser bisheriger Verbündeter uns den Krieg erklärt. Nun war mir auch klar, warum die Panzer nicht getarnt waren. Auch war nun zu erfahren, warum das Spritlager so plötzlich in die Luft gejagt wurde. Der Gegner war durchgebrochen und befand sich kurz vor dem Spritlager.

Nachrichten
Soldaten erhielten außerdienstliche Bekanntgaben bei der Befehlsausgabe. Hier wurde das gesagt, was von oben her kam. Das war zweckentsprechend gesiebt. Andere Quellen gab es kaum. Radios mit Batteriebetrieb gab es nicht. Nur die Funker mit ihren Tornisterfunkgeräten konnten Radiomeldungen empfangen. Das war aber untersagt. Begründung: Der Akku muss voll aufgeladen sein. Eine verbreitete Nachrichtenquelle war die Latrine. Daher bekam auch die Bezeichnung Latrinen- (oder auch Scheißhaus-) parole. Wir auf dem Weg zum Waffenmeisterzug hatten kein Funkgerät und konnten deshalb vom aktuellen Geschehen nichts wissen.

Endlich hatten wir die Passhöhe hinter uns. Nun ging es wieder etwas schneller voran. Aber schon nach kurzer Zeit standen wir wieder. Es war zum Verzweifeln! Der Geschützführer schickte nun einen Mann zur Erkundung nach vorne. Als der zurückkam, berichtete er, dass an einer Straßenkreuzung ein Führer der Waffen-SS den zur Verkehrsregelung eingesetzten Feldgendarmen der Wehrmacht zur Seite geschoben und nun selbst die Verkehrsregelung übernommen hatte. Er hielt die Kolonne der zurückflutenden Fahrzeuge an und ließ eine Kolonne der Waffen-SS queren. Das wurde ihm als Anmaßung verübelt. Wie ich später erfuhr, war in der Ebene beim Spritlager der Gegner durchgebrochen, um das äußerst wichtige Erdölzentrum Ploesti zu erobern. Dies sollte die Waffen-SS verhindern. Das Vorgehen der Waffen-SS war also richtig.

Nachdem die Kolonne der Waffen-SS den Kreuzungspunkt passiert hatte, konnten wir wieder weiterfahren. Aber schon nach kurzer Zeit kam wieder die Feldgendarmerie und holte die Soldaten von den Fahrzeugen herunter. Nur der Fahrzeugführer und sein Fahrer durften bleiben. Wir wurden zu einem einzeln stehenden Bauernhof gebracht. Die Dämmerung hatte schon begonnen. Ein „alter Hase“ unserer Geschützbedienung wusste Rat. Wir machten uns durch ein Maisfeld hinter dem Haus davon und schlichen zur Straße. Dort wartete schon unsere Zugmaschine. Dann fuhren wir weiter.

Auf einer engen Straße begegnete uns ein Kübelwagen mit einem hohen Offizier. Unser Fahrer wich vorsichtig aus. Aber der weiche Boden gab unter dem Rad des schweren Geschützes nach. Das Geschütz kippte um. Dabei wurde die Halterung des Richtaufsatzes beschädigt. Die Zugmaschine konnte mit ihrer Seilwinde das Geschütz wieder aufrichten. Wir konnten weiterfahren.

Endlich hatten wir den Waffenmeisterzug erreicht. Das Geschütz war bald wieder einsatzbereit. Auch die Zugmaschine. Wir rechneten schon mit dem Einsatz an der Front. Aber es kam wieder einmal anders. Da die Verluste nicht durch Ersatz aus der Heimat ersetzt werden konnten, hatte unsere Batterie ihre Geschütze an eine andere abzugeben.

Die Rüstungsindustrie war durch Bombenangriffe schwer getroffen. Rohstoffe wurden immer knapper. Die noch produzierten Waffen wurden an die Brennpunkte geliefert. Das war in erster Linie die Front im Westen. Die wurde vor der Invasion vernachlässigt. Paris war schon verloren. Jetzt mussten die anderen Fronten zurückstehen. Das war bitter. In Rumänien hatte der Gegner die Hauptstadt Bukarest eingenommen und stieß durch die Ebene in Richtung Bulgarien, Jugoslawien und Ungarn vor. Nun drohte den umgangenen Karpatenhöhen die Abschneidung.

Wir wurden deshalb nach Westen in Marsch gesetzt. In kleinen Gruppen und auf eigene Faust. Ziel war der Raum vor Budapest. Hatte Hitler nicht einmal stolz erklärt „Wo der deutsche Soldat steht, da kommt kein anderer hin“ ? Und jetzt nannte schon einer aus unseren Reihen den Adler auf der Uniformjacke „Pleitegeier“.

Gegnerische Truppen standen am Ostufer der Weichsel am Rande von Warschau. In der Stadt wütete ein Aufstand. Erst als dieser zusammengebrochen war, wurde die Stadt befreit. Die Sowjetunion erklärte nun Bulgarien, das nicht am Krieg beteiligt war, den Krieg und besetzte es kampflos. Bulgarien erklärte nun Deutschland den Krieg. Unsere Truppen auf dem Balkan mussten zurückgenommen werden, um einer Einschließung zu entgehen. Nun landeten englische Truppen wieder in Griechenland. Im Westen setzte der Gegner seinen Vormarsch fort. Das restliche Frankreich wurde besetzt. Nun waren die Benelux-Staaten ein hart umkämpftes Gebiet. Die Vergeltungswaffe V 1 war nicht schnell genug. Sie konnte deshalb von Jagdflugzeugen abgefangen werden. Nun kam die verbesserte Version V 2 zum Einsatz. Die Bevölkerung der Heimat wurde nun noch stärker von Bombern angegriffen. Nun kam der Düsenjäger ME 262 gegen sie zum Einsatz. Nach dem Verlust der rumänischen Ölquellen wurde der Treibstoff immer knapper. Ersatz aus Kohle, Kartoffeln und anderen Naturprodukten konnte nur in ungenügenden Mengen hergestellt werden. Zivile Fahrzeuge waren schon seit längerer Zeit mit Holzgaserzeugern ausgestattet. Die militärische Lage war aussichtslos. Hitler gab den sinnlos gewordenen Kampf aber nicht auf.

Unsere Gruppe, unter Leitung eines erfahrenen Unteroffiziers, kam nun nach Budapest. Dort ging er mit uns zu der Verwaltungsstelle der Wehrmacht und ließ uns den Wehrsold für 10 Tage auszahlen. Dann legte er seinen Treffpunkt fest und gab uns Gelegenheit, die Stadt zu besichtigen.

Ich sah mir das schöne Zentrum der Stadt an. Als mein Magen sich bemerkbar machte, ging ich in ein Lokal, um etwas zu essen. Da ich nicht viel Geld hatte, bestellte ich mir einen billigen Eintopf. Mit Heißhunger machte ich mich daran. Der erste Löffel war so scharf, dass ich befürchtete, mir würde die Luft ausgehen. Nach dem zweiten Löffel bestellte ich mir bei dem feixenden Ober ein Bier. Als mein ganzes Geld aufgebraucht war, ließ ich den Rest des Essens stehen. Ich hatte noch nicht einmal die Hälfte gegessen. Ich strebte nun unserem Treffpunkt auf der anderen Seite der Donau zu. Aber kaum war ich auf der Brücke, da hatte ich einen mächtigen Druck auf dem Darm. Sofort machte ich kehrt und erledigte unter der Brücke, mit dem Hinterteil über dem Wasser der Donau hängend, mein Geschäft. Die Donau bekam aber nur das ab, was nicht schon in der Hose angekommen war. Dann ging ich zum vereinbarten Treffpunkt.

Von hier aus fuhren wir mit der Straßenbahn in einen südlichen Vorort. Dort wurden wir auf private Quartiere verteilt. Ich kam zu einer Deutsch sprechenden ungarischen Familie.

Nun war der tägliche Dienst eine ruhige Angelegenheit. Nachts wurde zur Bewachung der Fahrzeuge eine Bewachung aufgestellt. Das brachte mich auf eine Idee.

Demnächst hatte ich Geburtstag. Den wollte ich auf eine etwas gehobene Art feiern. Mit einem Braten. Da es am Ortsrand, wo unsere Fahrzeuge untergebracht waren, eine Menge Federvieh gab, sah ich eine gute Gelegenheit dazu. Bei der 13. PD hatte ich ja gelernt, was man hier unter „organisieren“ verstand. Das Notwendige besorgen, aber ohne den Preis zu zahlen. Noch nach Mitternacht liefen dort, ganz entgegen der allgemeinen Gepflogenheit, einige Enten herum. Von denen schnappte ich mir eine und beförderte sie ins Jenseits. Am folgenden Morgen gab ich sie der Hausfrau meines Quartiers und erklärte ihr, dass ich morgen meinen 19. Geburtstag hätte und den gerne mit der Familie bei einem guten Braten feiern wollte. Meinem Vorschlag wurde zugestimmt. Als ich dann zum Dienst kam, jammerte der Putzer des Hauptfeldwebels über den Verlust einer Ente und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten für ihn. Ich hielt es für angebracht, ihm meine „Heldentat“ zu gestehen und Ersatz zu leisten. Ich kaufte mich mit 20 Pengö frei. Damit war die Angelegenheit erledigt. Am Abend saßen wir bei einem herrlichen Essen und gutem Wein zusammen. Lange war es her, seit ich so locker und zufrieden war. Zu vorgerückter Stunde kamen noch zwei ungarische Frauen hinzu. Unter den Frauen begann bald eine lebhafte Unterhaltung. Eine der Frauen zeigte mit dem Finger auf mich und sagte erstaunt und im fragenden Ton „Tissangilenz?“ Was das zu bedeuten hatte, wusste ich nicht. Aber ich brachte es mit dem „Erwerb“ der Ente in Bezug. Nun war meine Stimmung schon nicht mehr so gelöst. Als ich am nächsten Morgen mit dem Sohn der Quartierfamilie am Tisch saß, fragte ich ihn, was  „Tissangilenz“ bedeutet. Er sagte: „Das heißt 19.“ Die beiden Frauen waren sehr erstaunt, dass ein so junger Mann schon an der Front gewesen sei. Da war ich doch sehr erleichtert. Ich nahm mir vor, in Zukunft nicht mehr zu „organisieren“, sondern zu kaufen.

Nun bekamen wir wieder Geschütze und ab ging es an die Front. Hier gab es ein neues Problem. Wir bekamen pro Geschütz täglich nur acht Schuss Munition. Wenn die Infanterie unsere Unterstützung brauchte, dann konnte sie die nicht bei unserem Beobachter anfordern. Dazu müsste die Genehmigung weiter oben eingeholt werden. Ehe wir dann Feuererlaubnis erhielten, war es vorne schon zu spät. Da die Infanteristen darüber nicht aufgeklärt wurden, bekamen wir später böse Worte gesagt.

Mit der Verpflegung gab es auch in Ungarn Probleme. Wohl war die Qualität besser, aber die Menge war gering. Das führte dann hin und wieder zu entsprechenden „Maßnahmen“. An einem Nachmittag wurden einige von uns auf einen LKW geladen und fuhren zu einem abgelegenen Gutshof. Ich ging dort in das Haus von Gutsarbeitern. Dort schaute ich mich um. Über einer Tür befand sich ein Regal mit Einmachgläsern. Einige enthielten Gurken. Ich bedeutete der Frau, dass ich gerne ein Glas Gurken haben wollte und zog den Geldbeutel. Ich bekam das Gurkenglas. Aber Geld wollte man nicht nehmen. Ich gab meinen Dank zu verstehen und verließ das Haus. Draußen angekommen hörte ich ein Schwein laut quieken. Das Schwein wurde auf den LKW geladen. Ob es bezahlt wurde? Das hatte man wohl „vergessen“.

Nun, Anfang Oktober, war ich ein Jahr Soldat. Jetzt stand die Beförderung zum Gefreiten an. Ich wurde davon ausgenommen. Mich ernannte man zum Oberkanonier. Das war die Quittung für das unbedachte Wort „Rückzugsdivision“.

Da der übermächtige Gegner unsere Front stark bedrängte, hatten wir mehrmals Stellungswechsel. Während einer kurzen Marschpause vor einem Dorf kam ein unbewaffneter ungarischer Honved-Soldat zu uns. Er hatte einen Zivilisten bei sich. Er fragte uns nach einem Gewehr. Ich sagte zu meinem Nebenmann, dass auf unserer Zugmaschine noch ein überzähliges Gewehr steht. Er meinte „Diese Sache geht uns nichts an“. Damit war diese Angelegenheit erledigt. Danach kam mir in den Sinn, welche Folgen eine unbedachte Handlung hätte haben können. Der Zivilist soll Jude gewesen sein.

Inzwischen hatte Ungarn einen Waffenstillstand mit den Gegnern abgeschlossen. Etwas nördlich tobte eine schwere Panzerschlacht. Weiter südlich versuchte der Gegner, auf das letzte noch verbliebene kleine Erdölgebiet durchzustoßen.

Wir in der Mitte standen als Verteidiger vor Budapest. Mit der knappen Munition konnten wir der hart bedrängten Infanterie nur wenig beistehen. Insgeheim hoffte ich noch auf die Wunderwaffen. Die Alten aber nicht. Hier gab es nur eine Sorge: Ich lasse mir doch nicht im letzten Moment noch eine verplätten. Vor kurzer Zeit sah ich darin noch Feigheit. Jetzt nicht mehr.

Ich hatte nun ein gesundheitliches Problem. Ein Abszess in der linken Achselhöhle schränkte meine Einsatzfähigkeit auf den Innendienst ein. Da ich gerade zu einer Ausbildung als Funker eingeteilt wurde, war das für den Dienst ohne Bedeutung. Nachts hatte ich auch Telefonbereitschaft.

Bei der Befehlsausgabe wurden drei junge Soldaten zu einem unbestimmten Einsatz eingeteilt. Ich war auch dabei. Wir sollten uns am nächsten Morgen mit Gepäck an der Straße aufhalten. Wir würden mit einem Fahrzeug abgeholt. So war es dann auch. An mehreren Stellen kamen noch andere dazu. In einem Waldstück wurden wir abgesetzt. Ein Offizier übernahm uns. Er ließ die gesamte Munition einsammeln. Was da zusammenkam, reichte gerade für einen Magazinstreifen mit 5 Schuss pro Mann. Als ich dann auch noch die gesammelte Munition mit Messinghülsen abgab, traf mich ein Blick des Offiziers. Nun wurde die Munition auf die etwa 50 Mann verteilt. Wir wurden in 4 Gruppen eingeteilt und uns der Einsatz erklärt. Die ungarische Infanterie wurde, obwohl ihre Ablösung nicht gekommen war, aus der Front herausgezogen. Nun war ein Abschnitt von etwa 2,5 km nicht besetzt. Diesen Abschnitt hätten wir nun zu übernehmen. Drei Gruppen zu je 12 Mann bekamen je 800 m zugewiesen. Die vierte Gruppe, zu der mich der Offizier geholt hatte, kam als Reserve zum Gefechtsstand. Der Gegner hatte vom Wechsel wohl keine Kenntnis, denn es war sehr ruhig. Nach seiner Kenntnis bestand ja ein Waffenstillstand. So war es dann 2 Tage. Am 3. Tag sollte die Front zurückgenommen werden. Die Reservegruppe ging gegen Mittag in die neue Stellung. Es war ein mit Gras bewachsener Vorderhang ohne jede Deckung. Mit dem Seitengewehr grub ich mir ein Deckungsloch in den harten Boden. Das war mit dem Abszess sehr beschwerlich.

Am späten Nachmittag wurde vorne geräumt. Wir sollten noch bis Mitternacht in unserer Stellung bleiben. Ab und zu sollten wir einen Schuss abgeben. Dann würden wir auch zurückgezogen. So geschah es dann auch. Wir gingen in eine kleine Ortschaft und legten uns in einem verlassenen Haus schlafen.

Am nächsten Morgen erfuhr ich, was sich vorne abgespielt hatte. Zwei Soldaten beobachteten aus ihrer Deckung heraus den Gegner. Einer meinte, auf der anderen Seite einen Scharfschützen erkannt zu haben und sagte: „Den knipse ich ab“. Er setzte das Fernglas an und hob den Kopf aus der Deckung heraus. Ein Schuss traf ihn. Er war sofort tot.
Denkfehler.
Dieses Verhalten wäre unterblieben, wenn die Munition knapper gewesen wäre. Doch nicht nur das falsche Verhalten des Kameraden war hier ursächlich. Ich hatte Munition mit Messingpatronen gesammelt. Warum? Die lackierten Hülsen klebten im heißen Lauf des MG 42 fest und verursachten eine Ladehemmung. Ich aber sammelte Munition für den Karabiner und nicht für das MG 42. Der Lauf des Karabiners wurde aber nicht so heiß. Die lackierten Patronen waren brauchbar gewesen. Und damit war meine Sammelaktion unnötig. Sie beruhte auf einem Denkfehler.

Am Vormittag meldete ich mich beim Arzt zum Verbandswechsel. Der Arzt sah sich den Furunkel an und fragte fast etwas unwillig, warum ich erst jetzt kommen würde. Nachdem ich den überraschenden Einsatz bei der Kampfkompanie vorgetragen hatte, lehnte er eine Behandlung ab. Er schickte mich ins Kriegslazarett nach Budapest. Ich gab meine Ausrüstung bei der Kampfkompanie ab und machte mich auf zum Sammelpunkt. Als ich dort ankam, schlugen unweit einige Granaten ein. Ich sah in der Nähe einen Sanka anfahren und sprang durch die noch offene Tür hinein. Dort waren schon einige verwundete ungarische Soldaten. Der Sanka fuhr in Budapest zu einem ungarischen Lazarett. Dort untersuchte mich ein junger ungarischer Arzt. Er sprach gut Deutsch und sagte, er habe in Deutschland studiert. Er bot mir an, im ungarischen Lazarett zu bleiben. Als ich ihm erklärte, dass ich nicht ungarisch spreche, ließ er mich mit einem Fahrzeug in das deutsche Lazarett bringen. Dort war Hochbetrieb. Der Furunkel wurde geöffnet und dann ein Verband angelegt. Nun sollte ich wieder zur Truppe zurück. Ich wollte aber weder zur Kampfkompanie noch zur 13. PD. Deshalb stellte ich mich dumm und sagte, meine Batterie würde oft Stellungswechsel machen. Ich würde sie nicht finden. Er sah mich etwas mitleidig an und gab mir Anweisung, mich bei der Krankensammelstelle zu melden. Als ich am späten Abend dort ankam, wurde mir ein Schlafplatz zugewiesen. Am nächsten Morgen hatte man Eile, die Marschfähigen loszuwerden. Wir wurden in kleine Gruppen eingeteilt und erhielten den Befehl, uns in der nächsten Stadt bei der Krankensammelstelle zu melden. Wir gingen auf die Fernstraße und ließen uns von Fahrzeugen mitnehmen. Dann meldeten wir uns. Hier wurden uns die Verbände gewechselt und Schlafstellen zugewiesen.

Die Mutter hatte mir ein Feldpostpäckchen für Weihnachten geschickt. Es war auch ein Beutel Puddingpulver dabei. Die Küche machte mir den Pudding zurecht. Den verzehrten meine Bettnachbarn und ich.

Für den nächsten Tag war die Ankunft eines Transportes von Verwundeten zu erwarten. Deshalb musste Platz gemacht werden. Die Gehfähigen wurden zum Bahnhof geschickt. Dort wurden Zettel mit Nummern von 1 bis 5 ausgegeben. Ich bekam die Nummer 2. Wir stiegen in einen Fronturlauberzug Richtung Heimat ein. Beim ersten Halt wurde die Nummer 1 zum Aussteigen aufgefordert. Jetzt war mir klar, was die Nummern zu bedeuten hatten. Ich legte mich auf die oberste Pritsche und stellte mich schlafend. Als die Nummer 4 den Zug verlassen hatte, stieg ich herunter. Der nächste Bahnhof war Wien Ost. Von dort aus gingen wir zu Fuß zum Westbahnhof und fuhren mit einem Personenzug nach Pressbaum. Hier kamen wir in ein auf einer Anhöhe liegendes Reservelazarett. Nach der obligatorischen Entlausung wurden uns die Betten zugewiesen. Das war am 13. Dezember 1944, ein paar Tage vor Weihnachten.

Am folgenden Tag bei der Visite war der Arzt erstaunt, wie ich es „geschafft“ hatte, mit dieser Kleinigkeit bis hierher zu kommen. Ich gab zur Antwort: „Ich hatte im Zug verschlafen“. Allerdings war mir auch der Hintersinn dieser Frage nicht klar. Erst mein Bettnachbar gab mir eine Auskunft. Bei den Lazaretten wurde unterschieden zwischen Kriegs- und Reservelazaretten. Kriegslazarette befanden sich außerhalb des Heimatlandes. Hier wurden die Schwerverwundeten bis zur Transportfähigkeit gepflegt und dann in ein Reservelazarett in der Heimat verlegt. Die leichteren Fälle wurden zur Feldeinheit zurückgeschickt. So war es ja bei mir in Budapest vorgesehen. Nach der Entlassung aus dem Heimatlazarett gab es zunächst einmal Genesungsurlaub. Dann meldete man sich bei der Ersatzeinheit. Das war bei mir Elbing bei Danzig. Dort konnte man noch einen Abstellurlaub beantragen.

Aber es gab noch viel mehr, was mir unbekannt war. Auf unserer Stube lag auch ein Scharführer der Waffen-SS. Der erzählte mir seine Geschichte. Er wurde als Zivilist verhaftet und wegen angeblicher kommunistischer Tätigkeit verurteilt. Er wurde vorzeitig entlassen und bekam gleichzeitig einen Einberufungsbefehl zur Waffen-SS. Seine Einheit war die Brigade „Dirlewanger“. Das war eine besondere Einheit. Ihre Soldaten sollten alle „etwas ausgefressen“ haben. Diese Beschreibung schien mir doch sehr unglaubwürdig. Doch er versicherte mir, die Wahrheit gesagt zu haben. Sehr viel später konnte ich einem Buch über diese Brigade den Beweis seiner Aussagen entnehmen.

Ich war nun acht Tage im Lazarett. Die kleinen Schnittwunden in der Achselhöhle waren schon beinahe verheilt. Nun wollte ich die hier neu gewonnenen Erkenntnisse umsetzen und beantragte die Entlassung und den anschließenden Genesungsurlaub. Im Prinzip hatte man auch nichts dagegen. Da nun aber Weihnachten vor der Türe stand, wurden die Verheirateten bevorzugt. Man sagte mir jedoch, ich solle mich nach Weihnachten erneut melden. Das machte ich dann auch. Am 27. Dezember wurde ich entlassen.

Am Bahnhof standen die Soldaten Schlange. Ich konnte in Erfahrung bringen, was der Grund war. Urlauber konnten mit einer Sondergenehmigung den Schnellzug benutzen. Die Genehmigung wurde hier erteilt. Mein Zug ging in einer knappen Stunde. Wenn ich mich ganz hinten anstellen würde, käme ich kaum noch rechtzeitig zum Zug. Also musste ich mir etwas einfallen lassen. Dank der Erkenntnisse, die ich bei der 13. PD gewonnen hatte, fand ich auch eine Möglichkeit. Hinter den Anstehenden befand sich eine Anschlagtafel. Ich schob mich durch die Schlange hindurch vor die Anschlagtafel. Da ich im Wege stand, wurde ich mitgeschoben. Und so bekam ich den Zug noch. Nun hatte ich 12 Tage Urlaub und 2 Reisetage extra. Dann musste ich mich in Elbing melden.

Der Schnellzug fuhr nicht über die Hauptstrecke Linz – Regensburg, sondern weiter nördlich über Budweis. Unterwegs überflog uns ein großes Bombergeschwader. Sein Ziel war vermutlich der Raum um Wien. Gegen Abend kam ich daheim an. Da ich mich wegen der ungewissen Ankunft nicht angekündigt hatte, war die Überraschung groß.

Nun konnte ich mir auch wieder über die allgemeine Lage einen Überblick verschaffen.

Im Westen war der Gegner überall an den Grenzen angekommen. In den Ardennen wurde noch einmal zum Gegenstoß angesetzt. In Ostpreußen hatte die verbliebene Zivilbevölkerung unter unmenschlichen Rache der gegnerischen Truppen schwer zu leiden. In Budapest wurden die auf der Burg befindlichen Soldaten eingeschlossen.

In der Heimat lief die Propaganda-Maschine auf Hochtouren. Vom „Endsieg“ wurde gesprochen. Da ich aber nicht mehr so unerfahren und leichtgläubig war wie früher, durchschaute ich nun die Absichten besser als früher. Der Volkssturm war aufgestellt. Alle „waffenfähigen“ Männer von 16 bis 60 Jahren wurden dazu aufgerufen. Die Anzahl der Reservelazarette in der Stadt war noch größer. Die Stimmung in der Bevölkerung war sehr gedrückt. Bis jetzt war die Stadt von Fliegerangriffen verschont geblieben.

Der Urlaub war eine recht triste Zeit. Ich konnte über vieles nachdenken. Meine wichtigste Erkenntnis aber war: Zuerst denken, dann reden.

So endete das katastrophenreiche Jahr 1944.

Nach dem Urlaub musste ich mich wieder bei der Ersatzeinheit im ostpreußischen Elbing melden. Würde ich überhaupt noch bis dahin kommen oder war der Gegner schon da? Dan würde mich sicher unterwegs „Soldatenklau“, in der Dienstsprache Feldgendarmerie, einkassieren, so wie es in Rumänien war. Wenn ja, dann käme ich wieder zu einem wild zusammengewürfelten Haufen, auch „Himmelfahrtskommando“ genannt. Aber meine Sorge war unbegründet. Die Bahnfahrt nach Elbing verlief problemlos. Dort erhielt ich einen guten Tipp: Sofort auf die Schreibstube und Abstellurlaub beantragen. Erstaunlicherweise wurde er auch sofort genehmigt. Antritt: Mitternacht 0 Uhr. Der Fronturlauberzug passierte aber bereits um 14 Uhr den Bahnhof Elbing. Also brauchte ich wieder eine Sondergenehmigung. Aber die konnte mir die Schreibstube nicht geben. Man verwies mich zum Batteriechef. Dort kam ich sofort an. Als ich ihm gegenüberstand, erkannte ich sofort meinen Chef vom Großangriff in Rumänien. Das sagte ich ihm auch. Er war erfreut, einen seiner Leute von damals zu sehen. Ich bekam die Sondergenehmigung. Er wusste nichts von der „Rückzugsdivision“.
Im Eiltempo sprang ich zum Bahnhof und passierte 13:45 Uhr die Bahnsteigsperre. Wäre ich nur 10 Minuten später gekommen, dann hätte mich „Soldatenklau“ einkassiert. So hat es mir später ein Kamerad, der auch mit diesem Zug fahren wollte, erzählt.

Daheim gab es ein großes Hallo, denn das Radio berichtete über schwere Abwehrkämpfe im ostpreußischen Gebiet.

Zu dieser Zeit wurden Tilsit, Warschau und Auschwitz befreit. Die Verteidiger von Budapest machten einen Ausbruch.

Den Vater hatte man inzwischen zum Führer des örtlichen Volkssturmbataillons ernannt.

Am 2. Februar musste ich wieder in Elbing sein. Aber es war schon vom Gegner besetzt worden. Der Vater machte mir den Vorschlag, daheim zu bleiben, denn mich würde ja niemand mehr vermissen. Das war mir jedoch zu riskant, denn das könnte man mir als „unerlaubte Entfernung von der Truppe“ oder Fahnenflucht auslegen. Das wäre ein Grund, mich zum Strafbataillon zu schicken oder gar die Todesstrafe zu verhängen. Wie dachte man da bei der 13. PD? Ich lasse mir doch nicht im letzten Moment noch eine verplätten! Ich sah da noch eine andere Möglichkeit.

Bis nach Berlin musste ich ohnehin fahren. Dort könnte ich mich in Güterfelde melden. Dann wäre ich wenigstens wieder bei meinen Kameraden. Schon bei Leipzig begegneten uns eilig zusammengestellte Transporte. Die wurden in den zentralen Bahnhöfen von Berlin abgefangen und eilig zusammengestellt. Ich nahm mir deshalb vor, gleich beim ersten Halt in Berlin  den Zug zu verlassen und mich nach Güterfelde durchzuschlagen. Das gelang mir auch. Andere Kameraden wurden an den Bahnhöfen zwar kontrolliert, aber sie durften weiter, da „Feldherrnhalle“ einen örtlichen Sammelpunkt hatte. Nach einigen Tagen wurden wir nach Parchim in Mecklenburg verlegt. Dort traf ich auch meinen Gruppenführer aus der Elbinger Ausbildungszeit wieder. Hier wurden wir eine kurze Zeit mit Exerzieren beschäftigt und dann wieder zur Fronttruppe gebracht. Da wir keine Fahrzeuge und schwere Waffen hatten, wurden wir in Güterwagen auf Stroh und mit einem Kanonenofen in der Mitte befördert.

Zu den Chronik-Abschnitten:
Seit dem letzten Urlaub war ich über das allgemeine Geschehen noch weniger informiert als über das vergangene. Die einzigen erhaltenen Angaben waren die täglich bei der Befehlsausgabe verlesenen Wehrmachtsberichte. Die bestanden in der Regel aus der monotonen Aussage „schwere Abwehrkämpfe“. Die in der Chronik enthaltenen Angaben wurden erst Jahrzehnte nach dem aktuellen Geschehen erstellt. Sie sollen dem Leser ein Bild über die Geschehnisse des aktuellen Zeitabschnittes vermitteln. Nur wer die Chronik-Abschnitte kennt, hat ein vollständiges Bild.
Im Westen wurde die Reichsgrenze überschritten. Am 13. / 14.2.1945 wurde Dresden angegriffen. 100 000 Tote nach den Angaben der Angreifer. Im Westen fielen Köln (05.03.1945), Bad Mergentheim (07.04.1945), Hannover (10.04.1945), Nürnberg (20.04.1945) und Berlin (23.04.1945). Im Osten wurde am 15.02.1945 Danzig (nahe Elbing) erreicht. Am 26.04.1945 trafen sich bei Torgau an der Elbe die Truppen von West und Ost.

Mitte März stand unser Zug in Ludwigslust auf dem Rangierbahnhof. Wir wurden zur Befehlsausgabe an das Ende des Zuges befohlen. Plötzlich brach in einem unserer Waggons Feuer aus. Beherzte Männer der Bahn holten den brennenden Waggon heraus. Was war geschehen? Einer von uns hatte aus einem auf einem Nachbargleis stehenden Kesselwagen Sprit geholt. Der Sprit bestand aus Naturprodukten und war durch Vergällung ungenießbar gemacht worden. Der Zusatz dazu konnte durch Erwärmen des Sprit ausgesondert werden. Während der Befehlsausgabe schwappte der erwärmte Sprit aus und entzündete sich.

Als wir durch Leipzig kamen, wurde ein Gerücht von einem Großangriff der Terrorbomber auf Dresden verbreitet. Als wir auf dem Rangierbahnhof Gänserndorf bei Wien standen, überflog uns ein großes Bombergeschwader. Aber wir waren nicht das Zielobjekt.
In der Slowakei waren wir am Ziel. Als Ersatz für die dezimierten Fronttruppen sollten wir eingegliedert werden. Aber es kam wieder einmal anders. Der Gegner drängte die Front zurück. Wir brachten das Gepäck auf einen LKW und marschierten in Richtung Westen. Obwohl in der Umgebung Partisanen waren, verhielt sich die slowakische Bevölkerung uns gegenüber freundlich.

Nach mehreren Tagesmärschen kamen wir in die Gegend von Znaim, einem Gebiet der Sudetendeutschen nördlich von Wien. Nach langem Marsch bezogen wir am späten Nachmittag Quartier in einem Dorf. Im Nebenhaus wohnte eine ausgebombte Wienerin mit ihren kleinen Kindern. Der Mann war Soldat. Mit den Lebensmitteln gab es Schwierigkeiten. Ich wollte ihr helfen. Durch den Ort wurde gerade eine endlose Herde von Kühen westwärts getrieben. Obwohl ich im Umgang mit vierbeinigen Rindviechern keine Erfahrung hatte, gelang es mir doch, eine Kuh in den Hof des Nachbarhauses zu treiben. Da aber weder die Wienerin noch ich Kühe melken konnten, trieb ich die Kuh wieder zur Herde zurück.

Nun wurde die Marschrichtung nach Norden in mährisches Gebiet vorgegeben. An einem Morgen wurden Radfahrer erfragt. Ich meldete mich auch. Mit einigen Kameraden fuhr ich in die nächste Stadt. Dort bekamen wir zu unserem Karabiner noch drei Schnellfeuergewehre umgehängt und fuhren wieder zurück. Nun durchquerten wir ein Waldgebiet. Als wir wieder im Quartier waren, wurde uns gesagt, dass in dem Wald in Partisanenversteck sei. Schon wieder hatte ich Glück gehabt. Aber wir waren sehr verärgert. Ein Kamerad aus dem Sudetenland meinte, mir hätte doch nichts passieren können. Ich fragte ihn, wie er auf diese Idee gekommen sei. Er antwortete mir: „Du bist doch der Hase!“ Daraus konnte ich mir keinen Reim machen. Er klärte mich auf. In der tschechischen Sprache heißt der Hase Saiz. Und dem gelingt doch meist die Flucht.