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Vom Regen in die Traufe Drucken E-Mail

Ende April wurden wir für einige Tage in einem kleinen Dorf mit Namen Feldhof einquartiert. Ich kam dort mit einem alten Mann ins Gespräch. Er war im 1. Weltkrieg Soldat bei der österreichischen Armee gewesen. Auch seine Familie, darunter ein Sohn mit etwa 20 Jahren und die etwas jüngere Tochter zeigten keine Abneigung. Als ich an einem Abend bei ihrem Haus Wache stehen musste, brachte mir die Tochter frisch gebackenen Kuchen.

Am 1. Mai machten sich zwei Funker mit ihrem Funkwagen davon. Sie konnten mit ihrem Funkgerät Meldungen empfangen und waren deshalb umfassend informiert. Sie hatten erfahren, dass südlich der Gegner durchgebrochen war und nun die Einschließung drohte. Dem gefürchteten Gegner wollten sie nicht in die Hände fallen.

Am 8. Mai wurde bei der Befehlsausgabe der Wehrmachtsbericht verlesen. Hierbei wurde auch bekannt gegeben, dass ab 22:45 Uhr Waffenruhe eintreten würde. Damit war der Krieg beendet. Nun wurden alle Fahrzeuge samt Gerät in eine Schlucht gebracht. Nur wenige Fahrzeuge wurden behalten. Abends gegen 18 Uhr wurden die einfachen Soldaten mit einem Wachtmeister auf einen LKW verladen. Die anderen Herren setzten sich in die anderen Wagen. Die Kolonne fuhr nach Norden zur Hauptstraße. Dort wurde unser Fahrzeug nach Osten gewiesen. Die Herren fuhren nach Westen. Unser Wachtmeister erklärte uns, dass wir als Verstärkung an die Front geschickt würden. Aber wir kamen nicht weit, denn im nächsten Ort war die Brücke schon gesperrt. Sie war zur Sprengung vorbereitet.

Nun befahl der Wachtmeister, umzukehren und ebenfalls nach Westen zu fahren. Da die Straße total überfüllt war, kamen wir nur schrittweise voran. So ging es die ganze Nacht. Am folgenden Vormittag gegen 11 Uhr wurde hinter uns plötzlich mit Kanonen geschossen. Als nun von hinten gerufen wurde: „Russische Panzer!“, brach eine Panik aus. Alle sprangen von den Fahrzeugen und liefen Richtung Westen. Es wurde wieder geschossen. Im Laufen zog ich den hinderlichen Mantel aus und warf ihn weg. Als ich schon ein ganzes Stück weiter war und mich beruhigt hatte, fiel mir die Brieftasche mit allen Papieren ein. Aber zurück und sie suchen war mir zu riskant. Auf der weiteren Flucht holte ich von einem verlassenem Fuhrwerk ein Fahrrad. Ein Reifen war platt. Das Rad war aber nur hinderlich. Ich ließ es liegen und lief zu Fuß weiter. Gegen Abend war ich hundemüde und hungrig. Ein Zugmaschinenführer erlaubte mir, auf den Kotflügel aufzusitzen. So ging es bis nach Mitternacht. Da bemerkte ein Mitfahrer vor uns ein Fahrzeug mit russisch sprechenden Soldaten.

Zum Glück hatten die Russen uns noch nicht erkannt. Beim nächsten Abzweig fuhr die Zugmaschine heraus. Aber bald danach gab es einen erneuten Stau. Da drehte ein Fahrer durch, schrie „Die kriegen meinen Wagen nicht“ und zündete ihn an. Das ganze Umfeld war hell erleuchtet. Nun brach erneut Panik aus und alle liefen zum Wald. Ich nahm aus meinem Karabiner das Schloss heraus und warf beides weg. Im Wald hängte ich mich an eine Gruppe an. Bis zum Morgengrauen zogen wir weiter. Dann machten wir eine Rast. Wir schliefen nun kurze Zeit, denn wir waren alle total fertig.

Am Vormittag trennten sich die anderen alle aufgenähten Besatzteile der Uniform ab. Ich lieh mir ein Messer und machte es auch. Dann gingen wir weiter. Als wir in die Nähe einer stark befahrenen Straße kamen, erkundete einer eine Überquerungsmöglichkeit. Unbemerkt ging es nicht. Deshalb gingen wir zum Wald zurück. Da kam vom Wald her ein Fahrzeug. Mit vorgehaltener Waffe nahm uns ein russischer Offizier gefangen.

In dieser hoffnungslosen Situation hatten wir die Hände erhoben. Der Offizier steckte die Waffe wieder weg. Er befahl, eine Liste unserer Namen anzulegen. Dann forderte er uns auf, alle Wertgegenstände abzugeben. Diese wurden in die Liste eingetragen. Hierzu sagte er, dass alles bei der Entlassung wieder ausgehändigt würde. Für mich war das ohne Bedeutung, denn meine Papiere und der Geldbeutel waren im Mantel. Den hatte ich ja weggeworfen. Auf Anordnung des Offiziers gingen wir dann zur Straße. Dort kam gerade eine lange Kolonne deutscher Soldaten anmarschiert. Vorne ein hoher Offizier hoch zu Ross, Marschrichtung Osten.

Nach kurzer Zeit kamen wir an einer verlassenen Kolonne von Wehrmachtsfahrzeugen vorbei. Um ein Fahrzeug drängten sich Soldaten. Es war eine Feldbäckerei. In ihr befanden sich ganz hinten noch ein paar Brote. Da kamen sie aber mit ihren Händen nicht hin. Ich hatte unterwegs einen Knüppel als Gehstock aufgelesen. Mit dem holte ich mir ein Brot heraus. Mein Nebenmann nahm den Stock und holte sich ebenfalls ein Brot.

Dann marschierten wir weiter. Den ganzen Tag. Es war sehr warm. Zu trinken bekamen wir nichts. Wollten wir am Straßenrand austreten oder aus einem Bach Wasser holen, so wurde sofort mit der Waffe gedroht. Nachts wurde dann auf dem freien Feld übernachtet. Am Morgen marschierten wir dann weiter. Verpflegung gab es nicht. Am Abend machten wir in einem Park am Straßenrand Rast.

Auch jetzt gab es keine Verpflegung. Ein Kamerad gab mir etwas von seinem Reichtum ab. Er hatte dicke Bohnen. Es war schon sehr erstaunlich, dass in dieser Notlage der Egoismus nicht die Oberhand behielt. Roh konnte ich die Bohnen nicht essen. Deshalb wollte ich sie kochen. Ich hatte aber keinen Topf. Nachdem ich mich umgesehen hatte, fand ich eine Gasmaskenbüchse. Sie roch zwar etwas, aber etwas anderes hatte ich ja nicht. Also stellte ich sie in ein Lagerfeuer. Nach etwa einer Stunde ging das Feuer mangels Brennmaterial aus. Ich machte mich heißhungrig an die Bohnen. Die waren aber noch sehr hart. Nun erinnerte ich mich daran, dass die Bohnen ja erst aufgeweicht werden müssen. Einige würgte ich noch hinunter. Aber auf den Rest verzichtete ich dann. Ich hatte noch etwas von dem Brot.

Am nächsten Tag marschierten wir dann weiter. Mit einer kurzen Mittagsrast. Es mögen wohl gut 25 km gewesen sein. Nun waren die Wachen nicht mehr so unerbittlich. Wir konnten unterwegs an einem Bach Wasser trinken. Gegen Abend machten wir auf einer Wiese Rast. Nun gab es erstmals Verpflegung. Aus Wehrmachtsbeständen Knäckebrot und Dosenfleisch. Drei Mann ein Päckchen Knäckebrot und acht Mann einen Dose Fleisch.

Gegen Mitternacht gingen Posten durch die Schlafenden und traktierten sie mit Tritten. Ich hörte das Stöhnen der Getretenen. Nach einem hellen Schmerzensschrei kam ein barscher Befehl. Dann kehrte wieder Ruhe ein.

Am nächsten Vormittag marschierten wir weiter. Ein Stück vor mir heulte ein blonder Soldat. Da er lange Haare hatte, konnte es nur ein Offizier sein. So waren sie also, die Herren! Uns 5 Stunden vor der Waffenruhe an die Front schicken, damit sie abhauen können. Nach mehr als einer Stunde heulte der Kerl immer noch. Diese Memme wollte ich mir einmal aus der Nähe ansehen. Ich arbeitete mich nach vorne. Als ich nahe genug war, erkannte ich, das war kein Offizier, sondern eine Frau. Es war vermutlich eine Rotkreuz-Schwester. Als ich dann wieder meinen Platz einnahm, berichtete ich meinem Nebenmann. Der war recht ungehalten. Er fragte mich, ob ich in der Nacht nichts mitbekommen hätte. Jetzt ging mir ein Licht auf. Der helle Schrei war von der Frau gekommen. Sie war in das Wachlokal gebracht und dort vergewaltigt worden. Das hat mich an die Vorfälle in Ostpreußen erinnert. Dort ist man mit den Zivilisten auch so unmenschlich umgegangen. Es waren also doch nicht nur Propaganda-Märchen!

Ich Laufe des Tages kam mir der Gedanke, einen Fluchtversuch zu unternehmen. Ich zögerte jedoch, denn im Falle einer Entdeckung drohte mir die Erschießung. Bis zum Abend hatte ich mich dann zu einem Fluchtversuch durchgerungen. Als wir dann abends wieder an einem Rastplatz angekommen waren, teilte ich meinem Nebenmann meinen Entschluss mit. Er war davon nicht begeistert, aber er versuchte auch nicht, mir mein Vorhaben auszureden. Da am Rande des Rastplatzes ein Buschgelände war, schien mir die Gelegenheit günstig zu sein. So etwas würde ich später wohl kaum noch einmal antreffen. Ich füllte meine Feldflasche mit Wasser und schob sie unter die Hose. So konnte sie mich nicht durch Klappern verraten. Um Mitternacht schlich ich mit klopfendem Herzen zu den Büschen. Hinter den Büschen überquerte ich die Straße und nach etwa 50 m ging ich parallel zur Straße weiter. Aber nicht nach Westen, sondern nach Osten. Mein Ziel waren die Quartierleute in Feldhof. Sie hatten mir am Tage der Waffenruhe aus ihrem Atlas die Karte ihres Landes herausgerissen, sie würden mir sicher auch jetzt beistehen.

Nun musste ich ein Stück nach Osten gehen. An der Stelle, an der die Herren nach Westen abgebogen waren, war ein entgleister Eisenbahnzug. Von dort aus war es in Richtung Süden nicht mehr weit bis nach Feldhof. Es ging auch gut an. Ich näherte mich der Straße, um mich besser orientieren zu können. Da fuhr auf der Straße ein Fahrzeug in eine Kurve und ich stand plötzlich im hellen Licht. Nun packte mich die Angst und ich rannte los. Das Fahrzeug fuhr weiter. Man hatte mich scheinbar nicht gesehen. So kam ich wieder zur Ruhe.

Noch in der Nacht kam ich an die Zweigstelle mit dem entgleisten Zug. Von dort aus ging es nach Süden. Dabei war der Mond behilflich. Schon bald tauchte vor mir eine Ortschaft auf. Diese wollte ich links umgehen, denn so konnte ich im Mondschein die Ortschaft gut sehen. Als ich zu einem Hohlweg kam, blieb ich oben stehen und horchte. Da ich nichts hörte, sprang ich hinunter zum Weg. Kaum war ich unten angekommen, da rief mich jemand mit „Halt!“ an. Ein paar Meter vor mir auf der dem Mond entgegengesetzten Seite stand ein Mann. Er hatte das Gewehr im Anschlag. Ein Fluchtversuch schien mir zu riskant. Ich hob deshalb die Hände. Nun sah ich, dass es kein Soldat, sondern ein Zivilist war. Das schien mir günstig, denn mit Zivilisten hatte ich bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Er brachte mich zu einer Ortschaft, die ich vorher nicht gesehen hatte. In einem Wachlokal wurde ich ausgefragt. Man wollte wissen, woher ich komme. Da ich aber nicht sagen konnte, dass ich aus Gefangenschaft geflohen war, musste ich etwas erfinden. Ich sagte dann, ich wäre aus Angst vor den Russen in den Wald geflohen. Nun wollte ich mich auf diesem Weg in die Heimat durchschlagen. Das hat man mir dann auch abgenommen. Ich bekam ein Glas Milch und auch ein Butterbrot. Dann hat man mir einen Schlafplatz zugewiesen.

Die Nacht hatte ich tief geschlafen. Am Morgen wurde ich geweckt. Noch einmal bekam ich Milch und ein Stück Brot. Dann brachte mich ein Bewaffneter zur nächsten Ortschaft. Es war die mit der zur Sprengung vorbereiteten Brücke. Die Brücke stand noch. Dort wurde ich den Russen übergeben.

Noch am selben Tag wurde ich mit anderen Gefangenen zum nächsten Lager in Olmütz gebracht. Dort wurden wir auf den Exerzierplatz einer Kaserne eingewiesen. Hier soll das Strafbataillon 500 gewesen sein. Nach kurzem Aufenthalt wurden wir von einer Frau im weißen Kittel untersucht. Es war wohl eine russische Ärztin. Wir mussten mit freiem Oberkörper einzeln vortreten. Nach auf einem prüfendem Blick auf den Oberkörper musste ich die Hose herunterlassen und dann eine Kehrtwendung machen. Sie kniff mir in den Hintern und malte dann oberhalb des Nabels eine große Zwei auf die Haut. Was diese Zahl zu bedeuten hatte, war uns allen unbekannt. Sie bestimmte für die nächsten Jahre meinen Lebensweg.

Bald wurden wir wieder – in einigen Tagesmärschen – in das nächste Lager nach Mährisch Ostrau gebracht. Dort blieben wir einige Tage. Wenn ich dort aufstand, wurde mir schwarz vor den Augen.

Bald ging es weiter zum nächsten Lager. Während einer Rast gingen einige in einem angrenzenden Kleeacker austreten. Zu dieser Zeit brachten bewaffnete Zivilisten zwei geflohene Soldaten zu unseren Wachen zurück. Nun wurde das Umfeld abgesucht. Im Kleeacker wurde in liegender Soldat gefunden. Alle drei standen etwa 5 m neben mir. Nun wurden wir alle aufgefordert, aufzustehen. Uns wurde mitgeteilt, dass jeder Fluchtversuch den Tod durch Erschießen zur Folge hätte. Als abschreckendes Beispiel würden nun alle drei erschossen. Mit Salven aus den Maschinenpistolen wurden sie erschossen. Dieses veränderte Verhalten der Wachen hatte mich sehr verwundert, denn in den letzten Marschtagen war man da nicht so streng gewesen. Aber bald war der Grund erkennbar. Nach einer kurzen Wegstrecke musste die Kolonne anhalten. Nun wurden wir recht barsch aufgefordert, alle Wertgegenstände abzugeben. Besonderen Wert legte man auf Uhren, denn immer wieder kam die Frag „Uri – Uri?“ Nachdem die gesamte Kolonne abkassiert war, gab man uns deutlich zu verstehen, dass jeder deutsche Soldat nicht nur eine Uhr hätte. Nun würde ein zweites Mal eingesammelt. Wenn bei einer anschließenden Leibesvisitation noch etwas gefunden würde, dann würden die Betroffenen erschossen. Nach dieser Aktion wurde nicht gefilzt und auch niemand erschossen. Nun kam mir der Gedanke, ob die Erschießungen vorher nur zur Einschüchterung vorgenommen wurden. Und wieder festigte sich bei mir der Gedanke, dass die berichteten Greueltaten (Vergewaltigung, Mord, Raub in Ostpreußen) keine Propaganda waren.

Nachdem wir unseren Marsch fortgesetzt hatten, kamen wir in der Nähe eines Städtchens zu einem großen Kasernenkomplex. In drei Reihen standen je 12 doppelstöckige Kasernenblöcke. Das Gelände war von einem doppelten elektrischen Zaun und aufwendigen Wachtürmen umgeben. Die eng beieinander stehenden Gebäude waren aus Backsteinen erstellt und nicht verputzt. Durch ein kleines Tor im Zaun wurden wir einzeln eingelassen. Jeder durfte nur einen Mantel oder eine Decke mitnehmen. Ich hatte nichts und bekam deshalb einen Mantel. Wir wurden zur Entlausung gebracht. Anschließend wurden Namenslisten erstellt und je 100 Mann zu einer Hundertschaft eingeteilt. Ich war bei der 400. Hundertschaft, also der etwa 40 000. Zugang. Der Tag der Ankunft war etwa der 9. Juni 1945. Über den bisherigen Zweck der Anlage wurde nichts gesagt. An Anlagen außerhalb des Zauns waren nur zwei gleichartige Gebäude zu sehen. Innerhalb des Zaunes standen auch noch ein paar Küchenbaracken. Nun erfuhr ich den Namen des Städtchens: Auschwitz. Zunächst sagte er mir nichts. Wir waren Kriegsgefangene. Arbeiten brauchten wir nicht. Informationen über das Lager gab es auch nicht.

Auschwitz Birkenau
Über die Vernichtungsanlagen in Birkenau wurde uns kein einziges Wort gesagt. Warum hat man uns dies nicht gezeigt? Wir sind doch eine ganze Woche nur herumgelegen.

Nach einigen Tagen stand ich am Zaun und sah zu den beiden Gebäuden außerhalb des Zaunes. Da ging an der Stirnfront die Türe auf und eine junge Frau in einem Sommerkleid kam heraus. Kurz schaute sie herüber. Dann wendete sie sich ab und ging fort. Neben mir stand ein älterer Gefangener. Er sagte nur: KZ-Häftling. Das verstand ich nicht. Bei München gab es ein KZ Dachau. Auch war mir bekannt, welcher Art dort die Häftlinge waren. Volksschädlinge, Staatsfeinde und Schwerverbrecher. Aber was sollte diese junge Frau damit zu tun haben?