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Am nächsten Tag wurde ein Gruppe von Gefangenen, zu der auch ich gehörte, durch das Haupttor in ein großes Werk geführt. Dort mussten wir einen großen Laufkran von der Decke holen. Bei dieser Arbeit fand ich eine Wachstuchschürze und steckte sie ein. Als wir nach der Arbeit durch das Lagertor gingen, sah ich die Inschrift „Arbeit macht frei“. Am nächsten Tag wurden wir in einen separaten, durch Stacheldraht abgetrennten Teil des Lagers geführt. Dort wurden alle, die von der Ärztin nicht mit 1 oder 2 gezeichnet wurden, zurückgeschickt. Auch diejenigen, die jünger als 18 oder älter als 40 Jahre waren, wurden ausgesondert. Auch jetzt stand eine Frau, wohl wieder eine Ärztin, bei den russischen Offizieren und befragte einige Gefangene. In meiner Nähe stand ein schon älterer Kamerad. Den fragte sie nach dem Alter. Als er 42 antwortete, sagte sie, er könne zurückgehen. Er wollte jedoch bei seinen Kameraden bleiben. Dem wurde zugestimmt. Nun führte man uns hinaus zu einem Abstellgleis. Dort wurden wir zu Güterwagen aus deutschen Beständen geführt. Je 44 Mann wurden den Waggons zugewiesen. Ein polnisch sprechender Oberschlesier wurde zum Waggon-Ältesten bestimmt. Dazu kamen vier Gruppenführer für vier Gruppen je 11 Mann. Für die zweite Gruppe wäre der 12. Mann zuständig gewesen. Der lehnte aber ab. Auch der 13. wollte nicht. Ich war der 14. und sah keinen Grund zur Ablehnung. Wir lagen auf dem blanken Boden. Stroh gab es nicht. Es war so eng, dass wir nicht auf dem Rücken liegen konnten. Wir mussten auf der Seite liegen. Mit dem Kopf zur Wand und die Beine ineinandergeschoben, wie die Hering im Karton. Insgesamt waren wir 2 000 Mann. Am späten Nachmittag fuhr der Zug in Richtung Osten los. Wohin, war unbekannt. Etwa nach Sibirien? Die Ungewissheit lastete schwer auf uns. Ich, gut 19 Jahre alt, war total verunsichert. Da fiel mir Katyn ein. Tausende polnische Offiziere waren da ermordet worden. Und das wollte man dann uns in die Schuhe schieben. Die unmenschlichen Taten an den Zivilisten in Ostpreußen, die vergewaltigte Rotkreuz-Schwester. Auch die Ermordung der geflohenen Kriegsgefangenen, die ja wohl nur zur Einschüchterung gedient hatte. Langsam rollte der Zug an und fuhr hinein in die Nacht. Erst nach langer Zeit konnte ich einschlafen. Plötzlich hörte ich Schüsse. Der Zug wurde abrupt abgebremst. Die Wachen waren sehr aufgeregt. Nach einiger Zeit wurde die Waggontür geöffnet. Wir mussten alle auf eine Seite gehen. Dann wurden wir einzeln auf die andere Seite gejagt und gezählt. Irgend etwas stimmte nicht. Noch einmal wurde gezählt. Drei fehlten. Wie konnte das sein? Die Türe war von außen fest verriegelt gewesen und die Luke oben war mit Stacheldraht verschlossen. Nun kam der Wachhabende zu uns. Er sagte uns, wenn die drei nicht wieder eingefangen werden, dann werden für Jeden fünf erschossen. Lange Zeit stand der Zug. Mit Schrecken dachte ich an die Auswahl der 15 Mann. Das waren sicher der Waggon-Älteste und die vier Gruppenführer, also auch ich, dabei. Warum hatte ich das Amt des Gruppenführers nicht auch abgelehnt? War es der Umstand, dass ich endlich einmal nicht mehr der Unterste war? Derjenige, der immer nur zu gehorchen und Befehle auszuführen hatte, der den ganzen Tag Wasser zu schleppen hatte, während die anderen unter den Bäumen lagen. Aber mir kam auch der Gedanke, dass ich ja auch einmal geflohen war. Hatte ich da an die Zurückbleibenden gedacht? Nein, dieser Gedanke war mir nicht gekommen. Nun mussten wir aussteigen und uns vor dem Waggon aufstellen. Uns wurde mitgeteilt, dass die Suchaktion erfolglos war. Sofort verlangte eine der jungen Wachen die Erschießung. Doch der Offizier lehnt ab mit der Begründung: „Mir fehlen doch schon drei“. Dann wurden wir zu einem anderen Waggon gebracht. Er hatte Wände aus Stahl. Dort erfuhren wir vom Waggon-Ältesten erst diesen Vorgang. Auch der Fluchtweg war inzwischen gefunden worden. Von den Bodendielen waren einige nicht verschraubt. Die wurden zur Seite geschoben. Dann stiegen die drei aus dem langsam dahinrollenden Waggon aus und ließen sich überrollen. Der Posten auf dem letzten Waggon hatte das wohl erst spät bemerkt, denn die Schüsse hatten das Ziel verfehlt. Bei jedem Halt wurden wir gezählt. Dabei wurden wir mit einem Prügel geschlagen. Verpflegung (Trockenbrot) bekamen wir keine. Nicht einmal Wasser. Als der Zug auf einem Bahnhof anhielt, wurde unsere Waggontüre geöffnet und ein Zivilist hereingeschoben. Der wehrte sich verzweifelt. Aber die Drohung mit der Waffe erstickte seinen Widerstand. Dann wurde die Türe wieder geschlossen. Ich konnte die Sprache des Zivilisten nicht verstehen. Ein Deutscher war es jedenfalls nicht. Bei jedem Halt wollte er an die Türe. Das war nun nicht in unserem Sinne. Wir waren ohnehin schon Geiseln. Wenn nun noch einer von uns bei der nächsten Zählung fehlen würde, dann wäre bei den Bewachern das Maß sicher voll. Unser Schicksal wäre besiegelt. Deshalb verhinderten wir sein Vorhaben mit Gewalt. Später konnten wir in Erfahrung bringen, um wen es sich da handelte. Er war als Zwangsarbeiter von daheim weggeholt worden. Nun war er auf dem Heimweg. Da kaum Personenzüge gefahren waren, hatte er einen Güterzug benutzen müssen. Als er sich bei einem Halt auf dem Bahnhof etwas hatte zu essen besorgen wollen, war der Zug weggefahren. Und mit ihm sein Koffer mit den Papieren. Die Bahnbediensteten hatten ihm nicht getraut und ihn festgehalten. Als nun unser Transport angekommen war, war er den Wachen übergeben worden. Die hatten ihn zu unserem Waggon gebracht. Nun fehlten nur noch zwei. Dies geschah in der Gegend des ukrainischen Lemberg (Lwow). Von nun an fuhr der Zug in nördlicher Richtung. Damit war Sibirien wohl nicht unser Ziel. Zur Nachmittagszeit wurden uns ein Sack mit Trockenbrot und ein Behälter mit Wasser gebracht. Jeder erhielt drei Scheiben Brot und ein wenig Wasser. Jetzt kam wieder etwas Hoffnung auf. Weiter fuhren wir in Richtung Norden. Da es meist eingleisige Strecken waren, gab es oft längere Halte. Das Ziel war nun wieder offen. Nach etwa einer Woche schrie ein an der Luke Stehender laut auf. Er glaubte, am Bahndamm eine frühere Stellung erkannt zu haben. Nun wussten wir, wo wir waren. Moskau musste im Osten liegen. Aber wohin kamen wir? Neben mir lag ein älterer Kamerad. Wir kamen ins Gespräch. Er verhielt sich anständig. Seine Heimat war Jägerndorf im Sudetenland. Das Sudetenland war trotz seiner drei Millionen deutschen Einwohner nach dem 1. Weltkrieg der Tschechoslowakei zugeschlagen worden. Da das Verhältnis zwischen den Völkergruppen sehr gespannt gewesen war, hatte er auswandern wollen. Bei Nacht und Nebel hatte er sich auf den Weg gemacht. Mittellos hatte er sich bis zu den Niederlanden durchgeschlagen. Dort hatte er als Hilfskraft auf einem Frachter angeheuert. In Südamerika war er 10 Jahre geblieben. Dann war er 1933 in die Heimat zurückgekehrt. Die Tschechen hatten in ihm einen Gefolgsmann Hitlers vermutet und ihn anfangs schlecht behandelt. Er hatte eine Familie gegründet. Zwei Kinder waren geboren worden, ein Junge und ein Mädchen. Wenn wir zur Abendzeit die Nachtruhe begannen, dann sang er für seine Kinder Lieder. Für das Mädchen eine südamerikanische Melodie, für den Jungen „Mein Prinzchen schlaf ein“. Nachdem wir nun zwei Wochen mit der Bahn unterwegs waren, wurde 200 Kranke und Verstorbene entladen. Es war in der Gegend von Leningrad. Wir fuhren weiter. Immer noch in Richtung Norden. Die Tage wurden sichtlich länger. Nachts wurde es nicht mehr richtig dunkel. Nun waren wir schon die 3. Woche unterwegs. Wohin wollten die mit uns? Als wir an einem Nachmittag auf einem Bahnhof standen, bückte sich ein Mann der Bahn und hob einen bunten Glasscherben auf. Den hielt er vor das Auge und sah über unseren Waggon hinweg zum Himmel. Unser Waggon-Ältester sprach ihn an und bekam zur Antwort: „Sonnenfinsternis“. Gegen Abend fuhren wir ein Stück weiter bis zum Bahnhof einer großen Stadt. Welche es war, wussten wir nicht. Nun wurden wir entladen. Auf der einen Seite konnte ich Wasser und Hafenanlagen sehen. Auf der anderen einen langgezogenen Bergrücken. Obwohl es schon sehr spät war, stand die Sonne immer noch am Himmel. Nun wurden wir kreuz und quer durch die Stadt geführt. Die Absicht war klar. Man wollte uns der Bevölkerung vorführen. Diese nahm jedoch wenig Notiz von uns. Nur einige Jugendliche begleiteten unsere lange Kolonne. Sie schrien immer „Friiiitz“ und bewarfen uns mit Steinen. Unsere Wachposten, meist junge Kerle von 17 bis 18 Jahren, fanden das recht lustig. Als ein älterer Wachposten hinzu kam, forderte er sie auf, damit aufzuhören. Aber die Kerle machten weiter. Erst als er seine Waffe in Anschlag brachte, liefen sie ganz schnell davon. Nun wurden wir zu einem eingezäunten Gelände am Stadtrand gebracht. Dort saßen wir lange herum. Jetzt war die Sonne dem Bergrücken sehr nahe. Ich dachte: „Nun wird sie bald untergehen“. Aber ich hatte mich geirrt, denn nun stieg sie wieder langsam an. Das war also die Mitternachtssonne. Wir waren also schon nördlich vom Polarkreis. Da erinnerte ich mich an die Sondermeldungen, die von den U-Boot-Angriffen auf Geleitzüge im Nordmeer berichtet hatten. Dies war die Hafenstadt Murmansk, das Ziel der Geleitzüge. Dann wurden wir in ein Hauszelt eingewiesen. Es war breitflächig mit doppelstöckigen durchgehenden Pritschen ausgestattet. Wie im Waggon wurden auch hier 44 Mann im Zelt untergebracht. Nun waren wir mit 1 800 Kriegsgefangenen hinter dem Polarkreis. Mir war bekannt, dass dies ein eisfreier Hafen ist. Eine sibirische Kälte war hier wohl nicht zu befürchten. Aber sollten wir den Winter in ungeheizten Zelten verbringen? Bald schlief ich hundemüde ein.
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