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Mitternachtssonne und Polarnacht Drucken E-Mail

Am Morgen wurde uns mitgeteilt, dass wir 3 Wochen in Quarantäne bleiben würden. Zelt-Ältester wurde ein Studienrat, sein Stellvertreter ein Pfarrer. Wir wurden nach Berufsgruppen organisiert. In unserem Zelt wurden Berufe untergebracht, mit denen man hier scheinbar nichts anfangen konnte.

Im Zelt war es in der Mittagszeit sehr warm. Wir lagen mit nacktem Oberkörper auf den Pritschen. Nachts war es aber recht frisch. Die Decke alleine genügte mir nicht. Deshalb zog ich den Mantel an. Die Tage wurden kürzer, die Sonne verschwand wieder hinter dem Horizont.

Die Verpflegung bestand aus Suppe, Brei und Brot. Mein Kochtopf, den ich mir während der „Wanderzeit“ einmal organisiert hatte, war zu klein. Ich brauchte deshalb ein zweites Behältnis. Aber die Lagerleitung hatte für derartige Wünsche kein Gehör. Ich war auf mich selbst angewiesen. Einige von uns, Leute vom Bau, waren mit dem Bau einer Baracke beschäftigt. Von ihnen besorgte ich mir ein Stück von einer etwa 5 cm starken Holzbohle. Den Metallbügel eines Stromleitungsisolators nahm ich als Hammer. Mit ihm schmiedete ich aus einem Stück Metall ein Stemmeisen. Mit diesen „Werkzeugen“ fertigte ich mir einen kleinen Trog an. „Sautrog“ witzelte da ein Kamerad. Aber nun bekam ich wenigstens meinen ganzen Brei.

Nach knapp zwei Wochen wurden aus unserem Zelt 5 Mann angefordert. Da waren natürlich wieder die jungen Hüpfer dabei. Ein LKW brachte uns zu einer Anhöhe an einer Ausfallstraße. Dort wurde der Müll am Straßenrand abgeladen. Wir mussten den Müll in eine Senke schaufeln. An der Straße standen hölzerne Strommasten. Sie waren schwarz. Aber nur auf der Südseite. Das Schwarze war aber nicht Farbe. Es waren Fliegen. Auf der Nordseite des Mastes war keine einzige Fliege.

Gegen Mittag kam eine bewachte Kolonne von Männern vorbei. Sie erkannten wohl am Aufnäher an unseren Ärmeln, dass wir Kriegsgefangene waren. Einer rief uns zu: „Skoro damoi“. Unser Sudetenländer übersetzte es uns mit „Bald nach Hause“. Damit sprach er wohl seine eigene Hoffnung aus, denn er war ja selbst ein Gefangener.

Als die Quarantänezeit zu Ende ging, wurden 400 Facharbeiter ausgesucht. Meist waren es Handwerksberufe der Sparten Metall und Elektrik. Sie kamen in ein Nebenlager auf einer Anhöhe direkt neben der Werft. Nun erfuhr ich auch, was die Zwei auf meiner Brust zu bedeuten hatte. Es war die Eingruppierung der Arbeitsfähigkeit. Die Eins bedeutete 100 % Arbeitsleistung. Meine Zwei 70 % und die Drei, die es noch nicht bei uns gab, 50 %. Darüber hinaus die Vier für vorübergehend Arbeitsunfähige und die Fünf für Invalide mit dauernder Arbeitsunfähigkeit. Wer die Arbeitsnorm erfüllte, bekam 200 g Zusatzbrot zu den normalen 600 g. Die Arbeitsleistung musste täglich vom „Arbeitgeber“ bestätigt werden.

Die Offiziere wurden von der Arbeit freigestellt. Sie bekamen auch eine abweichende Verpflegung. Wieso dies ausgerechnet im Staate der Arbeiter und Bauern so war, verstanden wir nicht. Man berief sich auf internationale Regeln.

Arbeitssystem der Sowjetunion
Die Fakten der folgenden Ausführungen wurden mir erst im Laufe der Zeit bekannt. Zum besseren Verständnis meiner Erlebnisse und Handlungen werden sie hier umfassend vorgetragen.
Das Arbeitssystem der Sowjetunion war auf die Erfüllung eines für 5 Jahre vorgegebenen Planes ausgerichtet. Erstes Gebot war die Einhaltung des Zeitplanes. Die Kostenfrage war zweitrangig. Die Arbeitskräfte wurden in zwei Hauptgruppen eingeteilt: die Fachkräfte (Spezialisten) und die Hilfskräfte (Schwarzarbeiter). Soweit es möglich war, wurde für jede Arbeit eine Zeitnorm (Akkord) festgelegt. Diese Norm wurde in gewissen Zeitabständen neu festgelegt. Maßgebend waren die im letzten halben Jahr erbrachten Leistungen unter der Einbeziehung von Verbesserungen durch Rationalisierung und bessere technische Ausrüstung. Wir Kriegsgefangene (Plennis) wurden in drei Arbeitsgruppen eingeteilt: Gruppe 1 mit voller Leistungsfähigkeit von 100 %, Gruppe 2 mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit von 70 % und Gruppe 3 mit noch geringerer Leistungsfähigkeit von 50 %. Soweit wir die für uns damit festgelegte Leistung erbrachten, erhielten wir ein Zusatzbrot von 200g.
Die Betriebe, für die wir arbeiteten, mussten der Lagerverwaltung Arbeitslohn zahlen. Die Höhe des Lohnes war vom Wert der Arbeit abhängig. Die Spezialisten wurden besser entlohnt als die anderen Arbeitskräfte. Soweit die vorrangigen Betriebe die Arbeitskräfte nicht benötigten, konnte die russische Lagerleitung sie zu anderen Betrieben schicken. Wir wurden dem Betrieb zugewiesen, der das höchste Gebot abgab. In Einzelfällen wurden wir auf dem Weg zur Arbeit umgeleitet. Grund war ein nachträglich eingegangenes höheres Angebot.
Vom Lohn wurde ein Pauschalbetrag für Unterkunft, Bekleidung, Verpflegung und Betreuung einbehalten. Vom verbleibenden Teil konnte den Arbeitskräften etwas ausbezahlt werden. Hier kamen in der Regel nur die gut bezahlten Spezialisten zum Zuge. Über dieses Geld konnten sie frei verfügen. Brot war hier meist gefragt. Das „freie Brot“ war aus über der Norm erzeugten Produkten hergestellt. Sein Preis lag bei mehr als dem Fünffachen der Grundration. Diese hohe „Gewinnspanne“ war auch Ursache von unerlaubten Geschäften.

Der Beruf eines Mechanikers zählte zu den Spezialistenberufen. Ein Orthopädiemechaniker aber war hier unbekannt. Deshalb wurde ich als Schwarzarbeiter eingesetzt.

Meine erste Arbeit war beim Straßenbau. Nachdem wir etwa 20 cm Erdreich ausgehoben hatten, kamen wir auf frostigen Boden. Da wir jetzt August hatten, war das Dauerfrost. Nun wurde mit Bruchsteinen der Unterbau geschaffen.
Die nächste Arbeit war ein Graben für eine Wasserleitung. Diese musste wegen Frostgefahr tief gelegt werden. Als Arbeitsgerät hatten wir Schaufel und Brechstange. Schon kurz unter der Oberfläche kamen wir auf gewachsenen Felsen. Dafür wurde uns ein Vorschlaghammer zur Verfügung gestellt. Mit dem sollten wir einen Meter tief den Felsen herausschlagen. Das war eine echte Schinderei. Da kam einer auf eine Idee. Er holte im Gerätelager einen Eimer. Dann sammelten wir an der Baustelle einer Baracke Abfallholz. Mit Feuer wurde der Fels erhitzt und mit kaltem Wasser abgeschreckt. Der gerissene Stein wurde dann mit der Brechstange ausgebrochen. Das ging so zwar viel schneller, aber für eine Zuteilung von Zusatzbrot, auch Prozente-Brot genannt, hatte es doch nicht gereicht.

Als nächste Arbeit sollten wir ein Barackendach mit einer doppelten Lage von Brettern herstellten. Die Bretter mussten ein ganzes Stück hergeholt werden, denn der LKW-Fahrer hatte sie an der falschen Stelle abgeladen. Der russische Vorarbeiter kam am Morgen und zeichnete das letzte Brett des Vortages mit Kreide. Auch hier war es eine „brotlose“ Kunst. Bis sich einer von uns ein Stück Kreide beschaffte und den Strich nach hinten versetzte. Nun bekamen wir das Prozente-Brot. Aber nur, bis die Sache an das Tageslicht kam. Das brachte uns die Bezeichnung SS ein. Das hatte aber nichts mit der Waffen-SS zu tun, sondern es war eine Abkürzung für Simulant und Sabotage.

Nach 6 Wochen wurden für eine andere Arbeit Fachkräfte gesucht. Gebraucht wurden zehn Fassbinder und andere „Holzwürmer“. Dazu weitere Hilfskräfte. Ich wurde als Hilfskraft genommen. Wir wurden in das kleine Lager der Werftspezialisten verlegt. Diese hatten ein massives Holzhaus als Unterkunft. Wir arbeiteten aber nicht in der Werft, sondern in der Fassfabrik des Fischereihafens. Die „Holzwürmer“ bauten große Bottiche. Wir schleppten in großen Kisten mit Tragegriffen die Abfallspäne zum Kesselhaus.

Aber es dauerte nicht lange, dann kamen wir außerhalb auf eine Barackenbaustelle. Da nun die kalte Jahreszeit kam, war das für uns keine gute Arbeitsstelle.

Wir arbeiteten an sechs Wochentagen je acht Stunden. Am Sonntag hatten wir frei. Auf dem Hof vor unserer Unterkunft traf ich am Sonntag einen Kameraden an. Er war damit beschäftigt, sein Aluminium-Kochgeschirr mit einer Gravur zu versehen. Es hatte eine schöne Blumenzeichnung. In der Mitte befand sich ein Spruch: “Lerne leiden ohne zu klagen“. Das passte haargenau zu unserer „Beschäftigung“ am folgenden Sonntag. Da hatte der russische Lagerkommandant eine Stunde Strafexerzieren angeordnet. Begründung: Nachlassende Disziplin.

Außerhalb der Arbeit hatten wir keinerlei Kontakte. Post gab es nicht. Zeitungen auch keine. Nur Gerüchte, sogenannte Latrinenparolen. Da wurde gesagt, Japan sei mit neuartigen Bomben angegriffen worden. Die Wirkung sei so verheerend gewesen, dass Japan sofort kapituliert hatte. Aber das schien mir bei dem ungeheuren Kampfgeist der Japaner nur dummes Gerede zu sein. Bald sagte ein anderer, auch bei uns sei eine neue furchtbare Bombenart in der Entwicklung gewesen. Es wäre also nicht nur leeres Gerede gewesen, als Goebbels von den Wunderwaffen gesprochen hatte. Auch von Prozessen gegen Kriegsverbrecher wurde gemunkelt. Aber Genaueres war nicht zu erfahren.

Die Barackenbaustelle lag direkt an der oberhalb vom Hang vorbeigehenden Bahnstrecke in Richtung Leningrad. Das Fundament der Baracke wurde in Pfahlbauweise hergestellt. Wir gruben Löcher in das Erdreich. Dann wurden Rundhölzer unten mit einem Bretterkreuz versehen und eingesetzt. Nun wurde wieder Erdreich eingefüllt. Die Rundhölzer wurden in gleicher Höhe abgeschnitten. Darauf kam dann die erste Balkenlage.

Das Graben der Löcher war für mich eine Tortur, denn ich hatte in der linken Achselhöhle wieder einen Abszess. Da für die Krankschreibungen ein Höchstsatz von fünf Prozent festgelegt war, musste ich zur Arbeit. Ich hatte ja keine erhöhte Temperatur und das war das Auswahlkriterium. Den Arm trug ich in der Schlinge. Der russische „Boss“ war zuerst recht ungehalten über meine Arbeitsweise. Als er den Grund erfuhr, wurde er noch wütender. Er schnauzte den unschuldigen Wachtposten an und forderte ihn auf, mich ins Lager zurückzubringen. Er meinte, wenn für eine Arbeitskraft bezahlt wird, dann muss sie auch arbeiten können.

Nachdem ich wieder gesund war, kam ich wieder zur Baustelle. Da hatte es ein Problem gegeben. An einer Hausecke war der Boden sehr lehmig und nass. Das Loch füllte sich immer wieder. Für den „Boss“ war das kein Hindernis. Das Loch wurde wieder zugeschüttet und ein breites Brett aufgelegt. Seine Arbeitsweise war auch sonst recht einfach. Für die Ausrichtung der senkrechten Hölzer brauchte er kein Lot. Er nahm das Beil am hinteren Stielende mit zwei Fingern und ließ es baumeln. Diese Methode erfüllte ihren Zweck auch ganz gut.

Wir arbeiteten von morgens acht bis nachmittags vier Uhr. Eine Mittagspause gab es nicht. Da wir keine Uhren hatten, war es ein Problem, das Arbeitsgerät rechtzeitig abzugeben. Erst als wir erfuhren, dass der von Moskau kommende Polarexpress pünktlich 20 Minuten vor vier unsere Baustelle passierte, gab es keine Arbeitszeitüberschreitungen mehr. Uns wurde mit „piat minut“ angezeigt, dass da 5 Minuten genug waren, um die Arbeitsgeräte einzusammeln. Dem stimmten wir zu als uns zugesagt wurde, dass die Arbeitsbescheinigung so ausgestellt würde, dass wir in den Genuss des Prozent-Brotes kamen.
Hunger war bei uns Schwarzarbeitern ständiger Gast. Prozente-Brot war weniger von unserer Arbeitsleistung als vom Willen des Russen abhängig. Geld bekamen wir wegen der geringen Bewertung unserer Arbeit ohnehin nicht. Das Essen im Lager alleine war zu wenig. Da war es ein Glückstag, wenn man Geburtstag hatte, denn an dem Tag gab es am Abend eine doppelte Portion warmes Essen. Am 24. September hatte ich Geburtstag. Mit Heißhunger machte ich mich über den Normalschlag her. Vom Nachschlag nahm ich mir nur noch die Suppe vor. Den Brei wollte ich erst später essen. Als ich den Küchenbau verließ, schaltete der Magen unvermutet den Rückwärtsgang ein.

Es war Herbstzeit. Die Tage wurden immer kürzer, es wurde merklich kälter. Noch hatten wir unsere Wehrmachtsbekleidung an. Die Arbeitsstelle lag an einer windigen Ecke. Acht Stunden ohne jede Pause und Aufwärmgelegenheit waren eine sehr lange Zeit. Da kam mir ein guter Gedanke. Ich hatte in Auschwitz eine Wachstuchschürze organisiert. Diese war gut geeignet für eine Weste. Aber dazu hatte ich kein Werkzeug. Der Besitz von Scheren und Messern war strengstens verboten. Von unserem Brotverteiler lieh ich mir das eigentlich „nicht vorhandene“ Messer und schnitt das Wachstuch zu. Eine Nadel hatte ich auch nicht. Die besorgte ich mir von einem Spezialisten. Die Nadel war den Ansprüchen nicht gewachsen. Das kostete mich eine halbe Tagesration Brot. Aber die Weste erfüllte einen guten Zweck. Von meinen Kameraden wurde ich beneidet.

Wir waren auf der Stube 40 Mann. An den Längsseiten durchgehende doppelstöckige Pritschen. Platzbreite 75 cm, einen mit Hobelspänen gefüllten Strohsack. Hinter der Türe war ein Einzelbett. Ein hoher gemauerter Ofen mit einem großen Feuerraum für Holz sorgte für Wärme. Die Luft war von den Ausdünstungen miefig. Die hohen Fenster erhielten nun noch ein zusätzliches Außenfenster. Der Raum zwischen beiden Fenstern wurde zur Isolierung mit Hobelspänen ausgefüllt. Nur ein kleines Klappfenster oben war noch frei. Hier gab es ewig Streit. Einige wollten frische Luft. Die an den Klappfenstern liegenden klagten über Zugluft. Aber alle waren recht froh, nach der Arbeit in der Kälte nun einen warmen Platz zu haben.

Nun, im Oktober, gab es wattierte Winterkleidung, einen Lammfellmantel sowie eine warme Mütze und Handschuhe. Diese Kleidung war schon, vermutlich von Soldaten, getragen worden. Aber sie war gereinigt und gab keinen Anlass zur Klage. Bald gab es auch noch Filzstiefel. Auch für die Gesundheit wurde etwas getan. Wir bekamen einen Löffel Lebertran (für den ganzen Winter). Nur bei den Filzstiefeln hatte ich Pech, denn für mich war nur ein passender dabei. Als wir am folgenden Morgen kontrolliert wurden, schickte man mich zurück. Doch schon kurze Zeit später kam eine weitere Lieferung an. Für mich war nun ein passender Stiefel dabei. Meine Hoffnung auf einen arbeitsfreien Tag war aber vergebens, denn die Werft forderte einige Plennis zur Entladung eines Eisenbahnwaggons an.
Die Sonne kam jetzt nur noch zur Mittagszeit ganz kurz hervor. Die Abende waren lang. Da bot sich ein Wirtschaftsprofessor an, einen Buchführungskurs abzuhalten. Zur Einleitung erzählte er uns einige lustige Geschichten. Eine handelte von der Margarinesorte Sanella. Als das Produkt zur Reife gebracht worden war, hatte man einen passenden Namen gesucht. Fachlich war etwas Brauchbares nicht gefunden worden. Deshalb war aus den Vornamen der Ehefrauen der beiden Lebensmittelchemiker, Susanne und Ella, der Name „Sanella“ geschaffen worden. Der Kurs selbst wurde nicht durchgeführt, da das nötige „Handwerkszeug“ Papier und Schreibzeug nicht beigebracht werden konnte.

Großen Wert legte die russische Lagerleitung auf Kultur. Eine als „Artisten“ bezeichnete Gruppe wurde geschaffen. Schauspieler und Sänger aus dem Amateurbereich gab es da reichlich. Die „Artisten“ hatten den Vorzug, statt der obligatorischen Glatze langes Haar tragen zu dürfen. Auch bekamen sie nach jeder Probe einen Extraschlag Essen. Die Premiere von „Lumpazi Vagabundus“ fand großen Anklang. Auch bei den russischen Offizieren.

Wir waren immer noch mit dem Bau der Baracke tätig. Nun war es wirklich sehr kalt. Unsere Hände waren trotz der Fellhandschuhe steif und ohne Gefühl. Aufwärmen in einem bereits fertiggestellten Raum der Baracke wurde uns nicht gestattet. Trotzdem ging ich einmal hinein, um mir die steifen Finger zu wärmen, denn ich musste dringend auf das Häuschen. Das stand im Freien. Ich löste die Knöpfe und ging, mit der Hose in der Hand zum Häuschen. Das sah der „Boss“ (inzwischen Meister oder Natschalnik). Als ich wieder zurückkam, verwehrte er mir den Zugang. Meine Hände waren schon wieder steif. Ich konnte die Knöpfe nicht schließen. Aber mit der Hose in der Hand konnte ich ja nicht arbeiten. Deshalb blieb ich vor der Türe stehen. Nun geriet der Natschalnik total aus der Fassung. Er rief unseren Karlsbadener, der wegen seiner tschechischen Sprachkenntnisse als Dolmetscher diente, heran und wollte wissen, warum ich nicht arbeitete. Das wurde ihm erklärt. Er erlaubte mir, die Hände aufzuwärmen. Aber die Zeit wurde beschränkt. Nicht piat Minut (5 Minuten), sondern dawai (schnell). Daran hielt ich mich und zeigte mich dann auch.

Es war wirklich kein Vergnügen, auf dieser Baustelle zu arbeiten. Einmal wehte der kräftige Wind zwei Material hochtragende Plennis vom Gerüst. Sie stürzten samt ihrer Trage ab. Glücklicherweise fielen sie in hohen Schnee und kamen ohne Verletzungen davon.

Es gab aber auch einen traurigen Fall. Ein schon älterer Kamerad blieb auf dem Heimweg zurück. Alle Zurufe von uns und vom Wachposten waren zwecklos. Ich wollte gerade zu ihm gehen und meinen Frust loswerden, da ging er in die Knie. Zureden half da nicht. Als wir ihn stützen wollten, brach er zusammen. Wir trugen ihn dann das letzte Stück zum Lager. Als wir ihn zum Sanitäter brachten und ablegten, sagte der Sanitäter: „Dem kann ich nicht mehr helfen, der ist tot“. Als mir am nächsten Tag der Sanitäter auf dem Hof begegnete, fragte ich ihn nach der Todesursache. Seine Antwort war: verhungert.

Vor Weihnachten herrschte eine trostlose Stimmung. Nun waren wir schon ein halbes Jahr in Gefangenschaft. Eine Verbindung zur Heimat gab es immer noch nicht. Zum „Heiligen Abend“ gab es ein reichhaltiges Essen. Es war aber nicht zusätzlich, sondern vorher von der normalen Ration abgezweigt worden. Dazu musste von der Lagerleitung die Genehmigung eingeholt werden. Auch für die anschließende Weihnachtsfeier. Hier durfte der Pfarrer vom Hauptlager die Predigt halten. Als wir dann das Weihnachtslied sangen, dachte ich an die Familie unseres kürzlich verstorbenen Kameraden. Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Kurz vor Jahresende wurde eine Nachlieferung von neuen Kartoffeln vorgenommen. Der Rückstand betrug mehr als ein Kilogramm. Was wir bekamen, waren vier kleine Kartoffeln. Sie waren das Verwertbare von gefrorenem Kartoffelmatsch. Wir haben sie samt der Schale gegessen.

Die Werft musste Eisenbahnwaggons innerhalb von 24 Stunden wieder zur Verfügung stellen, um Strafgelder zu vermeiden. Zur Entladung wurden immer wir Schwarzarbeiter eingesetzt. Es kam oft vor, dass wir nachts oder am Sonntag solche Einsätze hatten. So ein Tag war auch der 31. Dezember 1945. Sofort nach dem Abendessen mussten wir in die Werft und für die Gießerei Roheisen abladen. Als wir fertig waren, wollten wir wieder in das Lager zurück. Doch wir sollten nun den Waggon auch noch mit Alteisen beladen. Wir bevorzugten sperriges Material, um bald fertig zu sein. Da die Absenkung der Federn, gemessen an der Länge einer Streichholzschachtel, zu gering war, musste ein Teil der Ladung wieder herausgeholt werden. Sie war durch schwergewichtiges Material zu ersetzen. Als die Kontrolle zufriedenstellend verlief, machten wir uns auf den Weg zum Lager. Unterwegs erlebten wir ein Freudenfeuerwerk über dem Stadtzentrum.

So endete das für uns weit weniger erfreuliche Jahr 1945.

Kollektivschuld
Bei jeder Gelegenheit versuchte man, uns alles Geschehene als gemeinsame Schuld vorzuhalten. Meinen Hinweis „Ich war nie vor der Gefangennahme in der Sowjetunion gewesen“ wurde da mit der Antwort quittiert, man könne Einzelnen nichts nachweisen, deshalb hätten alle kollektiv zu haften. Das lehnte ich jedoch ab.
Wir hatten auf unserer Stube einen Gewerkschaftler. Dieser war bestimmt kein Nazi. Er sprach hier von übler Sippenhaft. Er sprach von der widersprüchlichen Haltung der Sowjetunion. Auf der einen Seite habe sie in Katyn tausende polnische Offiziere umgebracht. Aber hier gebe sie den deutschen Offizieren eine bessere Verpflegung als uns und lasse sie nicht arbeiten. Warum wurde hier die Kollektivschuld nicht praktiziert? Warum wurden im Staate der Arbeiter und Bauern solche systemwidrige Verhaltensweisen zum Nachteil der Arbeitenden gehandhabt? Darauf wurde uns nie eine glaubhafte Antwort gegeben.

Nun, am Morgen des 1. Januar 1946 waren wir auf dem Heimweg vom Sondereinsatz „Eisengießerei“ und sahen das Feuerwerk. Die erste Stunde des Tages war angebrochen. Das Feuerwerk hätte auch um die Mittagszeit nichts von seiner imponierenden Wirkung verloren. Hier, etwa 250 km nördlich des Polarkreises, herrschte nun Polarnacht. Auch mittags war es um diese Jahreszeit so dunkel, dass am Horizont zwischen Himmel und Erde kein Unterschied zu erkennen war.

Murmansk war die einzige Hafenstadt der westlichen Sowjetunion, die einen eisfreien Zugang zum Nordatlantik hatte. Hier gab es 1945 mehr als 100 000 Einwohner. Nur 20 % waren echte Murmansker. Der andere Anteil war unfreiwillig hier. Soweit sie Zivilisten waren, hatten sie auf Weisung der Staatsmacht hier eine Zeit abzuarbeiten. Sie hatten eine örtlich gebundene Freiheit und wurden normal entlohnt. Wenn sie nach Ableistung der auferlegten Zeit noch weiterhin blieben, bekamen sie einen erhöhten Lohn. Der bot ihnen die Möglichkeit, einen finanzielle Rücklage zu schaffen. Der Wohnraum war sehr knapp, denn im Laufe des Krieges wurden die vorwiegend aus Holz erbauten Häuser systematisch zerstört.

Wir Plennis bekamen als Verpflegung 10 Monate im Jahr Getreideprodukte, sonst Kartoffeln und Kraut. Fleisch lieferte, im Rahmen der schon seit Kriegszeit laufenden Hilfslieferungen, Oskar Meier Chicago. Fisch gab es sehr oft, denn hier befand sich ja auch der Fischereihafen. Die Verpflegung soll 1 800 kcal betragen haben. Da war wohl auch das Prozente-Brot, das ja gerade wir Schwarzarbeiter nötig hatten, einbezogen. Dementsprechend war die Sterberate im großen Lager hoch. An Tabakwaren gab es täglich eine Zigarette oder Machorka für zwei Selbstgedrehte. Das Papier für die Selbstgedrehten mussten wir uns aber selbst besorgen. Das war besonders bei den auf den Außenstellen Arbeitenden nicht einfach. Ein Vorteil war es, dass das Zeitungspapier dazu geeignet war. Ich als Nichtraucher tauschte meinen Tabak gegen die 18 g Zucker, die wir täglich bekamen. Die Normalration Brot betrug 600 g. Allerdings hatte dieses Brot einen höheren Wassergehalt. Statt dem bei uns daheim üblichen Anteil von 25 % soll er hier bei 33 % gelegen haben. Brot hieß hier Chleb. Ein Spötter meinte einmal, es hätte diesen Namen, weil es an der Wand kleben bliebe, wenn man es hinwerfen würde. Ganz so schlimm war es aber nicht. Bei der Brotverteilung waren Kantenstücke besonders begehrt. Und das war auch berechtigt.

Bei der Beikleidung im Winter waren Hose und Jacke wattiert, so wie hier allgemein üblich. Die Unterwäsche war aus Leinen. Die Knöpfe waren durch Schnürbänder ersetzt. Das war, schon im Hinblick auf die monatliche Entlausung, zweckentsprechend.

Für Heizmaterial hatte die Lagerverwaltung zu sorgen. Es reichte aber nicht. Deshalb brachten wir von unseren Arbeitsstellen Abfallholz mit. Da bei unseren Wachen, inzwischen Konvois genannt, der selbe Mangel auftrat, wurde uns bei der oft üblichen Filzerei vor dem Lagertor nicht selten Erleichterung verschafft.

Das Einzelbett hinter der Türe war eigentlich dem Stuben-Ältesten zugedacht. Doch bei uns hatte es der Jüngste, mein Tauschpartner. Warum gerade er? Erst viel später wurde es mir hintertragen.

Das gesamte russische Lagerpersonal, Verwaltung und Konvois, waren nicht von der Roten Armee, sonder sie gehörten der Sondereinheit „NKWD“ an. Sie hatten an der Uniform blaue Kennzeichnungen. Deshalb wurden sie die „Blauen“ genannt. Ihre besonderen Aufgaben waren mir lange nicht klar. Jahre später musste ich es aber am eigenen Leib erfahren.

Im Verlaufe des Winters wurden wir einzeln zu einer Befragung in eigener Sache einbestellt. Dabei wurde eifrig mitgeschrieben. Gefragt wurde nach dem eigenen Werdegang, dem der Eltern und nach Tätigkeiten in politischer Hinsicht. Über Kameraden wurden keine Fragen gestellt. Ich hatte die Fragen wahrheitsgetreu beantwortet. Die Mitgliedschaft bei der Pflicht-HJ verschwieg ich nicht. Nur meine Freiwilligenmeldung gab ich nicht an. Als Truppenteil gab ich meine Fronteinheit, die 13. PD (Panzerdivision) an. Eine Parteiangehörigkeit (NSDAP) konnte ich mit gutem Gewissen verneinen.

Die Arbeit an der Wohnbaracke war nun geschafft. Wir wurden nun wieder in den Fischereihafen geschickt. Wieder war es unsere Arbeit, die Hobelspäne von der Fassfabrik (Bondari Sawod) zum Kesselhaus zu bringen. Unsere „Holzwürmer“ waren immer noch dabei, die großen Bottiche herzustellen. Jetzt im Februar war es sehr kalt. Aufwärmen im Kesselhaus, wo wir die Hobelspäne zur Heizung brachten, war uns untersagt. Bei einer Übertretung des Verbotes wurden wir erbarmungslos fortgejagt.

Das Leben war trostlos. Hunger und Kälte setzten uns stark zu. Auch das häufige Nordlicht mit seiner neonweißen Farbe konnte da kaum davon ablenken. Moralisch war ich am Ende. Jetzt war mir alles egal. Ich schlich mich in das Kesselhaus und legte meine steif gefrorenen Hände an die Kesselwand. Das war wohl ein Fehler. Die Hände fingen zu bizzeln an. Selbstmitleid überkam mich und ich fing hemmungslos zu weinen an. Bald kam der Heizer herein. Er sah mich von hinten am Kessel stehen und stürmte auf mich zu. Als ich mich umdrehte und er mein Gesicht sah, da überkam diesen unbarmherzigen Mann wohl doch ein Gefühl des Mitleids, denn er ging wortlos vorbei.

Auf der Stube gab es abends viele Diskussionen. Sie wurden in gereizter Stimmung ausgetragen. Polarkoller wurde dieses Verhalten genannt. Da war einer dem anderen vor: „Bei Dir wäre es besser gewesen, die Nachgeburt großzuziehen!“ Worauf dann die Entgegnung kam: „Und bei Dir wäre es schon ein Verbrechen gewesen, die Nachgeburt großzuziehen!“ Wenn wenigstens eine Postverbindung zur Heimat gewesen wäre! Aber so war bei Manchen die Hoffnungslosigkeit so groß, dass sie dem Druck nicht mehr gewachsen waren. „Den Löffel abgeben“ nannte man das.

Sobald bei den abendlichen Diskussionen das Wort „Gott“ ausgesprochen wurde, gab es lange und tiefgründige Auseinandersetzungen. Einer meinte: „Es gibt keinen Gott“. „Aber es muss ein höheres Wesen geben“ wurde dem entgegengehalten. Prompt kam die Antwort: „Ja, das höhere Wesen ist allwissend, allmächtig und gnädig. Und was macht dieser allwissende, allmächtige und gnädige Gott? Warum lässt er die Verbrecher gewähren und die Unschuldigen leiden? Warum nützt er nicht seine Allmacht?“ Nun mischte sich noch einer ein und meinte: „Es gibt doch einen Gott. Aber er ist nicht so, wie ihn die Kirchen darstellen. Er hat uns Eigenschaften mitgegeben und Selbstverantwortung auferlegt.“ Und sofort kam der Einwurf: „Warum hat dann die Kirche in 2 000 Jahren aus der Biblischen Geschichte so eine Legende gemacht? Die widerspricht doch jeder wissenschaftlichen Erkenntnis!“ Daraufhin sagte ein Anderer, der bisher nur zugehört hatte: „Ich lasse mir von Euch meinen Gott nicht nehmen!“ Und plötzlich schrie einer recht unbeherrscht: „Haltet endlich die Klappe, ich will schlafen!“

Nachdem nun Ruhe eingekehrt war, konnte ich nicht sofort einschlafen. Eine Weile dachte ich noch über alles nach. Aber ich hatte Wichtigeres im Sinn. Gott oder Frauen kamen erst nach der für mich wichtigsten Frage: „Wie kann ich das alles durchstehen?“ Hätte mich mein Vater nicht so hart erzogen, dann hätte ich wohl kaum die Zeit der Gefangenschaft überlebt.

Wieder einmal gab es Streit wegen des kleinen Fensters. Einer wollte frische Luft, der am Fenster aber keine Zugluft. Da kam einer zur Tür herein. Er rief: „Alles herhören! Wir haben Postkarten vom Roten Kreuz bekommen! Wir dürfen jetzt nach Hause schreiben. Aber nur 25 Worte. Keine Ortsangaben, keine Namen von anderen Gefangenen, nichts über Krankheiten und die Verpflegung“. Es dauerte lange, bis auch ich Schreibzeug bekam. Der erste Satz war wohl überall gleich: „Ich bin gesund, es geht mir gut.“ Nun warteten wir auf die Rückkehr der Antwortkarte. Aber Monate kam nichts. Wieder gab es deswegen hitzige Debatten. Als dann gar einer meinte, das wäre alles nur ein Trick, da sank bei mir die Hoffnung wieder auf den Nullpunkt. Der Gewerkschaftler aus Sachsen meinte jedoch: „Abwarten, das wird schon werden“.

Als wieder einmal einige Plennis von einem Sondereinsatz kamen und in der Küche ihr Essen holten, bekam der Letzte nichts. Das wurde damit begründet, dass die 20 Essen der Brigade schon ausgegeben worden wären. Das führte auf der Stube zu hitzigen Debatten. Keiner wollte zwei Mal Essen geholt haben. Da sagte einer, mein Tauschpartner, ein Student, hätte ein zweites Essen geholt. Der Student kam nun in echte Bedrängnis. Er rechtfertigte sich damit, dass er für den Russen Schreibarbeiten gemacht hätte und dafür eine Extraportion Essen bekommen würde. Das konnte nicht widerlegt werden. Die verweigerte Portion Essen wurde nun problemlos ausgegeben. Welcher Art diese Schreibarbeiten waren, wurde nicht gefragt. Das hätte mich aber nachdenklich machen sollen.

Gesundheitlich hatte ich die Winterzeit einigermaßen durchgestanden. Dann bekam ich plötzlich hohe Temperatur. Ich ging zum Sanitäter. Der sorgte für eine sofortige Einweisung in das Lazarett im Hauptlager. Dort stellte man eine Lungenentzündung fest. Ganz so schlimm kann es nicht gewesen sein, denn bald trat eine Besserung ein. Mein Bettnachbar suchte einen Mitspieler für das Schachspiel. Davon hatte ich keine Ahnung. Er erklärte mir das Spiel. Nach einigen Tagen konnte ich schon ein Spiel gewinnen. Das aber kaum wegen meines Könnens, sondern weil er seinen Mitspieler bei Laune halten wollte. Nachdem die Krankheit überwunden war und ich mich auch sonst etwas erholt hatte, kam ich wieder in das kleine Lager zurück und wurde sofort wieder zur Arbeit in die Fassfabrik geschickt.

Zu dieser Zeit erhielten wir von der Lagerleitung eine merkwürdige Ankündigung. Im ganzen Lande sei mit einer schlechten Ernte zu rechnen. Deshalb wäre eine Kürzung der Rationen nicht zu vermeiden. Die bisherige Brotration würde von 600 g auf 470 g reduziert, das Prozente-Brot von 200 g auf 170 g. Da wir Schwarzarbeiter in der Fabrik ohnehin kein Prozente-Brot bekamen, war das eine echte Katastrophe. Das wirkte sich auf uns enthemmend aus.

An der Verladerampe, an welcher der Fisch in die Eisenbahnwagen geladen wurde, waren Frauen beschäftigt. Unser jetziger Konvoi war ein schon älterer und verständnisvoller Mensch. Er drückte nicht nur ein Auge zu, wenn wir Fisch betteln gingen, er forderte uns sogar dazu auf. Allerdings nicht ganz uneigennützig. Er wollte jeden Tag einen kleinen Rotbarsch haben. Als ich mich an die Verladerampe heranpirschte, legte die Arbeiterin den Finger auf den Mund. Sie rief etwas nach oben und bald kam eine Kiste über die Rutsche heruntergesaust. Unten krachte sie an die Wand und platzte auf. Sie nahm einen Fisch und warf ihn mir zu. Den ließ ich sofort im Mantel verschwinden. Noch ehe ich verschwinden konnte, fing sie ein fürchterliches Geschrei an und warf mir ein Kistenbrett nach. Ich war ganz verwirrt über dieses Verhalten. Als ich dann aber die Aufsicht aus dem Waggon kommen sah, verstand ich das Theater. Schnell verzog ich mich.

Nun hatte ich zwar den Fisch, aber noch konnte uns der Pförtner in die Quere kommen. Auch hier wusste unser Konvoi Rat. An der Hauptpforte war es fast hoffnungslos. Da stand ein ganz penibler Kerl. Deshalb führte uns der Konvoi durch einen Nebenausgang, der eigentlich für Fahrzeuge gedacht war. Hier ging er hinter dem letzten Plenni her. Als wir an der Schranke ankamen, hielten wir auf Weisung des Pförtners an. Doch dann kam vom Konvoi der Befehl „Tschako Marsch“ und wir schlüpften unter dem Schlagbaum durch. Etwa 100 Meter vor dem Lagertor wollte der Konvoi seinen kleinen Rotbarsch. Andere Konvois gingen da radikaler vor.

Wenn wir Spätschicht hatten, war der Nebenausgang am Schichtende um Mitternacht geschlossen. Wir mussten durch das Haupttor. Dort war es so gut wie aussichtslos, einen Fisch durch die Kontrolle zu bringen. Als ich etwa 25 m vor der Pforte am Zaun ein Brett entdeckte, das nicht ganz bis zum Boden ging, kam mir eine Idee. Ich wickelte um den Schwanz des Fisches einen Draht. Den Fisch legte ich hinter die Lücke und ließ das Drahtende bis in die Lücke gehen. Wenn wir vorbei kamen, griff ich den Draht und zog den Fisch heraus. Als ich nach ein paar erfolgreichen „Fischzügen“ wieder den Fisch platzieren wollte, hörte ich oben ein merkwürdiges Geräusch. Von der Pforte her lief ein Hund auf mich zu. Er war an einem oben gespannten Draht angeleint. Noch im letzten Moment konnte ich zur Seite springen. Der Fisch war aber verloren. Nun war es wieder Essig mit dem Ersatz für das Prozente-Brot, denn am nächsten Tag war die Zaunlücke mit einem Brett zugenagelt.

Menschlichkeit
Wie bei anderen Völkern gab es auch hier Unterschiede. Hier war man stolz, einen aufgezwungenen Krieg letztendlich doch gewonnen zu haben. Diese Tatsache hatte auf die Menschen unterschiedliche Auswirkungen. Die jungen Menschen waren durch die auch hier einseitige Propaganda entsprechend beeinflusst. Wir Plennis mussten dies sehr deutlich spüren. Hier waren wir die Kulturlosen. Bei jeder nur denkbaren Gelegenheit wurde uns „Nix Kultura“ an den Kopf geworfen. Anfänglich wurde bei jedem noch so geringen Anlass die Waffe gezogen und mit Erschießung gedroht. Bei den Erwachsenen war da schon eine andere Grundhaltung vorhanden. Zwar neigten die Männer zu wütenden Reaktionen und harten Zwangsmaßnahmen, die Frauen jedoch zeigten oft Mitgefühl. Die Funktionäre waren von besonderer Klasse. Sie neigten nicht nur zu despotischem Verhalten. Sie waren nicht selten korrupt. Sie wirtschafteten in ihre eigene Tasche. Diese von der Grundidee abweichende Verhaltensweise war wohl letztlich auch die Ursache für den späteren Zusammenbruch des Systems.

Im Frühjahr ereignete sich ein besondere Akt von großer Willkür. Als wir in Auschwitz selektiert worden waren, war auch ein 42 Jahre alter Soldat dabei gewesen. Er hatte bei seinem Kameraden bleiben wollen und war so mit uns hierher gekommen. Er war jetzt in der Lagerbrigade als Schuhmacher tätig. Die Lagerbrigade musste auch die Lebensmittel vom Magazin vor dem Tor holen. Das war in der Regel eine schnelle Sache. Im kalten Winter war der verwaltende Offizier mit einer Stunde Verspätung gekommen. Der Schuhmacher hatte nur Filzpantoffeln angehabt. Als der Verwalter nicht gekommen war, hatte er zum Lager zurückgewollt, um sich warm anzuziehen. Die Wache hatte dies aber nicht erlaubt. Im Frühjahr musste an einem Morgen jede Brigade einen Mann zurückstellen. Wofür war unbekannt. Ich war einer der Zurückgehaltenen. Ein Konvoi brachte uns in den Speiseraum des großen Lagers. Dort war vorne ein langer Tisch mit rotem Tuch abgedeckt. Nach kurzer Zeit kamen einige NKWD-Offiziere und setzten sich an den Tisch. Man eröffnete uns, dass nun ein Kriegstribunal eine Verhandlung gegen einen Kriegsgefangenen durchführen würde. Der Angeklagte wurde hereingeführt. Er rief schon an der Türe „Ich gebe alles zu!“ Nun wurde die Anklage verlesen: Selbstverstümmelung. Das Urteil lautete auf 10 Jahre Zwangsarbeit.

Kurze Zeit später gab es mit dem Offizier erneut eine Unstimmigkeit wegen seiner Unpünktlichkeit. Er war den Plennis vor, sie hätten kein Recht, sich zu beklagen. Wer in Auschwitz Millionen von Menschen vergast, der soll gefälligst den Mund halten. Ihm wurde geantwortet, er solle doch keine Märchen erzählen. Wir kämen doch von Auschwitz und hätten derartige Anlagen nicht gesehen. Er möge doch den deutschen Lagerführer befragen.

Kurze Zeit später wurde der erste Heimkehrertransport zusammengestellt. Die meisten waren nicht mehr arbeitsfähig. Auch der nun begnadigte Schuhmacher und der Zivilist, den man uns in den Waggon geschoben hatte. Die Begnadigung ließ uns vermuten, dass der Kriegsgerichtsprozess nicht der Rechtsprechung gedient hatte, sondern ein Schauspiel zur Einschüchterung der Plennis gewesen war.

Kurze Zeit später wurde eine Kommission angemeldet. Wir erwarteten hier eine internationale Besetzung. Einer wurde da besonders aktiv. Er forderte uns auf, die Missstände vorzutragen. Wir brachten die Stube über das übliche Maß hinaus in Ordnung. Als dann die Kommission kam, waren es zu unserer Enttäuschung lauter russische Offiziere. Wir wurden befragt, ob alles in Ordnung sei. Nun Missstände vorzutragen, wäre ohne Sinn gewesen. Man erkannte unsere Zurückhaltung und stellte Fragen zu einzelnen Punkten. Da griff nun der Lagerleiter ein und fragte, ob wir auch Lebertran bekommen hätten. Das mussten wir bejahen. Nach der Menge fragte er nicht. Er hätte damit rechnen müssen, dass unsere Antwort ihn dann entlarvt hätte. Das würde dann weitere unangenehme Fragen provozieren und seine Praktiken offen legen.

Ich hatte mir ein Paar Holzsandalen von einem in der Werft arbeitenden Kameraden besorgen lassen. Die legte ich an das Fußende meines Schlafplatzes. Auf die Frage, warum ich die Sandalen nicht unten auf dem Boden stehen hätte, sagte ich wahrheitsgemäß, ich hätte Blasenprobleme und müsste deshalb oft austreten. Da andere meine Sandalen, wenn die auf dem Boden stehen würden, dann ungefragt benutzen würden, würde mich das in Zeitnot bringen und unangenehme Folgen haben. Seine Meinung dazu war kurz „Nix Kultura“. Als die ganze Kommission unsere Stube verlassen hatte, kam er noch einmal zurück. Er sah mich wütend an und verdonnerte mich zu einem Tag Arrest wegen ungebührlichen Betragens. Bald danach tauchte unser Aufwiegler auf. Auf die Frage, wo er denn gewesen war, antwortete er, dass er austreten gewesen war. Ich musste am folgenden Sonntag den Arrest antreten. Der deutsche Offizier, der als Lagerpolizist beim Besuch der Kommission dabei gewesen war, sprach sein Bedauern aus und entließ mich vorzeitig aus dem Arrest.

Feindpropaganda
Propaganda ist eine allseitig angesehene Notwendigkeit. Sie kann wahre Fakten vortragen. Aber oft werden irreführend und unwahre Berichte gebracht. Auf unserer Seite waren die Menschen der Sowjetunion als Untermenschen bezeichnet worden. Auf der anderen Seite war behauptet worden, wir würden kleine Kinder an Scheunentore nageln. In unserem Lager wurde verbreitet, dass Partisanen einen Lazarettzug durch eine Gleissprengung zum Anhalten gezwungen hatten und dann Sanitätspersonal und Verwundete ermordet hatten.

Infolge der ungewohnten Lebensverhältnisse bekam ich erneut einen Abszess. Nun am Hals. Ich kam in das Lazarett des Hauptlagers. Dort wurde er geöffnet. Dann kam ich wieder zurück.

Wenn wir morgens zur Arbeit gingen, wurden zuerst die Werftspezialisten abgefertigt. Dann die schon eingeteilten Brigaden. Die noch freien Arbeitskräfte wurden dann nach Angebot vergeben. Das höchste Gebot war maßgebend. Es ist tatsächlich vorgekommen, dass Brigaden auf dem Weg zur Arbeit umgeleitet wurden. Ob in dem Falle immer nur ein besseres Lohnangebot für die Kasse der Lagerverwaltung maßgebend war, scheint bei der üblichen Korruption unwahrscheinlich.

Vier Monate nach der Ausgabe der Rotkreuzkarten kamen die ersten Antwortkarten zurück. Das war ein Jahr nach meiner Gefangennahme. Die Karten waren einer Kontrolle unterzogen worden und hatten Streichungen. Für mich war es wichtig, dass die Angehörigen mein Überleben der letzten Kriegsmonate erfahren hatten. Aber auch die Hoffnung, irgendwann wieder heimzukehren.
Hoffnung auf eine baldige Heimkehr hatten besonders diejenigen, die aufgrund ihres desolaten Gesundheitszustandes als Arbeitskräfte nur sporadisch oder überhaupt nicht mehr zur Verfügung standen. Dystrophie (Unterernährung) und Phlegmone (eitrige Gewebeentzündung) waren die Ursache für die Einstufung in die Invalidität. Sie waren in unseren Augen die Glücklichen.

Aber mir hätte es noch schlimmer ergehen können. Als ich erstmals etwas Geld ausbezahlt bekam, ging ich auf ein Angebot des als Aufwiegler beschriebenen Stuben-„Kameraden“ ein und erwarb von ihm etwas Fischöl. Das Angebot war günstig, denn ich bekam auch noch das Gefäß, eine Aluminium-Feldflasche, dazu. Ich gab in die Suppe einen Esslöffel Fischöl. Die hatte zwar einen eigentümlichen Geschmack, aber das kam bei Fisch öfter vor. Nachdem ich die Suppe gegessen hatte, bekam ich ein dringendes Bedürfnis, den Darm zu entleeren. Ich machte mich schnell auf den Weg zum abseits gelegenen Zwölfzylinder (zwölfsitzige Latrine). Dort zog ich die Hose herunter. Als ich wieder die Augen aufmachte, lag ich im Sanitätsraum. Der Sanitäter herrschte mich an: „Was hast Du denn gefressen?“ Er ließ sich die Flasche zeigen und sagte, das Öl sei verdorben, denn es verträgt sich nicht mit dem Aluminium. „Sei in Zukunft etwas vorsichtiger! Das hätte Dein Tod sein können!“

Nun wurden wieder Einige in das große Lager gebracht. Da wurde von Heimkehrertransport gemunkelt. Sie waren gesundheitlich angeschlagen. Und andere, die nicht aus dem deutschen Reichsgebiet von 1937 stammten. Es waren Elsässer und Ostmärker dabei. Da ich noch in Arbeitsgruppe 2 (70 %) eingestuft war, kam ich nicht in Frage.

An einem Samstag gegen 17:45 Uhr kamen wir von der Arbeit heim. Schon am Tor wurden wir aufgefordert, sofort zu essen, denn wir müssten noch zu einem Sondereinsatz. Schon nach einer Stunde war Abmarsch. Wir wurden zum Bahnhof geführt. Mit dem Zug fuhren wir eine halbe Stunde. Dann stiegen wir aus und gingen noch eine gute Stunde in die Tundra hinein. Dort wurde uns erklärt, dass wir unser Brennholz für den Winter holen müssten. Wieder waren es die Schwarzarbeiter, die hier zum Einsatz kamen. Wir fällten die hier nicht mehr so großen Nadelbäume, zersägten sie und trugen sie an die Straße. Das Gelände war stellenweise sumpfig. Wir sanken bis über die Knöchel ein. Die Fliegen waren sehr aufdringlich. Aber wir fanden auch Beeren. Nachdem wir bis zum Nachmittag des Sonntag gearbeitet hatten, fuhren wir wieder heim. Bei der Zählung am Montag Abend war der Lagerkommandant sehr ungehalten. Er beschimpfte uns als faule Bande. Wir müssten eben sehen, wie wir im Winter mit dem knappen Holz auskommen würden. Die Offiziere, die noch nicht arbeiten mussten, waren als Brigadiere eingesetzt. Sie zählten die in der Tundra abfahrenden und die im Lager ankommenden Fahrzeuge. Sie stellten fest, dass 35 % einen anderen Zielort hatten.
Neben der erhofften Heimkehr war das Essen das Hauptthema bei den abendlichen Gesprächen. Da wurden von einigen „Spezialisten“ Rezepte vorgetragen, die wohl jeder Hausfrau zur Ehre gereichen würden. Einer von uns hatte ein besonderes Problem, denn er hatte eine Magenerweiterung. Er wurde von den Küchen zur Erledigung der Nebenarbeiten eingesetzt. Die Belohnung bestand aus Resten der warmen Verpflegung. Er konnte unglaubliche Mengen vertilgen. Da wurde von einem Eimer gesprochen. Die Größe des Eimers wurde nicht angegeben. Der Unglückliche sah die Heimat nicht mehr. Er gehörte zu jenen, die irgendwo außerhalb verscharrt wurden.

Nun gingen auch die Offiziere arbeiten. Angeblich freiwillig. Leicht hatten sie es aber nicht. Sie bildeten eine eigene Brigade. Auf einer ihrer Arbeitsstellen hatte sie einen Natschalnik, der bei der Ausstellung der täglichen Arbeitsbescheinigung wohl kaum die Leistung im Auge hatte. Er schrieb die Bescheinigung in Höhe von einem Prozent der Arbeitsnorm. Auf die Frage, ob er sich da nicht geirrt hätte, antwortete er, das wäre schon richtig. Aber er sei ja noch großzügig gewesen, denn eigentlich war das noch um zwei Prozent zu hoch.

Die tägliche Brotverteilung artete zeitweise zu einem echten Krimi aus. Jeder wollte gerne in Kantenstück haben und zu klein durfte es natürlich auch nicht sein. Ein Kastenbrot von 3 kg in 10 Portionen zu teilen, war sicher keine Hexerei. Dazu hatte man ja das (verbotene) Messer. Vier Kantenstücke gab es. Das Gewicht wurde mit einer selbstgebauten Waage festgestellt. Der Verteilungsmodus wurde oft gewechselt, um unsaubere Methoden auszuschließen.

Als wir abends die Arbeit beendet hatten, rief uns ein Russe „Skoro damoi“ zu. Das bedeutete „Bald nach Hause“. Das brachte den Natschalnik zu einem Wutausbruch. Er zeigte auf ein Gebiet, das in einiger Entfernung lag und schrie: „Ehe Ihr das nicht wieder aufgebaut habt, kommt Ihr nicht heim! Ihr habt es zerstört, Ihr werdet es wieder aufbauen!“ Das Gelände sah aus wie ein niedergebranntes Waldstück. Es standen nur noch Baumstümpfe. Ich erlaubte mir den Einwand, nie auf dem Gebiet der Sowjetunion gewesen zu sein. Deshalb hätte ich nichts zerstört und auch nichts aufzubauen. Das konnte ihn jedoch nicht beeindrucken. Er antwortete mir: „Wer das zerstört hat, können wir nicht feststellen. Deshalb ist es Eure Pflicht, im Rahmen der Kollektivschuld die von Euch angerichteten Schäden zu beseitigen“. Das schien mir doch recht eigenartig, sich wegen eines kleinen Waldstückes so aufzuregen. Als kurze Zeit später einer von der Brigade auf dem LKW dort vorbeikam, sah er, dass es keine Baumstümpfe waren. Es waren Reste von gemauerten Kaminen der niedergebrannten Holzhäuser.

Nun begann wieder der Herbst. Ich war jetzt 21 Jahre alt. Nach dem in der Heimat geltenden Recht war ich nun volljährig. Damit wäre meine Jugendzeit zu Ende. Aber so lange ich nicht wie ein Erwachsener entscheiden konnte, war für mich die Jugendzeit nicht zu Ende.

Wenn ein Frontsoldat etwas auf nicht ganz legalem Weg besorgt hatte, dann war das nicht gestohlen, sondern organisiert gewesen. Diese Art der Beschaffung notwendiger Dinge war bei uns Plennis oft nicht zu vermeiden. Schon die Beschaffung einer Glühbirne, die eigentlich Sache der Lagerverwaltung war, machte Probleme. Da es in der Werft eine andere Stromspannung als bei uns im Lager gab, war es anfangs einen unangenehme Sache. Wir hatten in unserer Unterkunft nicht nur Fliegen und Läuse, sondern auch Wanzen. Die fühlten sich bei uns scheinbar besonders wohl. Da sie uns aber piesackten, mussten wir etwas gegen sie unternehmen. Licht war ihnen unangenehm. Deswegen war Tag und Nacht das Licht an. Von den Glühbirnen aus der Werft wurden zwei zusammengelötet. So konnten wir uns behelfen. In der Werft wunderte man sich über den hohen Verbrauch. Da die Verantwortlichen der Werft aber keinen Sachverstand hatten, kamen wir nicht in Verdacht.

Zum beginnenden Winter wurde uns ein neuer Arbeitsplatz zugewiesen. Es war das Elektrizitätswerk der Stadt. Wir mussten die Kohle aus den großen 60-Tonnen-Waggons entladen und über einen Schrägaufzug nach oben, über die Heizung, schaffen. Dazu wurden acht Plennis gebraucht, für den Abtransport der Schlacke weitere vier. Wir wurden in den verschiedenen Arbeitsschichten eingesetzt. Die Bahngleise waren in 3 Meter Höhe auf Pfählen aufgesetzt. War unten die Kohle nur in geringer Menge vorhanden, so war die Entladung einfach. Die Bodenluken des Waggons wurden geöffnet und die Kohle rauschte nach unten. Waren viele Waggons auf einmal gekommen, dann musste viel geschaufelt werden. Manchmal in drei Etagen nach oben. Unten wurde die Kohle in eine Lore geladen und dann mit dem Aufzug hochgefahren. Oben wurde sie durch ein Gitter in den Bunker befördert. Hatte die Kohle Brocken, dann wurden diese mit einem Hammer zerschlagen. Die glühende Schlacke wurde in einen Bunker abgelassen und dort mit Wasser gelöscht. Das hatte auf die Atemwege ungünstige Auswirkungen.

Wenn es richtig kalt war, dann war an den Außenwänden der Waggons eine bis zu 30 cm dicke Kohleschicht angefroren und musste mit der Brechstange losgeschlagen werden. Auf einem Nebengleis stand ein transportables komplettes E-Werk in Eisenbahnwaggons. Der Hersteller war die amerikanische Firma Westinghaus. Die Arbeit im E-Werk war erträglich und es gab sogar noch etwas Geld vom Lager.

Als wir einmal von der Spätschicht in das Lager kamen, stolperte ich vor der Küche über einen Haufen Knollen. Das wunderte mich schon sehr, dass man die Kartoffeln im Hof über Nacht liegen ließ. Schnell stopfte ich einige in die Manteltaschen und verzog mich. Im Flur sah ich mir eine Knolle an. Aber bei dem Armesünderlicht konnte ich nichts erkennen. Ich biss hinein, aber da die Knolle gefroren war, konnte ich nichts schmecken. Als ich dann in die Stube kam und die „Beute“ näher ansah, hatte ich einen Pferdeapfel in der Hand. Diese wurden zur Isolierung der Wasserleitungen verwendet. Woher man diese „Leckerbissen“ hatte, war rätselhaft, denn in dieser Gegend hatte ich noch nie Pferde gesehen. Hier waren wir einige hundert Kilometer hinter dem Polarkreis. Die Stadt hatte den nördlichsten Hauptbahnhof der ganzen Erde. Diese Überraschung erlebte ich kurz vor dem Jahresende 1946.

Informationen
Seit der Gefangennahme vor 19 Monaten wurden wir über Politik im Allgemeinen kaum unterrichtet. Die Kapitulation Japans wurde groß herausgestellt. Über die Besatzungszonen und das nun unter polnischer Verwaltung stehende Gebiet östlich der Oder-Neiße-Linie wurden wir unterrichtet. Nicht erwähnt wurde, dass das westlich der Odermündung liegende Stettin und sein Umland aus der Sowjetzone ausgegliedert und Polen zugeschlagen wurde. Auch von dem Königsberger Gebiet Ostpreußens, das der Sowjetunion zugestanden wurde, war nichts zu erfahren. Aber groß herausgestellt wurde, wie gut es der Bevölkerung der sowjetischen Besatzungszone ging und wie schlecht es die Bewohner der westlichen Besatzungszonen hatten. Über die Amerikaner wurde Schlechtes am laufenden Band berichtet. Das alles wurde von mir aufmerksam zur Kenntnis genommen und unter Einbeziehung der eigenen Erfahrungen seit dem 10. Mai 1945 bewertet. Und dazu gehörte auch die Tatsache, dass im Murmansker Hafen ein Schiff entladen wurde, das nicht nur fabrikneue bedruckte Stoffe, sondern auch gebrauchte Haushaltsnähmaschinen als Reparationen geladen hatte.

Zur Winterzeit gab es in unserem offenen „Zwölfzylinder“ eine Besonderheit. Diese war Anlass für einen Sondereinsatz, den wir „Baumkuchen umwerfen“ nannten. Der herabfallende Kot setzte sich auf dem gefrorenen fest. Er wuchs wie ein Baum. Deshalb mussten wir in kurzen Abständen mit der Brechstange Abhilfe schaffen.

Auf unserer Stube hatten wir einen Büromaschinen-Mechaniker. Er hatte gelegentlich epileptische Anfälle. Darin sah man keinen Grund zur Entlassung. Im vertraute man eine mechanische Rechenmaschine zur Reparatur an. Eines Tages kündigte er uns ein Jubiläum an. Obwohl er schon bald 100 Fehler beseitigt habe, gebe es immer noch Rechenfehler. Die Zahnräder seien stark abgenutzt. Man wäre nicht in der Lage, eine neue Maschine zu beschaffen.

Nachdem die Brotration um 20 % gekürzt war, wurde nun auch die Suppe immer dünner. Die Lagerleitung sprach von Transportproblemen. Wir sahen die Ursache in „Umleitungen“. Einer auf unserer Stube meinte jedoch, das sei eben schwäbische Kost. Um Erläuterung gebeten, sagte er „Bodenseesuppe“. Davon hatte noch keiner von uns etwas gehört. Dann kam die Erklärung: Die Suppe war so dünn, dass man den Boden sehen konnte.

Da war es sicher kein Wunder, wenn wir jede nur mögliche Gelegenheit zum „organisieren“ nutzen würden. Als ich wieder einmal zu einem nächtlichen Sondereinsatz in die Werft musste, bekam ich einen ausgezeichneten Tipp. Auf einem bestimmten Lagerplatz in der Werft würden einige Fässer Fischöl für eine kurze Zeit zwischengelagert. Diese Gelegenheit wollte ich nutzen. Ich lieh mir eine etwa 3 Liter fassende Blechbüchse aus. Es gelang mir auch, unbemerkt ein Fass zu öffnen und Fischöl abzuzapfen. Die Büchse versteckte ich im Schnee und wollte sie später holen. Aber sie hatte schon einen anderen Interessenten gefunden. Die Spuren im Schnee bezeugten es. Für die Büchse war ein Stück Brot fällig.

Kurze Zeit später wurden einige Plennis in ein großes Magazin geschickt. Der Verwalter erklärte, er wisse, dass wir Hunger hätten und gab jedem ein Stückchen Speck. Zum Arbeitsende würde er uns noch einmal ein Stück geben. Wir müssten nur ordentlich arbeiten.

Ich hatte bei der Ausgabe der Winterbekleidung einen Fellmantel mit Innenfutter bekommen. Ich schnitt die Taschen im oberen Bereich auf. So konnte ich kleinere Sachen verschwinden lassen. Als ich in einem Karton weiche Päckchen ertastete, hielt ich den Inhalt für Tabak und ließ eines im Mantel verschwinden. Ich brachte es trotz der Kontrollen im Magazin und am Lagertor durch. In Gedanken rechnete ich mir schon aus, wie viel Brot ich dafür eintauschen könnte. Aber die Enttäuschung war groß, als sich der Inhalt als Lorbeerblätter herausstellte. Nun wollte ich wenigstens in der Küche einen Schlag Essen herausholen. Dort hatte man aber kein Interesse. Es gelang mir, es auf der Stube gegen etwas Brot einzutauschen. Kurze Zeit später ließ die Küche nach den Lorbeerblättern fragen. Aber nun war es für mich zu spät.

Nachdem wir zwischenzeitlich auch andere Arbeitsstellen zugewiesen bekommen hatten, schickte man uns nun wieder in das E-Werk. Hier waren einige Waggons zu entladen. Zunächst ging es rasch. Aber als dann die Kohlenhalde über das Gleis ging, musste viel geschaufelt werden. Die ersten Waggons waren leer. Nun mussten alle Waggons ein Stück weitergeschoben werden. Da noch die Hälfte beladen war, schafften wir das nicht. Das brachte uns den Vorwurf „Simulanten“ ein. Und gleich wollte uns das Großmaul zeigen, dass es das alleine schaffen könne. Darüber konnten wir nur laut lachen. Er war zuerst sauer. Dann grinste er und ging fort. Als er wieder kam, hatte er ein Hebeleisen in der Hand. Damit schob er die Waggons weiter. Damit hätten wir das natürlich auch geschafft. Er meinte nun, die Russen seien eben doch nicht so dumm, wie das von uns geglaubt wird.

Nun kam der 1. Mai. Auch in der Sowjetunion war das ein Feiertag. Man versprach uns sogar drei freie Tage. Aber schon am zweiten Tag hatte man wieder eine eilige Arbeit. Die Zivilisten dagegen gingen einer anderen Beschäftigung nach. Sie vertilgten Alkohol in beträchtlichen Mengen.

Unsere Arbeit im E-Werk hatte auch ihre gute Seite. Wir bekamen etwas Geld, etwa 50 Rubel für einen Monat. Im freien Handel gab es dafür 5 kg Brot. Da wir hier auch noch Prozente-Brot bekamen, war das unsere einträglichste Arbeitsstelle. Dass die guten Tage aber rar sind, mussten wir bald erfahren.

Wieder kam eine erbärmliche Zeit. Weder Rubel noch Prozente-Brot gab es. Der Hunger war wieder da. Nun wurden wir in das Stadtzentrum geschickt. Dort waren Aufräumungsarbeiten zu erledigen. Einer von uns ging in einen großen Wohnblock und bettelte um Brot. Erfolglos war er nicht.

Gebettelt hatte ich bisher noch nicht. Das ging mir wider den Strich. Nun aber wollte ich es doch einmal versuchen. Leicht fiel es mir nicht. An der ersten Türe öffnete eine Frau. Ich bat um etwas Brot. Sie ging in die Wohnung und kam mit einer rohen Kartoffel zurück. Obwohl ich enttäuscht war, bedankte ich mich. Der Kleidung nach hatte die Frau wohl selbst nicht viel. An der zweiten Türe öffnete ebenfalls eine Frau. Sie brachte mir ein Stück Zeitung. Die brauchte man zum Drehen der Machorkas. Damit konnte ich nichts anfangen, denn ich war ja Nichtraucher. Trotzdem sprach ich meinen Dank mit „Spasiwa“ aus. Es war für mich erstaunlich, dass die sichtlich armen Leute ein Herz hatten und einem nicht einfach die Türe vor der Nase zumachten. Nun wollte ich es noch einmal versuchen. Hier öffnete mir ein Mann. Ich hatte noch nicht einmal den Mund aufgemacht, da donnerte er mich schon an. Vollkommen entmutigt machte ich kehrt und schwor mir, nie mehr in meinem Leben um ein Almosen zu bitten.

Unsere Spezialisten in der Werft waren bei einem Russen nicht gut angesehen. Er befürchtete eine Anhebung seiner Arbeitsnorm, da sie mehr leisteten als er. Seinem Ärger ließ er freien Lauf, denn er beschimpfte sie als „Strafnikis“. Da wir aber Kriegsgefangene und keine Strafgefangenen waren, setzten sich unsere Spezialisten lautstark zur Wehr. Als aber die falschen Anschuldigungen nicht unterlassen wurden, beklagten sie sich bei der Lagerleitung und drohten mit Streik. Das hätte für die Kasse der Lagerleitung Verluste bedeutet. Bei der nächsten Zählung am Abend kam der Lagerkommandant persönlich und forderte die Spezialisten auf, sich durch diesen „Durak“ (Dummkopf) nicht provozieren zu lassen. Die Werft ließ ausrichten, dass hier nicht Strafnikis, sondern pflichtbewusste Spezialisten arbeiteten. Für mich war es erstaunlich, dass man sonst rechtlose Kriegsgefangene hofierte. Damit war der angedrohte Streik gegenstandslos. Einen Streik tatsächlich durchzuführen, hätte wohl – wie bei dem Schuhmacher – rechtliche Folgen gehabt.

Nun wurden wir wieder einmal zu einer Arbeit in die Werft geschickt. „Beerdigungskommando“ nannte man uns. Diese Bezeichnung entsprach genau unserer Arbeit. Von den im Krieg zerstörten Gebäuden, Zechen genannt, lagen noch große Betonbrocken herum. Sie sollten nun weggeschafft werden, denn der Platz wurde jetzt gebraucht. Die langen Brocken zu zerschlagen und fortzuschaffen hielt man nicht für nötig. Wir gruben neben den Brocken Löcher und schoben sie mit Hebeln hinein. Dann wurden die Löcher mit Erde aufgefüllt. Das war eine zunächst einmal Kosten sparende Methode nach russischer Art.

Nun waren wir schon mehr als zwei Jahre hinter dem Polarkreis. An die schon mehrfach als Gerücht aufgetauchte Auflösung unseres Lagers und die Heimkehr glaubten nur noch wenige. Da war es nicht abwegig, dass es zu Fluchtgedanken kam.

Eines Tage wurde die Zählung wiederholt. Es fehlten drei Plennis. Wir wurden beschimpft und bedroht. Aber verschärfte Maßnahmen wurden nicht ergriffen. Nach einigen Tagen führte man uns einen der Flüchtigen vor. Er war arg ramponiert. Die anderen Ausreißer hätte man auch. Sie seien im anderen Lager. Später war zu erfahren, dass sie schwer misshandelt worden waren und im Lazarett lagen.
Bei der monatlichen Rotkreuzkarte war nun die Beschränkung auf 25 Worte nicht mehr gegeben. Eintreffende Karten hatten jedoch noch Streichungen.

Da die Tage im Sommer nun wieder recht lang waren, suchte ich mir eine sinnvolle Beschäftigung. Durch einen Werftspezialisten kam ich an einen Bleistiftstummel und etwas Packpapier. Ich machte kleine Zeichnungen von Prothesengelenken. Da ich aber keinen Radiergummi hatte, konnte das nichts Richtiges werden. Die Zeichnungen verwahrte ich in einem selbstgebastelten Holzkasten auf.

Nun wurden wir in der Nähe des Lagers an eine Baustelle beordert. Hier machten wir Fundamente für Holzfertighäuser. Die Häuser kamen von Finnland. Es waren Reparationslieferungen. Zunächst wurden Fundamentgräben ausgehoben. Das Erdreich wurde mit Schubkarren weggefahren. Ich arbeitete mit meinem Tabaktauschpartner zusammen. Dabei unterhielten wir uns angeregt. Er hatte Interesse an meinem Lebensweg. Da ich ja nichts zu verbergen hatte, gab ich bereitwillig Auskunft. Auf dem Weg zum Lager kamen wir an der Baustelle eines großen Holzhauses vorbei. Das Haus bauten finnische Kriegsgefangene. Unsere Konvois achteten streng darauf, dass keinerlei Kontakt zustande kam.

Solange ich arbeitsfähig war, konnte ich mit einer Entlassung nicht rechnen. Als aber das Gerücht auftauchte, das Lager würde aufgelöst und wir kämen alle heim, da besserte sich die Stimmung zusehends. Als dann Anzeichen für den Transport zu erkennen waren, da stieg die Stimmung noch mehr. Aber es kam wieder einmal anders. Nur ein Teil wurde aufgerufen. Also doch nicht das ganze Lager. Aber nun war ich dabei. Am Lagertor wieder scharfe Kontrollen. Alles was schriftlich war, wurde uns weggenommen. Als ich dran war und meinen Kasten mit den Zeichnungen vorzeigte, wurde nach dem Zweck der Zeichnungen gefragt. Meine Antwort, es wären Prothesengelenke, verstand er nicht. Als ihm das erklärt wurde, nahm er den Holzkasten weg. Die Zeichnungen durfte ich behalten. Konvois brachten uns in das andere Lager. Ich nahm an, dass wir mit denen des anderen Lagers zusammen heimfahren würden. Aber man schickte uns wieder zur Arbeit. Meine Stimmung sank wieder auf den Nullpunkt.

In einem Außenviertel, in der „Uliza Selenaia“ (Grüne Straße) schleppten wir Hobelspäne auf den Dachboden. Damit wurde eine Wasserleitung isoliert. An einer Leine hingen einige Tücher. Auch ein kleines Handtuch war dabei. Darauf war ich scharf. Ich wollte es aber nicht einfach stehlen. Die Leute hier waren ja auch nur arme Schlucker. Ich nahm einen 1-Rubel-Schein und schob ihn in die Wäscheklammer. Das war nicht viel, aber es war wenigstens ein Zeichen des guten Willens. Als ich dann mit der folgenden Ladung Späne hochkam, war nur noch die Klammer da. Das Geld hatte wohl ein anderer an sich genommen.
Wie beengt die Leute hier wohnten, wusste ich schon. In den Wohnungen hatten kinderlose Paare je ein Zimmer. Küche und Abort wurden gemeinsam benutzt. Doch was ich jetzt sah, hätte ich mir nie gedacht. Ein junges Ehepaar hatte als Wohnung ein kleines Zimmer von etwa 7 m². Ein Bett, ein kleiner Schrank, ein winziger Tisch, ein Stuhl und eine Kochnische. Eigentlich hätten sie auf uns, die doch durch Fliegerangriffe die Wohnungen vernichtet hatten, böse sein müssen. Aber davon war keine Spur vorhanden. Sie suchten sogar das Gespräch. Aber ich mit den paar Brocken russisch konnte mich nur wenig verständlich machen.

Auf einer Baustelle war ein neues Haus im Rohbau fertig. Die Wände bestanden aus 10 cm dicken Holzbalken. Die Ritzen zwischen den Balken wurde mit Werg, einem Abfall von Hanf, abgedichtet. Das nannte man Kalfatern. Diese Arbeit machte ich ein paar Tage.