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Die Kohle ruft Drucken E-Mail

Wenn man mich damals gefragt hätte, welchen Namen ich dem Jahr 1947 geben würde, dann wäre mir eingefallen „Das Jahr der Gerüchte“. Schon wieder wurde von einem Heimkehrer-Transport gemunkelt. Doch schon bald stellte es sich heraus, es war nicht eines der üblen Gerüchte. Aber wieder wurde nur ein Teil aufgerufen und zur Bahn gebracht. Ich war auch dabei. Endlich hatte ich Glück. Nun war ich keiner mehr von denen, die noch brauchbar waren. Die Waggons waren nun zweistöckig ausgestattet. Auch auf dem blanken Boden mussten wir nicht mehr liegen. Man wollte wohl zum Ende noch einen guten Eindruck hinterlassen. Acht lange Tage hatte die Fahrt von Leningrad nach Murmansk gedauert. Jetzt, in Gegenrichtung, ging es auch nicht schneller. „Es sind halt 1 000 km und auf einer eingleisigen Strecke kann der Zug nicht einfach durchfahren“. Vieles ging mir durch den Kopf. Ganze 4 ½ Jahre war ich nun von daheim fort. Davon allein 2 ½ Jahre Gefangenschaft. Mehr als zwei Jahre in Murmansk. Was hatte ich alles erlebt! Im Kriegseinsatz nur wenig. Dann das Ende und die Gefangennahme. Vergewaltigung, Mord, Geiselnahme, ewiger Hunger, das Fischöl-Debakel und vieles Andere. Das hatte jetzt alles sein Ende. In etwa drei Wochen konnte ich wieder daheim sein. Dann würde ich meine Lehre beenden. Meine Jugendzeit wäre zu Ende, denn nun wäre ich ein Erwachsener. „Wenn wir Leningrad passiert haben, bin ich 22 Jahre alt“. Nie in meinem Leben war ich glücklicher als in diesen Tagen. Aber ich dachte auch an die Unglücklichen, die in Murmansk geblieben waren. Wie lange würden sie noch ausharren müssen?

Bei Leningrad verzweigt die Bahn. Die westliche Strecke läuft über die Baltenstaaten und Polen, sie wäre die Kürzere gewesen. Aber das wollte man so nicht, denn wir fuhren nach Süden. Auf dieser Strecke waren wir auch gekommen. Wollte man uns wieder über Auschwitz leiten und uns dort nachweisen, dass der Verwalter des Lebensmittelmagazins doch nicht gelogen hatte? Doch als wir beim Abzweig nach Auschwitz ankamen, da musste wohl ein Eisenbahner die Weiche falsch gestellt haben. Es ging nicht nach Westen, sondern nach Südosten. Ein Bahnbediensteter gab auf die Frage nach dem Ziel des Transportes „Donbas“ an. Doch darunter konnte ich mir nichts vorstellen. Ein Spaßmacher von uns meinte, die würden uns erst ans Schwarze Meer zur Erholung schicken. Nach etwa drei Wochen waren wir am Ziel. Wir wurden in ein Lager gebracht und erfuhren von den dortigen Plennis etwas Unglaubhaftes. Wir waren im Kohlerevier in der Nähe des unteren Don. Das war in der östlichen Ukraine. Das Lager stellte den Kohlegruben Arbeitskräfte zur Verfügung. Gleich am nächsten Tag sollten wir eingesetzt werden. Das traf mich wie der Schlag eines Vorschlaghammers. Vorbei waren die Träume vom Ende des Sklaventums. Hatte man uns ohne Urteil zur lebenslänglichen Zwangsarbeit vorgesehen?

Am Morgen bekamen wir unsere Ausrüstung für den Schacht. Einen stabilen Anzug aus Zwirn, Gummigaloschen in Slipperart, Schutzhelm und Petroleumlampe. Unsere Arbeitsstelle, Lawa genannt, lag nur etwa 50 m tief. Dorthin gingen wir zu Fuß. Die Kohle lag nicht waagrecht, sondern hatte ein Gefälle von 6 bis 8 Prozent. So verlief auch unser Abstieg. Etwa 15 Minuten abwärts. Dann über eine waagrechte Querstrecke mit einem Gleis. Noch einmal ein kurzer Abstieg und dann wieder eine längere Querstrecke mit Gleis. Nach etwa 40 Minuten waren wir am Arbeitsort, der Lawa Nr. 7. Auf der Strecke war die Oberleitung der Elektro-Lok an manchen Stellen sehr tief. Wir mussten Acht geben, dass wir mit dem Helm nicht an die Leitung kamen.

Die Kohleschicht hatte eine Höhe von etwa 90 cm. Wir mussten uns auf Knien fortbewegen und arbeiten. Als Arbeitsgeräte bekamen die am Kohleabbau beschäftigten Kohlenschaufler eine Schaufel, drei eine Brechstange und fünf einen Hammer. Die Kohle bestand aus mehreren Schichten. Dazwischen lagen noch Steinschichten, etwa 20 %. Etwa 100cm hinter der abzubauenden Kohle, Kohlestoß genannt, war die Schüttelrutsche zum Abtransport der Kohle. Dahinter eine dreifache Reihe von Holzstempeln zum Tragen der Decke. Danach der bereits abgebaute Raum, der Ahanka. Dorthin wurden die Steine geworfen. Gearbeitet wurde im Dreischichtbetrieb. Zwei Schichten förderten Kohle, die dritte baute um. Die Umbauschicht setzte Schüttelrutsche und Stempelreihen nach dem Abbau der Kohle zum Kohlestoß hin. Eine Schrämmaschine fräste kurz über dem Boden die Kohleschicht an und erleichterte damit den Abbau der Kohle.

Die Schüttelrutsche bestand aus flachen Blechwannen von 2,5 m Länge. Der Kohlenschaufler hatte die Kohle im Bereich eines Bleches abzubauen. Das war in den ersten Arbeitstagen die Norm für uns Neulinge. Wir wurden kurz eingewiesen und schon ging es los. „Es“ war nicht nur die Arbeit, sondern auch das Verhalten des Brigadiers. Er hieß zwar nicht Hund, aber im Bellen konnte er jeden Hund weit übertreffen. Für ihn zählte nur das Ergebnis. Und das war bei mir noch ungenügender als bei den anderen Neulingen. Da die Kohle von rechts nach links ein Gefälle von etwa 8 Prozent hatte, musste nach rechts, gegen den Berg, geschaufelt werden. Und da war ich als Linkshänder wieder im Nachteil, denn ich musste über die Hand schaufeln. Das war anstrengender. Aber wenn ich, wie anfangs gemacht, nach links schaufelte, schob ich die Kohle bergab zum nächsten Schaufler. Verständlicherweise war der damit nicht einverstanden. Also musste ich über die Hand schaufeln. Mein Problem war dem Bello ganz egal. Für ihn zählte nur die geförderte Kohle. Für mich war das die bisher schwerste Arbeit als Plenni. Da kam ich mächtig ins Schwitzen. Das jedoch konnte leicht zu einer Erkältung führen, denn die Lufttemperatur lag nur bei 15 Grad und durch die Belüftung bestand immer Zugluft. Der Stellvertreter des Brigadiers bellte nicht. Aber dafür hatte er Herz und Hirn. Er gab mir nach Möglichkeit andere Arbeiten. Dort konnte ich eine zufriedenstellende Leistung erbringen. Als Holzwerfer oder Steinausleser zum Beispiel.

DEL-System
Das Arbeitssystem der Sowjetunion war dem Akkordsystem angeglichen. Hier wurde auch nach der erbrachten Leistung entlohnt. Doch hier wurde auch die Leistungsfähigkeit einbezogen. Das war die positive Seite dieses Systems. Zum Nachweis der Leistung war eine Bestätigung nötig. Das Negative war der sich daraus ergebende Zwang zur Gefälligkeit, Liebedienerei und Maulhalten. Die erbrachte Arbeitsleistung wurde durch das DEL-System manipuliert. Das geschah durch die mit Kreide vorgenommene Nummerierung der beladenen Wagen. Hier waren die Plennis aber gelehrige Schüler. Nach dem 27. Wagen kam da nicht der 28., sondern der 29. Wagen. Die Bezeichnung DEL ist eigentlich nur die halbe Wahrheit, denn die ganze Wahrheit ist Schwin-DEL. Diese Methode hatte aber auch einen Nachteil. Die Schachtverwaltung konnte bei 1 000 Tonnen in Eisenbahnwaggons nicht die Förderleistung von 1 050 in die Planerfüllungsliste eintragen. Als Ausgleich wurden 50 Tonnen Steine bei den Förderbrigaden in Abzug gebracht. Wer da nur seine korrekte Leistung bei Nummerierung der Kohlewagen angab, war der Dumme. So wurde man zum Betrug gezwungen. Daraus ergab sich bei uns so die Erkenntnis: Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Sowjetunion dagegen das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten.

Nach der achtstündigen Schicht gingen wir wieder nach oben. Da im Lager nicht immer genug Heizmaterial zur Verfügung gestellt wurde, waren wir genötigt, von unten Kohlebrocken mitzunehmen. Darin sah die Schachtleitung einen Diebstahl. Und deshalb führte sie oben am Ausgang zeitweise Visitationen durch und nahm uns die Kohle weg. Auch hier konnte man als sehr guter Arbeiter vom verdienten Lohn etwas Geld bekommen. Daran konnte ich in dieser Brigade aber nicht denken.
Hier hatten wir nicht wöchentlich einen Ruhetag, sondern alle 10 Tage. Der Tag wurde Urlaub genannt. Wurde einem der Leistungsbesten als außergewöhnliches Entgegenkommen einige Tage Arbeitsfreiheit gegeben, so nannte man das Großurlaub.

In jedem Monat wurde eine Stachanow-Schicht eingelegt. Die hatte dann keine acht Stunden Arbeitszeit, sondern zwölf. Zur Halbzeit brachte man uns ein 200-Gramm-Schachtbrötchen. Das bekamen wir aber nicht zusätzlich. Es wurde im Laufe des Monats von der normalen Brotration einbehalten.

Als die Brigade einige Arbeitskräfte abgeben musste, war ich auch dabei. Traurig war ich deswegen nicht, denn der neue Brigadier Otto war wirklich ganz große Klasse. Er hielt nicht hinter dem Berg. Er sagte: „Der Bello gibt nicht die besten Arbeiter ab. Aber wir werden schon miteinander auskommen“. Er setzte uns überlegt ein. Es gab keine Meinungsverschiedenheiten. Und er sorgte für uns. Bei der Verteilung der Fördermenge auf die einzelnen Kohlenschaufler nahm er dort etwas weg, wo es nicht schadete und schob es anderen zu, damit sie auch etwas Geld bekamen. Das war für ihn nicht ohne Risiko, denn die Lagerverwaltung musste so mehr Rubel auszahlen. Andere Brigadiere hätten das nicht gemacht.

Als die Kohleschicht durch eine Geländeverwerfung kein Gefälle mehr hatte, konnte die Schüttelrutsche nicht mehr verwendet werden. Nun wurde ein Kettentransporteur eingesetzt. Der fiel bei Überlastung leicht aus. Deshalb hatte er eine Sicherung durch einen Scherbolzen. Aber Scherbolzen standen nur in geringer Anzahl zur Verfügung. Der Mann an der Maschine musste auch die großen Kohlestücke mit dem Hammer zerkleinern und Steine auslesen.

Bei der Arbeit am Kohlestoß hatte ich einmal großes Glück. Von der unmittelbar über dem Kopf befindlichen Decke löste sich unerwartet eine schwere Steinplatte. Sie traf mich an der linken Schulter. Das schmerzte zwar, aber es verletzte mich nicht. Wäre mir die Platte auf den Kopf gefallen, dann wäre das wohl mein Ende gewesen. Mich erfasste nun die Panik und ich kroch schnurstracks aus der Lawa zur Strecke hinunter. Jeder andere Brigadier hätte mich zurückgejagt. Otto jedoch setzt mich für den Rest der Schicht unten auf der Strecke ein.

Die obere Querstrecke hatte eine ständige Gefahrenquelle. Hier war die Decke früher schon eingestürzt. Die ausgebrochene Decke wurde nicht abgestützt. Ein erneuter Einbruch war nicht auszuschließen. Als wir zum Schichtbeginn an die Gefahrenstelle kamen, war wieder etwas heruntergebrochen. Über den beiden Gleisen lag ein gut drei Meter hoher Steinhaufen. So war die Strecke für die ganze Schichtzeit gesperrt. Trotzdem mussten wir über den Steinberg klettern und zur Abbaustelle gehen. Da jeden Augenblick ein weiterer Einsturz möglich war, hatte ich ein ungutes Gefühl. Es wäre nicht verkehrt zu sagen „die Hose gestrichen voll“. Aber die Gefühle der Plennis spielten da keine Rolle. In solchen Situationen sagte man uns dann: „Wir haben Euch ja nicht gerufen“. Unrecht hatten sie damit ja nicht. In der Lawa angekommen, wurde mit dem Kohleabbau begonnen. Da aber die Strecke blockiert war, konnte die Kohle nicht abtransportiert werden. Deshalb saßen wir mehrer Stunden herum.

Als man uns aus unbekannten Gründen auf unserem Schacht (Bezeichnung: 2 bis) nicht brauchte, wurden wir für kurze Zeit zum Schacht 1, von uns Wasserschacht genannt, geschickt. Das war ein ganz besonderer Schacht. Die Kohleschicht lag in 35 m Tiefe. Sie war nur 65 cm hoch, hatte ein Gefälle von 25 bis 30 Prozent und ständig tropfte Wasser von oben. Wir hatten deshalb gummierte Kleidung. Wegen des starken Gefälles mussten wir uns mit den Füßen an den Holzstempeln abstützen. Hier zu arbeiten, war echter Wahnsinn. Unser Einsatz dort war jedoch nur von kurzer Dauer.

Mit dem fortschreitenden Abbau der Kohle musste auch unten die Strecke vorangetrieben werden. Da die Höhe der Strecke etwa drei Mal so hoch war wie die Kohleschicht, musste der Stein unten und oben gesprengt werden. Als die Bohrmaschine für die Sprenglöcher den Streckenarbeiter von uns elektrisierte, weigerte er sich, mit der Maschine zu arbeiten. Der russische Ablöser sah darin Sabotage. Er arbeitete nur kurz mit der Maschine. Es war sein letzter Arbeitstag, denn er wurde tot weggetragen.

Am 24. Dezember hatten wir Spätschicht bis Mitternacht, denn der „Heilige Abend“ war hier ein normaler Arbeitstag. Die Stimmung war sehr gedrückt. Auch weil wir wegen Stromausfall für Stunden nur herumsitzen mussten. Ohne Strom konnten die Elektro-Loks nicht fahren.

Diese Zwangspausen kamen mir gelegen, denn seit ich im Schacht arbeitete, ging es langsam bergab mit mir. In Murmansk konnte ich meine Leistungsfähigkeit noch einigermaßen erhalten, hier jedoch nicht mehr. Das merkte auch Otto. Aber nie verhielt er sich so wie Bello. Ich war ja auch nicht der Einzige mit gesundheitlichen Problemen. Ein anderer, der zwar noch leistungsfähiger war, hatte zu viel Magensäure. Besonders auf dem Weg zur Nachtschicht macht ihm das schwer zu schaffen. Aus jeder Pfütze soff er, um die Magensäure zu verdünnen. Ich selbst hatte dabei überhaupt keine Probleme.

Da außer der monatlichen Rotkreuz-Karte keine Verbindung nach außen bestand, fühlte ich mich recht einsam. Auch das drückte die Stimmung im nun zu Ende gehenden Jahr 1947 sehr.

Im Januar konnte ich noch bei Otto bleiben. Dann aber wurde ich erstmals in die Arbeitsgruppe 3 eingestuft. Die Arbeitsnorm war nun auf 50 Prozent reduziert. Aber ich kam in eine andere Brigade. Der Brigadier war Rumäne. Er war aus dem gleichen Holz geschnitzt wie Bello. Wir standen, nun im kalten Februar, in einem ungeheizten Bretterverschlag und mussten noch vorhandene Steine aus der auf dem Förderband vorbeikommenden Stückkohle auslesen. Aber nicht nur mit einer Hand, sondern mit beiden gleichzeitig. Das ging dem Brigadier nicht schnell genug. Er stand hinter uns, schimpfte wie ein Rohrspatz und drohte uns ständig mit Prügel.

Aber schon nach kurzer Zeit wurde ich der Arbeitsgruppe 4 zugeordnet. Als vorübergehend invalide brauchte ich nun nicht mehr arbeiten. Es gab sogar eine andere Verpflegung. Aber zu allem Unglück bekam ich nun Darmbeschwerden. Im Stillen hoffte ich nun, mit dem nächsten Transport in die Heimat zu kommen. Mein Unterleib revoltierte immer mehr. Ich hatte keinen Appetit mehr. Der Sanitäter gab mir täglich einen Löffel Pulver. Eine andere Arznei hatte er nicht. Als ich vom Sanitäter zurück zur Stube ging, sah ich in einem Winkel des Hofes einen auch sehr schlecht aussehenden Plenni vor einem Holzfeuer sitzen. Er schob große Tierknochen in das Feuer. Die angekohlten Knochen schabte er dann in eine Büchse. Aus so einer Büchse hatte mir der Sanitäter das Pulver gegeben. Mein Zustand wurde nicht besser. Ich verlor jeden Lebensmut und wurde willenlos. Ich war nun davon überzeugt, dass ich am Ende war. Noch kurze Zeit und dann würde man mir hinter dem Zaun einen Ruheplatz geben.
Wieder wurde mir eine andere Stube zugewiesen. Als ich dort eintreten wollte, stellte sich mir ein Aufpasser in den Weg. „Was willst Du hier?“ fragte er mich. Ich sagte ihm dass man mir hier einen Schlafplatz zugewiesen hätte. Nun war er nicht mehr der Aufpasser. Sein Ton änderte sich schlagartig. Er sagte etwas mahnend: „Ich zeige Dir Deinen Platz, aber verhalte Dich ruhig. Die Frau Luna schläft jetzt“. Ja, wollte der Kerl mich auf den Arm nehmen? Wusste er, dass ich am Ende war? Warum musste er mich jetzt noch auf den Arm nehmen? In meiner Verfassung war mir das aber egal. Als ich auf die obere Pritsche stieg, sah ich rechts unter mir unter der Decke einen blonden Haarschopf hervorschauen. War ich jetzt total verrückt? War ich schon im Delirium, so wie der Schwerverwundete am 20. August 1944? Bald schlief ich ein.

Plötzlich wurde ich wachgerüttelt. Der „Aufpasser“ stand vor mir und forderte mich auf, sofort aufzustehen. Ich gehorchte willenlos. Er brachte mich nun in den Speisesaal. Dicht gedrängt saßen die Plennis. In der ersten Reihe saßen die russischen Lageroffiziere mit ihren Frauen. Der Vorhang war geschlossen. Sofort dachte ich an das Kriegstribunal in Murmansk. Wollte man mich jetzt auf so eine schäbige Art und Weise vornehmen?

Der Vorhang ging auf. Aber nicht ein Kriegsgericht saß da, sondern eine blonde Frau saß da auf einer Mondsichel und sang ein Lied. Schon nach kurzer Zeit wurde es in der ersten Reihe sichtlich unruhig. Kaum war der Vorhang gefallen, da sprang der russische Lagerleiter auf und verschwand hinter dem Vorhang. Ich hörte ein erregtes Reden. Dann kam er wieder zurück und setzte sich wortlos auf seinen Platz. Als der Vorhang wieder geöffnet wurde und die Blonde wieder auf ihrer Mondsichel saß und sang, wurde in der ersten Reihe wieder getuschelt. Nach der Vorstellung brachte mich der „Aufpasser“ wieder auf die Stube. Ich legte mich hin und schlief bald ein. Schallendes Gelächter weckte mich auf. Da hatte wohl wieder einer einen bösen Witz gerissen. Für so etwas hatte ich in meiner Verfassung aber kein Interesse. Als dann erneut laut gelacht wurde, drehte ich mich um. Hatte ich schon Halluzinationen? Da sah ich im Kreise der Plennis tatsächlich den blonden Schopf der Frau Luna. Verwirrt schlief ich bald wieder ein.

Am nächsten Morgen stand der „Aufpasser“ schon wieder da und weckte mich. Er klärte dann die ganze Sache auf. Der Lagerleiter war gestern sehr erbost. Er hatte den Verdacht, dass ohne seine Genehmigung eine Frau in das Lager gebracht wurde. Das konnte er nicht durchgehen lassen. Als man ihm dann auch noch erzählte, das sei keine Frau, sondern ein Plenni, wollte er das nicht glauben. Erst als die Frau Luna ihr Höschen herunterzog, glaubte er es.

Obwohl ich der Arbeitsgruppe 4 angehörte und von allen Arbeiten befreit war, wurde ich auch weiterhin im Lager zu Hilfsarbeiten herangezogen. Drei Jahre war ich nun in Gefangenschaft. Bisher hatte ich alles einigermaßen überstanden. Jetzt aber war ich am Ende. Warum hatte ich nicht auf den Vater gehört, als er mir im letzten Urlaub sagte, ich solle daheim bleiben, weil mich doch keiner vermissen würde? Aber ich wollte nicht das Risiko eingehen, als Fahnenflüchtiger vor das Kriegsgericht zu kommen. Das hätte Tod durch Erschießen bedeutet. Nun haderte ich mit mir. Wenn sie mich damals erschossen hätten, dann wären mir die letzten drei Jahre erspart geblieben.

Langsam ging es mir wieder etwas besser. Was war der Grund? War es das „Medikament“ des Sanitäters? Oder die Fürsorge des „Aufpassers“? Oder der nun einsetzende Frühling? Oder alles zusammen?

Zufällig traf ich einen Kameraden unserer Murmansker Brigade. Wir sprachen über die Zeit damals. Und über die Rückstellungen von den Heimkehrertransporten. Als ich den Namen meines Tauschpartners nannte, sagte er, dieser hätte als Spitzel für den NKWD gearbeitet. Obwohl ich mich nun erinnerte, wie er mich nach meinem Lebensweg fragte, als wir die Fundamente für die finnischen Fertighäuser machten, wollte ich es nicht glauben. Eine derartige Hinterhältigkeit wollte ich ihm nicht zutrauen.

Im Lager herrschten ungute Verhältnisse unter den Gefangenen. Weniger unter den Deutschen. Die Rumänen hatten es verstanden, von der russischen Lagerleitung Zugeständnisse zu erhalten. Sie beherrschten den Speisesaal. Die deutsche Lagerleitung war vollkommen machtlos. Wehrte man sich gegen die Rumänen, dann wurden sie brutal.

Lange überlegte ich mir, wie ich zu Brot und Geld kommen könnte. Da kam mir eine Idee. Wir durften nun auch Briefe schreiben. Aber es war schwer, an Briefumschläge zu kommen. Ich ließ mir von einer Baustelle einen leeren Zementsack bringen. Aus der mittleren Papierlage fertigte ich Briefumschläge. Die wollte ich, das Stück für einen Rubel, verkaufen. Da ich aber keinen Klebstoff hatte, wollte sie niemand haben. Als ich mich daran erinnerte, dass wir als Kinder Mehlkleister machten, versuchte ich, an Mehl zu kommen. Ich passte einen günstigen Zeitpunkt ab und bat einen deutschen Koch um einen Löffel Mehl. Er wollte zunächst nicht. Als ich ihm die Sache mit den Briefumschlägen erklärte, gab er mir das Mehl. Nun hoffte ich, meine Briefumschläge anzubringen. Als die Rumänen das merkten, griffen sie mich an und vertrieben mich aus dem Speisesaal. Damit war diese Möglichkeit, an Rubel zu kommen, auch weitgehend verdorben.

Obwohl die Arbeit im Schacht sehr schwer war, gab es nur Essen mit geringem Nährwert. Es bestand aus grünen Tomaten, Gurken und Weißkraut. Die Bezeichnung „Bodenseesuppe“ wäre schon eine Übertreibung gewesen. Aber diese „Zutaten“ wurden auf den Feldern hinter dem Lager angebaut. Das war für die Lagerkasse günstig, denn die Arbeitsgruppen 3 und 4 wurden hier eingesetzt.

Auf unseren Rotkreuz-Karten durften keine Ortsangaben gemacht werden. So wussten meine Eltern nicht, in welcher Gegend ich war. Als ein mir bekannter Würzburger entlassen wurde, kam mir eine Idee. Er war ein Arbeitskollege eines früheren Nachbarn. Seinen Namen durfte ich nicht nennen. Aber er hatte an der Lippe eine große Warze. Deshalb schrieb ich meine Eltern, sie mögen einen Gruß an den lippenwarzigen Berufskameraden des Nachbarn ausrichten. Wie ich später erfuhr, konnte die Adresse ausfindig gemacht werden. Nun wussten meine Eltern, wo ich in Gefangenschaft war.

Nach kurzer Zeit wurde wieder einmal gerüchteweise von einer Lagerauflösung und der Heimkehr aller Plennis gesprochen. Als mir zufällig mein früherer Brigadier Otto begegnete, sprach ich ihn deswegen an. Er sagte, dass das Lager tatsächlich aufgelöst werden solle. Er könne in die Liste Einblick nehmen. Auf meine Bitte hin sah er die Liste an und fand auch meinen Namen. Aber mein Name war durchgestrichen. Warum er durchgestrichen war, war nicht in Erfahrung zu bringen. Nun war wieder eine Hoffnung dahin. Aber warum wurde ich immer wieder von der Heimkehr ausgeschlossen?

Nun war es offiziell. Der letzte Arbeitstag im Schacht ging zu Ende. Einer der Plennis wollte den Aufstieg nicht zu Fuß machen. Er setzte sich auf einen der schräg hochfahrenden Wagen. Dieser entgleiste, der Plenni wurde tödlich verletzt.

Am folgenden Tag wurden beim Zählappell einige Plennis anhand einer Liste aufgerufen. Sie wurden auf einen LKW geladen und sofort weggebracht. Ich war auch dabei.

Wir wurden in das Hauptlager nach Krasny Lutsch gebracht. Ich kam in den Lazarettbau. Damit war bestätigt, dass ich noch in die Arbeitsgruppe 4, vorübergehend invalid, eingestuft war. Sofort wurde mir der Posten eines Putzers bei den beiden Propagandisten aufgetragen. Es war eine leichte und angenehme Arbeit. Die Tätigkeit der Propagandisten war es, die Plennis „aufzuklären“. Und zwar im Sinne des Sowjetregimes. Sie waren beide in Ordnung. Meine anfängliche Befürchtung, hier ausgehorcht zu werden, war unbegründet. Sie stellten keine Fragen und waren somit auch keine NKWD-Spitzel. Ich war mir sicher, dass sie nur Interesse daran hatten, gut über die Runden zu kommen.

Im Lazarett war neben der russischen Ärztin auch ein deutscher Arzt. Der ließ mich kommen und fragte mich, ob ich einem Kameraden Fußeinlagen machen könnte. Er hätte schwere Plattfüße. Ich sagte zu. Woher der Arzt seine Kenntnisse über meinen Beruf hatte, war mir nicht bekannt. Aber gewundert hat mich das doch, denn darüber hatte ich in diesem Lager noch nicht gesprochen. Zuerst machte ich Gipsabdrücke. Dann ging ich an die Fertigung der Einlagen. Das gewohnte Werkzeug war nicht vorhanden. Auch das dazu gebräuchliche Duraluminium gab es nicht. Nur 3 mm dickes Eisenblech. Als die Einlagen fertiggestellt waren, wurden sie dem Arzt vorgestellt. Er war zufrieden. Da dann aber die mit ziemlicher Sicherheit notwendigen Korrekturen nicht vorzunehmen waren, wurden die schwergewichtigen Einlagen wohl kaum getragen.

Kurz danach war man der Ansicht, dass ich nun wieder arbeitsfähig sei. Dabei wurde ich nicht von Arbeitsgruppe 4 in 3 hochgestuft, sondern gleich in 2. Nun musste ich wieder ganztägig arbeiten.

Auf dem Schacht 17 wurde neben der Förderanlage eine Kohleaufbereitungsanlage erstellt. Wir gruben für das Fundament des mehrstöckigen Betonbaues ein mächtiges Loch. Maschinen gab es nicht, nur Schaufel, Brechstange und Schubkarre. Da das Erdreich aufgefüllt war, konnten wir es leicht lösen. Aber von Zeit zu Zeit stürzten die lockeren Seitenwände ein. Die Grube wurde deshalb größer als geplant. Als dann mit Bruchsteinen und viel Mörtel das Fundament erstellt wurde, war man über die Menge des notwendigen Zements erstaunt. Das hätte man zwar mit einer Verschalung verhindern können, aber die wollte man sich sparen.

Als das Fundament fertig war, hatte schon der Winter begonnen. Man zog uns hier ab und schickte uns zu einer anderen Baustelle. Hier wurde in großer Kulturbau errichtet. Als der Winter richtig einsetzte, wurden die großen Außenwände hochgemauert. Obwohl die Minustemperaturen 25 Grad erreichten, wurde weitergebaut. Die Vorschriften sahen vor, dass ab 25 Grad die Außenarbeiten einzustellen sind. Selbst als es noch kälter wurde, wurde hier weitergearbeitet. Als wir nach der Temperatur fragten, wurde sie mit 28 Grad angegeben. Als es noch kälter wurde, waren es immer noch 28 Grad. Daraus schlossen wir auf einen Notstand. Wenn der Plan im Verzug war, dann gab es wohl eine Sonderregelung bis 28 Grad.

Aber damit hatte man wohl schon von Anfang an gerechnet. Schon beim Bau des Kellers im Sommer wurde dort eine Mischmaschine untergebracht. Nun wurde der gefrorene Sand in einem Nebenraum auf einer großen Stahlplatte mit Feuer erwärmt. Dann wurde der Mörtel gemischt und in kleine Behälter gefüllt. Diese wurden dann mit dem Aufzug hochgefahren. Dort standen wir und brachten den Mörtel im Laufschritt zum Maurer. Der kippte den Mörtel aus, verteilte ihn mit der Kelle und setzte den Backstein auf. Wurde der Stein nicht richtig platziert, dann musste er an seinem Platz bleiben, da er schon angefroren war. Als im Frühjahr die etwa 50 Meter lange Außenwand einer Kontrolle unterzogen wurde, wurde in der Mitte der Wand eine Abweichung von 37 cm festgestellt. Die Wand wurde nicht etwa neu errichtet, sondern die Abweichung ausgemauert. Dies wurde mir so von unseren Plennis berichtet.

Ich selbst war im Frühjahr schon wieder bei der Aufbereitungsanlage von Schacht 17 tätig. Dort hatten die russischen „Spezialisten“ die unteren Säulen betoniert. Als man uns mit der Entfernung der Schalung beauftragte, stellten wir in der Ecksäule ein großes Loch fest. Hier war mit der Einfüllung des Betons nicht gründlich gearbeitet worden. Der Natschalnik meinte dazu nur „nitschewo“ (macht nichts). Er ließ die Lücke mit Mörtel füllen. Als der Bau später eine Höhe von etwa 20 bis 25 Metern erreicht hatte, bekam ich Zweifel, ob die Ecksäule der Belastung standhalten würde.

Rotkreuz-Abkommen
Im August 1949 wurde vom Roten Kreuz das Genfer Abkommen über die Behandlung Kriegsgefangener zur Unterzeichnung vorgelegt. Offiziell wurden wir davon nicht unterrichtet. Es gab jedoch Gerüchte, die besagten, dass Kriegsgefangene 90 Tage nach Inkrafttreten des Abkommens heimgeschafft werden müssten. Das hat bei uns wieder Hoffnung auf die nun baldige Beendigung der nun schon mehr als vier Jahre dauernden Gefangenschaft gemacht. Ein russischer Offizier soll die Verzögerung mit fehlenden Transportmitteln begründet haben.

Es dauerte auch nicht lange, bis wieder einmal ein Gerücht von der Auflösung des Lagers die Runde machte. Eines Tages wurde mir mitgeteilt, ich solle am nächsten Tag nicht zur Arbeit gehen. Ich solle mich am Morgen im Verwaltungsgebäude melden. Als ich das angegebene Zimmer betrat, saß da ein russischer Offizier vom NKWD. Ohne mich nach meinem Namen zu fragen, deutete er auf mich und rief mir zu: „Du warst bei der Waffen-SS!“ Diese Anschuldigung wies ich sofort und nachhaltig zurück. Er aber blieb jedoch dabei. Er sah in seine Akte und stellte alle Fragen, die vor knapp vier Jahren schon einmal beantwortet hatte, erneut. Mein ganzer Lebenslauf, der meiner Eltern und eine ganze Reihe weiterer Fragen waren da enthalten. Ich beantwortete alle so wie vor vier Jahren. Sie waren alle wahrheitsgetreu. Nur die Frage, ob ich Freiwilliger war oder gezogen wurde, beantwortete ich ausweichend mit „Ich hatte einen Gestellungsbefehl erhalten“. Alle meine Antworten wurden zuerst mit den Akteneinträgen verglichen und dann erneut niedergeschrieben. Nach einer guten Stunde legte er mir den Schriftsatz zur Unterschrift vor. Da ich des Russischen weder in der Sprache noch in der Schrift mächtig war, verweigerte ich die Unterschrift unter dem russischen Schriftsatz. Ich sagte jedoch, ich wäre bereit, eine Fassung in deutscher Schrift zu unterschreiben. Seine Antwort darauf war: „Dann kommst Du eben nicht heim“. Er war wütend und schickte mich weg.

Auf der Stube redete ich mit einem älteren Kameraden, der mein Vertrauen hatte. Er kam zu dem Schluss, dass ich es unterschreiben könnte, wenn ich wieder nicht entlassen würde. Überzeugen konnte mich das nicht. Aber nachdem ich eine Nacht geschlafen hatte, war ich doch zur Unterschrift bereit. Ich ging wieder zum Zimmer des NKWD-Offiziers. Dort traf ich jedoch eine uniformierte Frau an. Ich erklärte, nun zur Unterschrift bereit zu sein. Sie holte die Akte hervor, studierte sie eingehend und führte die ganze Befragung noch einmal durch. Wieder beantwortete ich alle Fragen in der gleichen Weise. Dann legte sie mir ihren Schriftsatz zur Unterschrift vor. Ich unterschrieb und wurde dann entlassen. Es kam mir merkwürdig vor, dass sie einen neuen Schriftsatz angefertigt hatte. Der Stubenkamerad meinte jedoch, dass die geklärten Fälle nach einem Punktesystem bewertet würden. Nun war mir auch klar, warum der NKWD-Offizier so wütend war, als ich die Unterschrift verweigerte.

Ich ging wieder zur Arbeit. Im Herbst wurde uns die baldige Entlassung angekündigt. Vorher sollten wir jedoch einen Brief an Stalin unterschreiben, in dem wir uns für die gute Behandlung bedankten