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Drei Wochen westwärts Drucken E-Mail

Dann, im Oktober 1949, wurde die Auflösung des Lagers tatsächlich in Angriff genommen. Man sagte uns am Morgen, dass dies der letzte Arbeitstag sei. Wir glaubten es auch. Gearbeitet wurde an diesem Tag kaum noch. Am folgenden Tag wurden wir neu eingekleidet. Ein letzter Appell wurde abgehalten. Am Ende wurden wieder anhand einer Liste Namen verlesen und die Aufgerufenen abgesondert. Nun kam mir der Dankbrief an Stalin in den Sinn. Warum hatte ich nicht unterschrieben? Bekam ich nun die Quittung dafür? Mein Name wurde nicht verlesen. So war es also doch gut, dass ich für die Akte meine Unterschrift gegeben hatte. Mein Fall war also geklärt. Warum hatte man mit der Klärung aber mehr als zwei Jahre gewartet und mich mehrmals bei den Entlassungen ausgenommen?

Am folgenden Tag wurden wir zur Bahn gebracht und verladen. Es ging in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Das Misstrauen wurde wieder wach. Nach längerer Bahnfahrt wurden wir auf einem Rangierbahnhof herausgeholt. Also wurden wir wieder einmal belogen. Wir marschierten ein ganzes Stück. Dann kamen wir zu einem neuen Zug. Warum ein neuer Zug? Was hatte man mit uns vor? Und wieder fielen mir die Offiziere der polnischen Armee ein. Warum hatte man in Katyn so gehandelt? Doch nur, weil man in ihnen Andersdenkende sah. Was waren wir, die immer wieder von den Heimkehrertransporten zurückgestellt wurden? Doch auch welche, die man ausschalten musste. Da gab ich mich keinen Illusionen hin. Und wieder dachte ich an den Schuhmacher, dem man 10 Jahre Zwangsarbeit aufgebrummt hatte. Aber der hatte doch schon nach einem halben Jahr eine Rotkreuzkarte von daheim geschrieben. War das nur ein Täuschungsmanöver? War der gar nicht daheim?
Wir stiegen in den neuen Zug. Er unterschied sich innen nicht vom anderen Zug. Als er losfuhr, ging die Fahrt unverändert nach Westen. Also doch in die Heimat? Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Dann kam die Lösung. Unser ankommender Zug fuhr auf der russischen Breitspur. Nun waren wir in Polen auf der Normalspur. Neue Hoffnung keimte wieder auf. Als wir nach langer Fahrt auf einem kleinen Bahnhof hielten, stieg aus einem anderen Waggon eine junge Frau aus und ging zur Bahnhofstoilette. Das war neu. Bisher mussten wir das Loch im Boden des Waggons als Toilette benutzen. Der nächste große Bahnhof war wohl der Endpunkt der Fahrt. Hier stiegen wir aus und wurden zu einer Kaserne geführt. Nun erfuhren wir, wo wir waren. In Gronenfelde, einem Vorort von Frankfurt an der Oder. Wir waren also schon in Deutschland.

Wir wurden einzeln in ein Büro gebracht. Dort erhielten wir ein Papier. Auf der einen Seite in Russisch, auf der anderen in unserer Sprache. Auf der deutschsprachigen Seite stand oben links: Ministerium der Streitkräfte UdSSR (also nicht mehr NKWD). Dann: Ehemalig Kriegsgefangener FXS, geboren 1925, ist aus dem Kriegsgefangenenlager entlassen worden und befindet sich auf der Heimreise nach Bad Mergentheim. Dazu gab es noch eine Geldgabe als Heimkehrerunterstützung von der deutschen Behörde der russischen Besatzungszone. Das geschah am 31. Oktober 1949, 4 ½ Jahre nach der Gefangennahme. Wir durften jetzt auch kostenfrei ein Telegramm an die Angehörigen schicken. Ich teilte darin mit: Frankfurt entlassen. Eintreffe wahrscheinlich Mittwoch.

Am folgenden Tag wurden wir einem Rotkreuzler aus dem Heimatland überstellt. Wir stiegen nun in einen Personenzug und fuhren Richtung Süden los. In Leipzig hatten wir einen längeren Aufenthalt. Dort kaufte ich vom Ostgeld der Heimkehrerunterstützung ein belegtes Brötchen für 3,50 Ostmark. Dann ging es weiter zur Zonengrenze bei Hof. Am Grenzübergang standen einige Uniformierte. Es waren keine Russen, sondern Volkspolizisten der Ostzone. Sie forderten uns im Befehlston auf, die Entlassungsscheine abzugeben. Wir würden einzeln aufgerufen und könnten dann die Zonengrenze passieren. Der Rotkreuzler kannte das schon. Er stand am hinteren Ende und sagte: „Wenn das so abläuft, dann bekommen wir den Anschlusszug nicht mehr“. Den Schikanen der NKWD (NKWD ist etwa vergleichbar mit geheimer Staatspolizei) waren wir hilflos ausgeliefert. Nun spielten sich die deutschen Volkspolizisten, also unsere Landsleute, in der gleichen Weise auf. Das fanden wir unverschämt. Mit lauten Rufen forderten wir auf, das Verfahren zu beschleunigen. Dem wurde zunächst keine Beachtung geschenkt. Als die Proteste lauter wurden, gab man doch nach. Wir konnten jetzt mit dem Schein in der Hand die Grenze passieren. Wir kamen gerade noch rechtzeitig. Kaum waren wir eingestiegen, fuhr der Zug auch schon los. Es ging über Nürnberg nach Ulm.

Kaum stand der Zug in Ulm, da rief ein Zivilist: „Ist hier ein S. dabei?“ Der Schreck fuhr mir in die Glieder. Geht das bei den Amerikanern im selben Stil weiter? Hatten die Russen doch Recht, als sie uns die unglaublichen Methoden der Amerikaner vortrugen? Ich dachte schon an eine Flucht. Sollte jetzt, kurz vor dem Ziel, alles so weitergehen wie bei den gnadenlosen Russen? Aber wenn man mich dann fassen würde, könnte ich dann mit einer so fairen Behandlung rechnen wie bei den Tschechen? Oder würde man mich erschießen, so wie das kurz vor Auschwitz den drei Geflohenen geschah? Nein, so ein Risiko wollte ich nicht noch einmal eingehen. Ich hob die Hand und ergab mich dem Schicksal.

Doch es kam ganz anders als ich es befürchtet hatte. Der Zivilist sagte, er hätte von meinem Vater den Auftrag, nach mir zu suchen. Er würde sofort den Vater verständigen. Nun war ich wieder beruhigt. Es war jetzt Mitternacht. Wir wurden in eine Kaserne gebracht. Ich hatte nur eines im Sinn: endlich schlafen. Aber wieder kam es anders. Man drückte uns einen Fragebogen in die Hand und sagte: „Sofort ausfüllen und abgeben! Andernfalls wird es morgen mit der Heimreise nichts.“ Ich füllte den Bogen aus und gab ihn ab. Dann legte ich mich schlafen.

Als ich am Morgen beim Frühstück saß, suchte mich schon wieder jemand. Ich wurde zu einer Dienststelle gebracht. Dort saß ein Amerikaner in Uniform. Schon ging die Ausfragerei erneut los. Er wollte wissen, wo ich war. Die Zeit als Soldat bei der Wehrmacht schien nicht von Interesse zu sein. Die Gefangenschaft in der Sowjetunion erregte seine Neugierde. Auch er schrieb alles auf. Dann schob er mir Papier und Bleistift hin und verlangte einen Plan von Murmansk. Besonders die Werft sollte ich zeichnen. Da ich aber in den Gebäuden kaum war, konnte ich nur oberflächliche Angaben machen.

Kaum war ich auf der Stube angekommen, wurde mir ein Dokument übergeben. Es war ein Einstellungsbeschluss vom Kläger der Spruchkammer. Man teilte mir mit, dass das Verfahren gegen mich eingestellt sei. Mir wurde bestätigt: „ Es besteht auch auf Grund des Ergebnisses der Ermittlungen kein hinreichender Verdacht, dass der Betroffene Hauptschuldiger oder Belasteter ist“. Erst auf Befragen erfuhr ich, was dieses „Dokument“ für einen Sinn hatte. Hier wurde mir bestätigt, dass ich keiner von den hohen Nazis war. Ich hätte beinahe einen Wutanfall bekommen. Als Hitler Reichskanzler wurde, war ich noch keine acht Jahre alt. Als er den Krieg begann, war ich vierzehn. Und als ich eingezogen wurde, war ich 17 ½. Mit 19 ½ kam ich in Gefangenschaft. Nach 4 ½ Jahren „Wiedergutmachung“ war ich endlich frei. Jetzt forschte man nach, ob ich Hauptschuldiger war. Was hatten die Kerle denn da, wo andere das Hirn haben?

Anschließend schickte man mich noch zu einem Arzt. Dieser untersuchte mich und bescheinigte mir, dass ich weder Ungeziefer noch ansteckende Krankheiten hatte. Am Nachmittag wurde ich dann in die Freiheit entlassen. Mit dem Zug fuhr ich nun in Richtung Bad Mergentheim. Kurz vor Crailsheim sagte mir der Schaffner: „Der Zug endet in Crailsheim und ein Anschluss nach Bad Mergentheim besteht erst am nächsten Tag“. Als ich in Crailsheim ausstieg, kam schon mein Vater auf mich zu. Sein Ulmer Informant hatte meine Ankunft mitgeteilt. Einsam standen noch einige Entlassene auf dem Bahnsteig. Mein Vater holte sie und wir stiegen alle in die Taxe, mit der mein Vater gekommen war, ein. Die Zivilinternierte war auch dabei. Nachdem wir alle daheim abgesetzt hatten, kamen wir im Morgengrauen heim. Über der Wohnungstür hing ein Begrüßungsschild. Lange unterhielten wir uns noch. Beinahe ein halbes Jahrzehnt war ich fort gewesen. Lange Zeit war ungewiss gewesen, ob ich die letzten Tage des Krieges und das erste Jahr der Gefangenschaft überstanden hatte, da erst im April 1946 die Rotkreuz-Karte angekommen war.

Nachdem ich mich erst einmal ausgeschlafen hatte, gingen wir einkaufen. Endlich konnte ich die Plenni-Kleidung ablegen. Meine erste Uhr bekam ich auch. Und dann kam der Hammer. Mit dem Entlassungsschein ging ich zum Einwohnermeldeamt auf dem Rathaus. Dort nahm man meine Personalien auf. Nachdem der Papierkram erledigt war, wurden von mir erstmals Fingerabdrücke abgenommen. War ich ein Schwerverbrecher? So endete die „schöne“ Jugendzeit.

Damit konnte ich einen Strich unter das Vergangene ziehen. Die Zukunft lag aber noch vor mir. Dazu gehörte der Beruf. Ich hatte wohl die drei Lehrjahre hinter mir, aber der Abschluss, die Gesellenprüfung, fehlte noch. Besonders die Theorie hatte noch beachtlichen Nachholbedarf. Ein ganzes Jahr bis zur nächsten Gesellenprüfung hatte ich daran zu arbeiten. Dann legte ich die Prüfung mit einem Notendurchschnitt von 2,3 ab.

Zwischen dem Ende meiner Lehrzeit und der Gesellenprüfung lagen 7 ½ Jahre. Verloren waren sie zeitlich. Aber an Lebenserfahrung waren sie unübertrefflich. Trotz der schweren Zeiten möchte ich sie nicht missen.